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Aus der Stadt Hannovers Promiszene feiert sich gern selbst
Hannover Aus der Stadt Hannovers Promiszene feiert sich gern selbst
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13:27 27.01.2012
Hannovers Promiszene feiert sich gern selbst. Quelle: Rainer Dröse
Hannover

Albert Einstein muss es wissen. „Wenn eine Idee am Anfang nicht absurd klingt, dann gibt es keine Hoffnung für sie“, hat er einmal gesagt. Wer ein Zitat des Nobelpreisträgers zum Firmenmotto macht, muss Selbstbewusstsein haben. Die Hamburger Agentur PReventas tut das – und so gesehen ließe sich auch die Idee als absurd einordnen, mit der die Eventveranstalter in Hannover auf den Plan getreten sind.

Hannovers Spitzen“ heißt die Veranstaltung, die die Agentur vor einiger Zeit der Leibniz Universität ans Herz legte. