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Aus der Stadt Jungautor stellt eigenes Buch vor
Hannover Aus der Stadt Jungautor stellt eigenes Buch vor
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17:28 19.11.2015
Von Martina Sulner
Sieht sich nicht als „Berufsautor“: Juan S. Guse.  Quelle: Tim Schaarschmidt
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Nein, nein, ihm sei nicht kalt, versichert Juan S. Guse. An einem Novembernachmittag sitzt er draußen vor einer Nordstadt-Kneipe, isst Currywurst mit Pommes und ruckelt in seinem kurzen Anorak hin und her.

Das habe aber nichts mit der Temperatur zu tun, sagt er, er sei einfach immer viel in Bewegung. Seit zwei Jahren lebt Guse, geboren 1989 in der Nähe von Offenbach, in Hannover. Hier studiert er Neue Deutsche Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaft - und hat neben dem Studium seinen ersten Roman geschrieben. „Lärm und Wälder“ ist im renommierten S. Fischer Verlag erschienen; am kommenden Montag stellt der Autor seinen Debütroman im Literarischen Salon vor.

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Tatsächlich wirkt Guse - in mehrfacher Hinsicht - ziemlich beweglich. Zum Interview ist er mit dem Skateboard gefahren. Sein Fahrrad sei ständig platt; da nehme er halt das Board. Mit seiner Frau und zwei Mitbewohnern wohnt er gleich um die Ecke und hält sich sowieso am liebsten in der Nordstadt auf. Wegen seiner Frau ist Guse nach Hannover gezogen, nachdem er zuvor in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert hat. Mit 17 habe er zu schreiben begonnen, erzählt er: „Das war ganz viel Schrott, aber von Anfang an war das für mich eine ernsthafte Angelegenheit.“ Vor vier Jahren entstanden dann die ersten „Studien“, wie er es nennt“, zu „Lärm und Wälder“ (S. Fischer, 317 Seiten, 19,99 Euro). Der Roman erzählt von ein paar Leuten in Buenos Aires, die sich - jeder auf seine Weise - vor den Unwägbarkeiten des Daseins zu schützen versuchen. Sei es dadurch, dass sie hinter hohen Mauern in einer „Gated Community“ leben oder ein autonomes Leben in den Anden zuführen versuchen, um der Brutalität der Gesellschaft zu entgehen. Solche „Aussiedlerfantasien“ interessierten ihn, die „Verklärung von Natur“ und die Frage, „warum Menschen Angst vor Kontrollverlust“ haben. Guse, dessen Mutter aus Buenos Aires stammt und der regelmäßig den argentinischen Teil seiner Familie besucht, redet schnell und gestikuliert viel. Manchmal hört er sich an, als sei er gerade in einem Literaturseminar - etwa wenn er über kollektive Fantasien über ein vermeintlich authentisches Leben spricht, über die „Fetischisierung der Archaik“. Dann wieder klingt er ganz handfest und selbstironisch - etwa als er erzählt, dass er gerne schreinere: „Eigentlich bin ich ja der intellektuelle Schnösel.“

Der redegewandte Autor wirkt selbstbewusst, aber nicht arrogant. Der Mittzwanziger scheint genau zu wissen, was er will - und was nicht. „Ich stelle mit meinem Buch Fragen an die Welt“, sagt er, „ich gebe keine Antworten.“ Seine Geschichte wirkt von der ersten Seite an bedrohlich und geheimnisvoll. Ist die erzählte Geschichte Ausdruck seiner Angst vor der Zukunft, vor Überwachung und Kontrolle? Nein, damit hat Guse wenig im Sinn: „Paranoia ist tendenziell überall möglich“, sagt er zwischen zwei Schlucken Holunder-Bionade lässig, „sie wird nur unterschiedlich ausgelebt.“

Bei allem literarischen Erfolg - der Roman ist in einem der wichtigsten deutschen Verlage veröffentlicht und viel (und meist positiv) rezensiert worden - bezeichnet Guse sich dennoch als Student und nicht als Autor. Dieser Unterschied ist ihm wichtig. „Ich möchte das Schreiben nicht als Beruf sehen“, sagt er, „ich möchte mich nicht irgendwann dazu zwingen müssen, um meine Miete bezahlen zu können.“ Zurzeit verdient er das Geld für die Miete mit einem Job an der Universität, aber auch mit Texten und Lesungen. Und selbst wenn er kein Dasein als „Berufsautor“ anstrebt: Er schreibt jeden Tag, steht meist um sechs Uhr auf, um bei seinem vollen Tagesprogramm dafür genügend Zeit zu finden. Denn seit Kurzem hat der bewegliche Mann ein neues Interesse: Mithilfe seine syrischen Mitbewohner lernt Guse gerade arabisch.

Gemeinsam mit Jakob Nolte liest Juan S. Guse am 23. November, 20 Uhr, im Literarischen Salon, Königsworther Platz 1.

Jutta Rinas 19.11.2015
Jörn Kießler 19.11.2015
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