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Aus der Stadt Hannovers Händler verkaufen zunehmend online
Hannover Aus der Stadt Hannovers Händler verkaufen zunehmend online
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09:03 20.02.2013
Schöner Shoppen: Lara Döring (links) und Nadine Stephan flanieren durch die City. Quelle: Herzog
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Hannover

Jetzt schimpfen wieder alle auf Amazon wegen der vielen Leiharbeiter und dem offenbar wenig zimperlichen Umgang mit den preiswerten Arbeitskräften. Buchhändler Dirk Eberitzsch staunt über solche Reaktionen: „Die Leute kaufen trotz all der Kritik dort - dabei muss das eigentlich niemand machen.“ Er hat sein Schaufenster in der Lister Meile großformatig zuplakatiert. „Im Internet kaufen? Ja! Bei Amazon kaufen? Nein!“ steht dort plakativ. „Dem Trend zum Einkaufen im Netz kann und will sich ja niemand entgegenstellen“, sagt Eberitzsch: „Aber den Hannoveranern ist offenbar nicht klar, dass man auch bei den örtlichen Händlern im Netz einkaufen kann.“

Tatsächlich hat sich viel getan in den vergangenen Jahren. Das oft beschworene Gegeneinander von stationärem Handel im Ladengeschäft und Onlinehandel im Internet hat sich aufgelöst. Die jungen, trendigen Marken brauchen die Innenstädte, wie etwa die aktuellen Ansiedlungen von Apple, Primark oder Hollister in Hannover beweisen. Und der traditionelle Handel braucht das Internet.

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Karstadt in Hannover zum Beispiel verzeichnet seit Monaten hohe Zuwachsraten mit seinem neuen Angebot Click & Collect. Hannover war einer der Pilotstandorte dafür, jetzt ist das Projekt bundesweit ausgedehnt worden. Geschäftsführer Peter Krause schwärmt: „Sie können Zigtausende Artikel aus unserem Sortiment per Internet bestellen - spätestens nach drei Tagen liegt die Ware in einer Filiale Ihrer Wahl zum Angucken, Ausprobieren und Mitnehmen bereit.“ Viele Kunden nähmen sich nicht mehr die Zeit zum ausgedehnten Einkaufsbummel. „Der Job, die Kinder, Sport und andere Freizeitbeschäftigungen werden immer wichtiger - da muss sich der Handel etwas einfallen lassen.“

„Es wird keinen Händler geben, der den Wettbewerb des Internets nicht spürt“, sagt HiFi-Händler Jürgen Thorenz aus der Karmarschstraße. Doch alle Kaufleute reagieren unterschiedlich darauf. Thorenz etwa lässt zwar derzeit seinen Onlineshop überarbeiten, in dem er Ausstellungsstücke und besondere Angebote vertreibt, ist aber sicher: „Bei HiFi im Qualitätsbereich, wo es viel ums Hören geht, wird der Internethandel aber nie die Beratung im Geschäft ersetzen können.“ Im Gegenteil. Er habe festgestellt, dass Kundschaft wieder ins Fachgeschäft zurückkehrt, wenn sie von Internetkäufen enttäuscht wurde, sagt Thorenz. „Oft funktionieren die Billigangebote aus China nicht - und dann hat man keinen Ansprechpartner und muss den Rückversand organisieren.“

Beim Textilhändler I.G. von der Linde ist auf der Internetseite gar kein Onlineshop zu finden. „Wir nutzen das Internet als reines Schaufenster, um Lust aufs Einkaufserlebnis zu machen“, sagt Sebastian Rechenbach. Den Wettbewerb nur über Kampfpreise wolle man nicht zulasten der Qualität mitmachen. „Bei uns kosten die Artikel so viel wie anderswo, aber eben nicht 30 Prozent weniger“, sagt Rechenbach. Trotzdem könnten gute Kunden per E-Mail Waren bestellen. „Wer eine bestimmte Strumpfhose oder einen speziellen Kissenbezug nachkaufen will, der bekommt das von uns zugeschickt. Aber das Hauptgeschäft liegt in der Innenstadt.“

Dabei gehört gerade der Textilhandel zu den Branchen, in denen der Onlineversand intensiv wildert. Zehn Paar Schuhe oder zehn Hemden bestellen, neun zurückschicken - mit dem Geschäftsmodell sind Firmen wie Zalando groß geworden. „Geld verdienen die damit aber nicht“, sagt Ullrich Thiemann vom Einzelhandelsverband Niedersachsen. Hohe zweistellige Millionenbeträge legt Zalando derzeit jedes Jahr drauf - die Investoren hoffen auf sehr langfristige Rendite.

