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Aus der Stadt Woher kommt Hannovers schlechter Ruf?
Hannover Aus der Stadt Woher kommt Hannovers schlechter Ruf?
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00:30 06.02.2015
Von Rüdiger Meise
Seit dem 19. Jahrhundert arbeitet die Stadt ehrgeizig an ihrem Image. Quelle: Archiv
Hannover

Langweilig, leidenschaftslos, provinziell, sauber und mittelmäßig. So sehen angeblich viele Menschen Hannover. Wie lange diese Attribute der Stadt bereits anhängen, überraschte jüngst gut hundert Zuhörer im Stadtarchiv. Sie waren gekommen, um einen Vortrag der Historikerin Vanessa Erstmann zum Image der Stadt zu hören. Ein Raunen ging durchs Publikum, als Erstmann enthüllte: Sie entstammen Reiseberichten aus dem 19. Jahrhundert. „Nach der Annektierung des Königreichs Hannover durch Preußen im Jahr 1866 wurde die Beamten- und Garnisonsstadt sogar aus amtlicher Sicht zur Provinz“, sagt Erstmann.

Historikerin Vanessa Erstmann. Quelle: Eberstein

Böse Zungen meinen, dass Hannover überhaupt nur Residenzstadt der Welfen geworden ist, weil sie so unbedeutend war, dass sie im Dreißigjährigen Krieg unzerstört blieb. Wie dem auch sei – nicht nur die schlechte Reputation Hannovers hat eine lange Geschichte, sondern auch die Versuche der Hannoveraner, daran etwas zu ändern. Im April 1883 gründeten interessierte Bürger den Hannoverschen Verkehrsverein – der sich vor allem mit einer Frage beschäftigte: Wie wird Hannover für Gäste attraktiver? Das Grundproblem – fehlende Landmarken wie Gebirge oder Küste – hat sich bis heute nicht verändert. An der Antwort tüftelt Hans Nolte, Chef des Verkehrsvereins-Nachfolgers Hannover-Marketing, immer noch.

„Großstadt im Grünen“

Der erste Hannover-Fremdenführer des Verkehrsvereins betonte 1904 die Vorzüge der Stadt: Waldungen, Parkanlagen, Gärten und Garnisonen. Mit Ausnahme der Garnisonen klingt diese Liste noch heute erstaunlich aktuell. Der Slogan „Großstadt im Grünen“ stammt aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, verblüfft Erstmann ihr Publikum erneut.

Weil aber eine allzu grüne Großstadt herzlich wenig Urbanität ausstrahlt, suchte man sich andere Imageträger: Der äußerst ambitionierte Rathausbau 1913 sei nur vor diesem Hintergrund zu verstehen, sagt Erdmann. Die markante Kuppel ist noch heute ein Alleinstellungsmerkmal unter allen deutschen Rathäusern. Die Rathauseröffnung mit Kaiser wurde flankiert von einer groß angelegten Sport- und Festwoche, die deutschlandweit Beachtung fand. 266 000 Gäste reisten an – die Stadtväter feierten den medialen Coup mit dem Slogan „Hannover – Sportstadt ersten Ranges“. Eine Formulierung, die auch Stephan Weil in seiner Zeit als Oberbürgermeister gern bemühte.

„Schlechtes Klima, keine Landschaft, flach alles, riesig öde.“

Man kann Hannover wirklich nicht vorwerfen, sich nicht ausreichend um seinen Ruf als lebenswerte Stadt bemüht zu haben: Der Image-(stumm)film „Das Gesicht einer Stadt“ lief ab 1932 in vielen Kinos im Land und auf Passagierdampfern, 1936 erfüllte Oberbürgermeister Arthur Menge den lange gehegten Wunsch nach einem See in der Masch, 1937 ließ er die Herrenhäuser Gärten restaurieren. Trotzdem schrieb der Dichter Gottfried Benn über Hannover: „Schlechtes Klima, keine Landschaft, flach alles, riesig öde.“

Viele Slogans kamen und gingen: Reiterstadt, Fliegerstadt, Stadt der Leseratten. Fakt ist, dass Hannover nach dem Zweiten Weltkrieg die Stadt mit dem größten Trümmerberg war. Der große Coup gelang 1947 mit der Ausrichtung der ersten Exportmesse – Hannover wurde Messestadt und ist es bis heute geblieben.

