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Aus der Stadt Hannovers Müllwerker zum Streik bereit
Hannover Aus der Stadt Hannovers Müllwerker zum Streik bereit
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13:59 02.03.2012
Von Gunnar Menkens
„Wir bringen doch Leistung für das Geld.“ Andreas Schulz (li.) und Martin Schaper setzen sich für einen höheren Lohn ein. Quelle: Gabriel Poblete Young
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Hannover

Die Karriere von Martin Schaper bei der Müllabfuhr begann mit einem Sturz. Sein Beruf als Dachdecker hatte sich damit erledigt und die Berufsgenossenschaft kam auf die unglückliche Idee, den rastlosen 40-jährigen Mann mit der kräftigen Statur und den starken Händen zum Bürokaufmann umzuschulen. Ein Fehler. Bald darauf stand er als Sicherungsposten an Bahnstrecken und hielt nach Zügen Ausschau. "Aber mit Familie und Kind war das keine Perspektive." Jetzt sammelt er Altpapier an Haustüren, holt Sperrmüll, rollt Restabfalltonnen zu den Müllwagen, die er im Wechsel mit den Kollegen fährt, meist auf der Tour von 6.45 Uhr bis, tatsächlich, 15 Uhr und drei Minuten. Das Geld? Na ja.

Martin Schrader wird bezahlt nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, Entgeltgruppe 3, Erfahrungsstufe 5. Das bedeutet: Grundgehalt plus Berufserfahrung, 2217,43 Euro brutto. Mit Zulagen und Überstunden kommt er über die Runden.

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Aber jetzt soll es spürbar aufwärts gehen. In anderen Branchen gab es zuletzt deutliche Tarifsteigerungen, beim Bau, der Elektroindustrie, in der Chemie. Neben Schrader sitzt in der Kantine des Abfallbetriebes aha sein Kollege Andreas Schulz, 43, ein ehemaliger Kraftfahrzeugmechaniker. Er sagt: "Die Stimmung ist: Wir wollen jetzt auch mehr."

Von heute an verhandeln öffentliche Arbeitgeber und die Gewerkschaft ver.di um höhere Löhne. 6,5 Prozent mehr sollen herausspringen für Krankenschwestern, Erzieherinnen, Müllwerker, Sachbearbeiter, mindestens aber 200 Euro im Monat. Die ersten Rituale sind erledigt. Beide Seiten erklärten bereits, wie unangemessen beziehungsweise notwendig diese Forderungen sind. Ver.di tat eben den nächsten Schritt. Funktionäre annoncierten Warnstreiks für die kommende Woche, sollten die Arbeitgeber zum heutigen Beginn der Gespräche nur ein "unzureichendes Angebot" vorlegen.

In der Kantine guckt Schulz auf ein ausliegendes Info-Blatt. 6,5 Prozent, dort steht es in fettem Schwarz auf weiß gedruckt. Schulz hatte andere Vorstellungen. "Normal ist das zu wenig", sagt er. Alles werde teurer, bei Wind und Wetter seien die Kollegen draußen, der Job gehe auf die Knochen. Schrader erzählt von kaputten Händen und Bandscheibenvorfällen im Betrieb. Er selbst, der Mann, der vom Dach fiel, kann sich kaum vorstellen, bis zur Rente mit 67 durchzuhalten. Der Ruhestand, das wäre im Jahr 2039.

Natürlich wissen die beiden Männer um die finanzielle Lage der Kommunen. Die Stadt Hannover zum Beispiel kalkuliert mit zusätzlichen Kosten in Höhe von 20 Millionen Euro, sollte die Gewerkschaft ihre Maximalforderung erreichen. So wird es nicht kommen, aber teurer wird es doch. Fragt man Martin Schaper nach dem Verhältnis von Lohnforderung und dem beklagenswerten Zustand öffentlicher Haushalte, fängt er gleich ganz oben an. "Nehmen wir mal Frau Merkel. Wenn die meint, sie müsse anderen Ländern mit Milliarden Euro helfen, und wir bleiben auf der Strecke, dann muss sich sagen: Das find ich völlig daneben. " Schulz nickt. "Wir bringen ja Leistung für das Geld." Trotzdem glaubt er: "Am Ende kommen höchstens 2,5 Prozent für uns raus." Das wäre dann, nach seiner Vorstellung, weniger als zu wenig.

In der Kantine wird es lauter. Männer in orangefarbenen Hosen und Westen Jacken sitzen an Tischen, trinken Kaffee und reden, manche lesen Zeitung, andere holen sich Essen. Die Küche bietet Schlemmerfilet oder Schafskäse. Was es immer gibt, ist Rustikales: panierte Schnitzel stapeln sich auf Tellern, daneben liegt ein Berg dunkel gebratener Klopse. Der Dauerbrenner ist hier Currywurst mit Pommes.

Die Männer von der Müllabfuhr sind diejenigen, vor denen sich Arbeitgeber wohl am meisten fürchten. Fast alle Müllwerker sind Mitglied bei ver.di, und es zählt hier zum Stolz, für seine Sache zu kämpfen. Im gesamten Betrieb sollen knapp unter 89 Prozent der Gewerkschaft angehören, aber hier, bei den Männern von der Straße, ist es beinahe jeder. Vor Kurzem, nach einer Betriebsversammlung zur Tarifrunde, sollen weitere eingetreten sein. Zufällig lagen Formulare bereit.

Es gibt keinen Zweifel, dass es stimmt, was Schulz sagt: "Wenn es heißt Streik, dann streiken wir." Dass bei aha demnächst die Arbeit ruht und der Müll liegen bleibt, gilt Abfallwerkern als ausgemachte Sache. 6,5 Prozent, das könnten Arbeitgeber nicht einfach akzeptieren.

Von der vergangenen Tarifrunde hatten sich etliche Mitarbeiter im öffentlichen Dienst mehr erwartet. Damals setzten sich ver.di-Vertreter mit einer mächtigen Forderung an die Tische - fünf Prozent mehr Lohn und Gehalt sollten es sein. Damals waren die Zeiten für Städte und Gemeinden noch schlechter. Herausgekommen gekommen sind dann 1,1 Prozent zusätzlich, verteilt auf zwei Jahre, nebst einer Pauschale von 240 Euro. Dass die IG Metall dieser Tage für ebenfalls 6,5 Prozent mehr Verdienst antritt, ist den Müllwerkern nicht entgangen.

29.02.2012
Stefanie Kaune 29.02.2012
Manuel Becker 29.02.2012