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Aus der Stadt Notaufnahmen in der Region sind überlastet
Hannover Aus der Stadt Notaufnahmen in der Region sind überlastet
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00:15 04.02.2015
Von Mathias Klein
Jetzt muss es schnell gehen: Rettungssanitäter bringen einen Schlaganfallpatienten in die neurologische Notaufnahme des Nordstadtkrankenhauses. Quelle: Michael Wallmueller
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Hannover

Arman Gregor ist unter Druck. Auf dem Flur der kleinen neurologischen Notaufnahme des Nordstadtkrankenhauses stehen drei Betten mit Patienten, auch die kleinen Behandlungszimmer sind sämtlich belegt. Der Oberarzt in der Neurologie des Nordstadtkrankenhauses erwartet jeden Moment einen Schlaganfallpatienten aus Großburgwedel, der mit dem Rettungswagen gebracht wird. Der Mann soll eine sogenannte Lysetherapie erhalten, um ein lebensbedrohliches Blutgerinsel aufzulösen. „Der hat jetzt absolute Priorität“, sagt Gregor.

Eine Stunde lang wird der Fall den Doktor binden, weil der Patient ständig von einem Arzt überwacht werden muss. Für andere Patienten mit nicht so schweren Leiden, die sich als Notfälle melden, sei dann erst einmal keine Zeit. Hinzu kommt, dass sich noch zwei Ärzte aus der Neurologie selbst krankgemeldet haben. Es wird sich wieder alles stauen in der Notaufnahme. Wie so häufig zuletzt in der Region Hannover.

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Immer wieder ist es in den vergangenen Wochen zu Engpässen in den Notaufnahmen der hannoverschen Krankenhäuser gekommen. Besonders häufig melden sich alle neurologischen Stationen bei der Rettungsleitstelle ab, aber es kommt auch vor, dass die internistischen Stationen dies tun.

Stationen haben keine freien Betten

Was das heißt, können Mediziner wie Notärztin Georgia Jeschke beschreiben. Es ist Sonntagabend vor drei Wochen, als ihr Notfallpieper Alarm schlägt: Jeschke wird zu einem Einsatz in die Wedemark gerufen - neurologische Probleme, die auch auf einen lebensbedrohlichen Schlaganfall hindeuten können. Und mal wieder sind an jenem Sonntag alle fünf neurologischen Notaufnahmen in der Region Hannover abgemeldet. Der Grund: keine freien Betten auf den Stationen.

Jeschke telefoniert zunächst mit dem Nienburger Krankenhaus, aber auch dort ist alles voll. Also macht sie sich mit dem Patienten im Rettungswagen auf den Weg zum nächstgelegenen Krankenhaus mit einer neurologischen Notfallversorgung, dem Nordstadtkrankenhaus. Was sie dort erlebt, macht sie nachdenklich. „Der diensthabende Neurologe hatte wegen eines anderen Notfalls keine Zeit, sich um den Patienten aus der Wedemark zu kümmern“, berichtet sie. Ihr sei klar gewesen, dass eine Lysetherapie vonnöten war, um den Patienten zu retten. „Aber einen Kollegen aus dem Bereitschaftsdienst wollte der Neurologe nicht ins Krankenhaus rufen“, sagt Jeschke.

Der ärztliche Direktor des Nordstadtkrankenhauses, Prof. Andreas Schwartz, der gleichzeitig Chefarzt der Chirurgie ist, verweist im Hinblick auf überforderte Krankenhäuser auf die vielen Patienten, die sich als Notfall melden, in Wirklichkeit aber zunächst einmal in eine Hausarztpraxis gehörten. Als Beispiel nennt er Patienten mit Rückenschmerzen oder einer tauben Hand. „Das hier ist eine Einrichtung, die eine Notfallaufnahme ist, aber als Notfallambulanz missbraucht wird“, sagt er. Die Probleme tauchten vor allem am Wochenende auf, wenn die Arztpraxen geschlossen seien. Insgesamt seien rund ein Drittel der Patienten, die sich in seiner neurologischen Notfallambulanz melden, fehl am Platz und gehörten in eine Arztpraxis. „Aber unser Gesundheitssystem ist darauf nicht eingerichtet“, sagt er.