Der Wiederaufbau als „autogerechte Stadt“, zunächst als „Wunder von Hannover“ bundesweit bejubelt, trug der Landeshauptstadt bald Kritik ein: Als spießig, kühl und sachlich wurde Hannover laut einer Studie aus dem Jahr 1969 empfunden. Schon damals urteilte die hiesige Presse: „Hannover ist besser als sein Ruf“. Auch daran hat sich wenig geändert. 

Ab den 1970er-Jahren versuchten Stadtdirektor Martin Neuffer oder der legendäre Imagepfleger Mike Gehrke der Bevölkerung mehr Lebensfreude zu verordnen: Straßenkunst, Altstadtfest, Flohmarkt oder Swinging Hannover wirken bis heute nach. Unermüdlich kämpfte Gehrke – dessen Amt als Stadtimagepfleger bis heute deutschlandweit einmalig war – für die Ausrichtung der Expo 2000. Die Weltausstellung markiert nach Ansicht vieler Beobachter einen Wendepunkt in der Wahrnehmung der Stadt.

Messbar ist der langsame Imagewechsel zum Positiven seit etwa sieben Jahren, sagt Tourismus-Chef Hans Nolte. „Seitdem steigt die Bedeutung der Stadt als Reiseziel kontinuierlich an“, sagt er. „Und in eine Stadt, die kein Image hat, reist man nicht.“

Schluss mit Negativklischees

Jahrelang haben deutsche Medien Negativklischees über Hannover gepflegt – doch diese Masche hat sich abgenutzt. Seit einiger Zeit schneidet die Stadt in bundesweiten Veröffentlichungen immer besser ab, wie Studien der Kommunikationsberatung Aserto aus der List zeigen.

Das Spotten über Hannover gehörte zum festen Repertoire von Journalisten oder Kabarettisten, die als anspruchsvoll gelten wollten. So wurde die „Süddeutsche Zeitung“ gelegentlich verdächtigt, ein eigenes Ressort für die Verächtlichmachung Hannovers zu unterhalten. Noch 2010 befand die „Tageszeitung“ (taz): „Hannover ist die langweiligste Stadt des Landes.“ Medien, die etwas auf sich hielten, spiegelten diese Ansicht, sagt Lars Harden, Chef von Aserto. Auffällig viele Beiträge hätten nicht selbst kritisiert, sondern dieses Image lediglich aufgegriffen.

Zweimal füllte Hannover das nachrichtenarme „Sommerloch“ von Zeitungen und Sendern: Als zu Beginn der Expo im Juni 2000 zunächst nur wenige Besucher nach Hannover kamen, liefen die Bilder des leeren Expo-Geländes auf allen Kanälen. Und als Gerhard Schröder als Bundeskanzler 2003 verkündete, dass er seinen Urlaub in Hannover verbringt, hatten viele Medien erneut ein Thema gefunden: „Nicht gerade eine Reise wert“, befand auch die „Frankfurter Allgemeine“. Harald Schmidt witzelte, man könne von Hannover aus den Arsch der Welt gut sehen.

Schmidts Abneigung gegen die Stadt an der Leine liege wohl an einem missglückten Auftritt im Theater am Aegi, sagt Historikerin Vanessa Erstmann. Persönlichkeiten wie Schröder, Lena Meyer-Landrut oder Robert Enke hätten ein Umdenken im Land eingeleitet. Doch gibt Hannovers Tourismus-Chef Hans Nolte zu bedenken: „Ein Imagewandel ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf.“

Bei der Verbrauchermesse ABF (Auto, Boot, Freizeit) wird in diesem Jahr einiges anders. Die Messe wird von neun auf fünf Tage verkürzt. Den vermuteten Besuchereinbruch wollen die Veranstalter mit neuen Sportevents begrenzen. Die ABF soll vom 11. bis 15. Februar immerhin noch 60.000 Besucher aufs Messegelände locken.

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