„Das Internetgeschäft ist nicht billig“, sagt auch Hannovers Porzellanhändler Jürgen Weitz: „Sie haben hohe Innovationskosten, müssen ständig dazulernen und die Seiten aktualisieren.“ Zusätzlich zu seinem Stammgeschäft gegenüber der Oper und den Filialen in Hamburg und Bielefeld betreibt er seit zwei Jahren einen professionellen Onlineshop. Der ist nur auf die edelsten Porzellanmarken ausgerichtet. Das schöne Kurland von KPM, das handgefertigte Royal Copenhagen, das frankophile Gien - „die Leute suchen im Internet nicht über Geschäfte, sondern über Marken“, weiß Weitz. Er bietet die Ware zum gleichen Preis wie im Geschäft an, aber mit schneller Abwicklung und hoher Zuverlässigkeit. „Gerade aus Kleinstädten, wo die Fachgeschäfte sterben, gibt es viel Nachfrage“, sagt Weitz. Zehn Prozent trage das Onlinegeschäft bei ihm mittlerweile zum Umsatz bei.

Zwischenzeitlich hatte er über die Plattform Amazon Porzellan vertrieben. „Aber die drücken künstlich die Preise“, sagt Weitz: Jeden Abend komme eine Mail mit dem Hinweis, dass er bei billigeren Preisen mehr Teller verkauft hätte. „Und wenn ich dann billiger anbiete, dann bekommt ein anderer diese Mail - das kann doch nicht funktionieren.“

Auch Buchhändler Eberitzsch von der Lister Meile ist sicher, dass Handel ohne Großanbieter wie Amazon funktioniert. Er garniert seinen Onlineshop mit Veranstaltungs- und Lesetipps - und hat eine erstaunliche Beobachtung gemacht. „Ich werde im Geschäft auf die Internetseite angesprochen. Es gibt also offensichtlich Internetnutzer, denen das Einkaufen im Geschäft viel Spaß macht.“

Das sagen die Kunden

„Ich kaufe rund um Hannover und Minden ein. Für Einkäufe im Internet bin ich zu alt, und im Laden kann man die Ware sehen und auch anprobieren.“ Manfred Köster (68), Meerbeck

„Das Einkaufen in Läden macht mir Spaß und man hat keinen Stress mit dem Zurückschicken. Schuhe und Schals bestelle ich trotzdem auch mal online.“ Rebecca Besuden (21), Osnabrück

„In der Stadt kaufe ich Klamotten, weil ich sie dann direkt anprobieren kann, und bei Amazon oft die Technik, weil die Auswahl da viel größer ist.“ Dennis Funke (18), Mittelfeld

„Alle halbe Jahr lasse ich mich durch die Innenstadt von Hannover treiben. Im Internet habe ich bisher nur eine Staubsaugerdüse gekauft.“ Ursula Moll (68), Bad Pyrmont

„Ich kaufe im Handel, weil mir Hannover wichtig ist. Außerdem lege ich Wert auf gute Arbeitsbedingungen und Baumwolle aus ökologischem Anbau.“ Rolf Heinrich Troeder (41), Döhren

38 Millionen kaufen online

Das Kaufverhalten der Deutschen ändert sich rasant. Gut 50 Millionen Bundesbürger nutzen das Internet, mehr als 38 Millionen kaufen online ein, heißt es in einer kürzlich vorgelegten Statistik vom Bundesverband des Deutschen Versandhandels für das Jahr 2012. Die Umsätze im Onlinewarenhandel haben sich demnach um 27 Prozent auf 27,6 Milliarden Euro gesteigert. Hinzu kommen 9,7 Milliarden Euro für Leistungen wie etwa Flug- und Bahntickets, Reisen und Eintrittskarten. Die am häufigsten per Internet georderten Waren sind Kleidung, Computer und Elektronik sowie Bücher.

Weltweiter Marktführer im Onlinehandel ist Internetversandhändler Amazon mit 6,8 Milliarden Euro Umsatz, der inzwischen in Deutschland vor dem Otto-Konzern rangiert. Trotz der hohen Zuwachsraten: Der Onlinehandel macht nur etwa ein Fünfzehntel des stationären Handelsumsatzes in Deutschland aus, also der Umsätze in Geschäften. Die lagen einer Erhebung des Instituts GfK GeoMarketing zufolge im Vorjahr bei rund 410 Milliarden Euro. Die Region Hannover liegt mit 6,5 Milliarden Euro bundesweit an sechster Stelle beim Handelsumsatz.

Von Christiane Menzel und Maja Burka

Andreas Schinkel 20.02.2013
Andreas Schinkel 20.02.2013
20.02.2013