Lange Wartezeiten teilweise „unvermeidlich“

Natürlich würden alle Patienten, die sich in seiner Notaufnahme melden, auch behandelt, betont Prof. Schwartz. Lange Wartezeiten für die nicht so dringenden Fälle seien aber unvermeidlich - denn Notfälle gehen vor.

Aber auch die komplett belegten Betten der neurologischen Stationen waren in den vergangenen Wochen immer wieder ein Problem. Prof Schwartz sieht die Ursache dafür auch in den wenigen Arbeitstagen zwischen Weihnachten und Neujahr. „Wenn dann der Patient in dieser Zeit zum Beispiel auf die Auswertung eines EKGs wartet, wartet er vergeblich, weil auch hier Leute im Urlaub sind“, sagt er. Die Patienten auf den Stationen hätten sich sozusagen aufgestaut. Inzwischen entspanne sich die Lage jedoch. In den 72 Betten der Neurologie des Nordstadtkrankenhauses liegt der Anfall von Notfallpatienten bei rund 85 Prozent, die meisten von ihnen sind wegen eines Schlaganfalls dort.

Den Patienten aus der Wedemark schickte der Neurologe aus dem Nordstadtkrankenhaus übrigens noch in der Nacht wieder nach Hause, weil er keine Probleme feststellen konnte. Drei Stunden später tauchte die Notärztin mit dem Mann wieder auf - sein Zustand hatte sich inzwischen weiter verschlechtert. Nun wurde er doch in der Klinik versorgt.

„Es gibt organisatorische Engpässe“

Ein Interview mit Jörg Niemann, Leiter des Verbands der Ersatzkassen Niedersachsen.

Herr Niemann, Notaufnahmen, die sich bei der Rettungsleitstelle abgemeldet haben, lange Wartezeiten bei der Notfallbehandlung, belegte Betten in den Kliniken – ist die Versorgung der Patienten in Hannover in Gefahr?

Wenn das so wäre, wäre das ein Skandal. Niemand, der ernsthaft erkrankt ist, darf von den Kliniken abgewiesen werden. Hannover gehört zu den am besten versorgten Regionen in Niedersachsen. In der Region gibt es 21 Krankenhäuser mit einer Notfallversorgung. Für Schlaganfallpatienten gibt es fünf Kliniken mit 44 Betten für die hochspezialisierte Erstversorgung.

Es gibt aber diese Beschwerden. Was funktioniert nicht?

Wir erwarten, dass Krankenhäuser und Rettungsdienste sich so organisieren und miteinander abstimmen, dass die Notfallversorgung in der Landeshauptstadt und im Umland gut funktioniert. Die Notfallversorgung ist schließlich eine Kernaufgabe der Kliniken. 40 Prozent aller Behandlungen sind Notfallbehandlungen.

Es gibt also organisatorische Probleme?

Von außen betrachtet, hat man tatsächlich den Eindruck, dass es organisatorische Defizite gibt. Die müssen in den Kliniken dringend gelöst werden, weil sie ja gerade im Notfall für die Versorgung der Menschen da sein sollen.

Gibt es in Hannover vielleicht zu wenig Krankenbetten?

Nein. Wir sind hier gut ausgestattet. Wie sich die Kliniken organisieren und ihr Personal einsetzen, liegt allerdings nicht in unserer Verantwortung.

Was schlagen Sie denn vor, was zu verbessern wäre?

Um bei den Schlaganfallpatienten und den fünf Spezialkliniken zu bleiben: Wenn dort tatsächlich einmal die personelle Kapazitätsgrenze erreicht sein sollte und kein Arzt zur Behandlung verfügbar wäre, dann müssten eben Ärzte aus dem Bereitschaftsdienst in die Krankenhäuser gerufen werden, damit es dort ausreichend Personal gibt.

Interview: Mathias Klein

Jörn Kießler 01.02.2015
Jörn Kießler 01.02.2015