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Aus der Stadt Als Hannover Welthauptstadt der Tonträger war
Hannover Aus der Stadt Als Hannover Welthauptstadt der Tonträger war
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00:20 20.03.2015
Von Simon Benne
„Einige Sänger fielen in Ohnmacht, als sie ihre eigene Stimme hörten“: Kuratorin Gabriela Kilian zeigt Raritäten aus der Frühzeit der Tonaufnahmen – wie diese dicke Edison-Schallplatte.
Quelle: Thomas
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Hannover

Verheißungsvolles Knistern. Der Plattenteller dreht sich, die Nadel läuft die Rille entlang – und dann erklingt der „Pepita-Marsch“. Gespielt von einem Orchester, dessen letzter Musiker schon vor Jahrzehnten verblichen ist. Ein Stück konservierte Vergangenheit tönt da aus dem Trichter des 90 Jahre alten Tischgrammophons: „Es gab Sänger, die fielen in Ohnmacht, als sie zum ersten Mal ihre eigene, aufgezeichnete Stimme hörten“, sagt Gabriela Kilian. Dann zieht sie das Federlaufwerk des Grammophons mit der Kurbel wieder auf.

Das Museum für Energiegeschichte(n) in Hannover zeigt aktuell eine Sonderausstellung „78, 45, 33 - vom sanften Ton zum starken Sound“. Die Ausstellung lädt den Besucher zu einem Rundgang durch die Geschichte der Schallplatte ein.

Kilian ist Kuratorin der Ausstellung „78, 45, 33 – vom sanften Ton zum starken Sound“, die jetzt im Museum für Energiegeschichte(n) zu sehen ist. Es geht um ein Produkt, das von Hannover aus die Welt eroberte: die Schallplatte. Im Jahr 1877 war es Thomas Alva Edison gelungen, Töne mittels seines Phonographen zu konservieren. Zehn Jahre darauf erfand der gebürtige Hannoveraner Emil Berliner sein Grammophon.

Der begnadete Tüftler Berliner, der auch einen Hubschraubermotor, eine Hymne und einen Drink kreierte, setzte auf ein anderes Abtastverfahren als Edison: Bei seinem Grammophon bewegte sich die Nadel nicht auf und ab, sondern betastete gewissermaßen die Seiten der Rille. Und vor allem waren die Töne nicht, wie bei Edison, auf zerbrechlichen, zylinderförmigen Walzen gespeichert, sondern auf Platten, die sich überdies schnell herstellen ließen. „Edison dachte eher an ein Diktiergerät – Berliner dachte an Musik“, sagt Kilian. Im Konkurrenzkampf der Systeme, der sich damals entspann, sollte am Ende Kunst über Bürotechnik triumphieren. Wie Hörbeispiele in der Ausstellung belegen, klangen Platten aus Hannover auch deutlich besser als Walzen aus New York.

Die Ausstellung

Alles dreht sich um den Plattenteller: Die Ausstellung „78, 45, 33“ – benannt nach den Minutenumdrehungen von Schellackplatte, Single und LP – wird am Mittwoch mit geladenen Gästen eröffnet. Ab Freitag, 20. März, ist sie dann im Museum für Energiegeschichte(n), Humboldtallee 32, zu sehen. Informationen unter (05 11) 123 11 63 49 41.

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Beiprogramm. Unter anderem können sich Kinder am 10. April erklären lassen, wie Musik auf die Platte kommt und wie ein Grammophon funktioniert. Anmeldung: (05 11) 89 73 34 66. Am 24. April, 18 Uhr, spricht der Berliner Tonarchäologe Stephan Puille über die Anfänge der Schallplatte.

Die Legende berichtet, dass die ersten Platten der Deutschen Grammophon Gesellschaft 1889 in einem früheren Kuhstall an der Kniestraße gefertigt wurden – Hannovers Pendant zu Steve Jobs’ Garage. Sicher ist, dass auf dem Gelände der Berliner’schen Telefonfabrik damals zehn Platten pro Stunde gepresst werden konnten. Im Jahr 1904, zwei Jahre nach dem Umzug ins neue Werk an der Podbi, waren es schon 25 000 am Tag. Als auch Edison endlich auf Plattenproduktion umschwenkte, war Hannover längst eine Art Welthauptstadt des Tonträgerwesens: Im Jahr 1951 gingen hier dann die ersten LPs vom Band, 1982 wurden in Langenhagen die weltersten CDs in Massenproduktion hergestellt – und 2014 bekam die Stadt den Unesco-Titel „City of Music“ verliehen.

Die Technik der Berliner’schen Grammophone mutet heute primitiv an. In einer Gebrauchsanweisung von 1890 hieß es zur Lautstärkeregulierung: „Beim Trichter thue man bei gewünschter Tondämpfung Watte in diesen.“ Gleichwohl florierte der Plattenvertrieb: Bald warb die Deutsche Grammophon in 16 Sprachen, darunter persisch und hebräisch, für Schallplatten, made in Hannover.

Mit beeindruckenden Exponaten – das Museum hat vor fünf Jahren den Fundus der Deutschen Grammophon übernommen –, zeichnet die Ausstellung die Geschichte der Tonkonserven von der Spieldose bis zum Siebzigerjahre-Plattenspieler nach. Zu sehen sind rare 12-Zentimeter-Platten, um 1890 aus Hartgummi geprägt, von denen weltweit nur wenige Hundert Exemplare erhalten sind. Die Schellack-Platte setzte sich erst um 1896 durch. Frühe Grammophone haben Trichter wie Fledermausflügel, so groß, dass man Salatköpfe in ihnen versenken könnte. In den Salons technikbegeisterter Musikfreunde dienten solche gediegenen Möbelstücke auch der Repräsentation. Erst später, als Grammophone den Chic des Neuen verloren hatten, waren dezentere Trichter en vogue.

Dank Emil Berliners Erfindung konnten Musiker zu Weltstars werden. Und vermittels der Schallplatte fand die Symphonie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit den Weg aus elitären Konzertsälen in die Wohnstuben. Zumindest in die der Reichen: Im Jahr 1907 kostete eine Schallplatte bis zu 21 Mark – das entsprach etwa dem Wochenlohn eines hannoverschen Arbeiters.

Erst nach dem Krieg lösten Vinylplatten die alten Schellackscheiben ab. Elektrische Plattenspieler wurden mit Radios kombiniert – auch, weil sie deren Verstärker nutzten. Besucher treffen in der Ausstellung alte Bekannte wie Brauns „Schneewittchensarg“ oder Plattenspieler von Dual und Telefunken wieder. Gleich daneben liegen Platten von Trini Lopez, James Last oder Abba. Und von Helene Fischer. Denn Vinylplatten haben bis heute eine Fangemeinde; der Absatz wächst wieder – wenn auch auf niedrigem Niveau. Einige Firmen bieten beim Kauf der Platte den Download-Code für die digitalisierten Songs gratis dazu. Eine Idee, die von Emil Berliner stammen könnte.

Hörproben: So klang die Schallplatte früher

Der Sound der Nachkriegszeit: Die "Kolibris" singen "Wenn die Schwalben wieder kommen". Abgespielt wird die Aufnahme mit einem "Perpetuum Ebner"-Plattenspieler aus den Fünfzigerjahren.

Nachkriegszeit (585 kB)

Zackige Klänge: Eine Polydor-Aufnahme des "Pepita-Marsches", abgespielt mit einem Tischgrammophon aus den Zwanzigerjahren.

Pepitamarsch (709 kB)

Auf Zelluloidwalze aufgenommen: Casey Jones singt einen Schlager, abgespielt auf einem Phonographen von 1909.

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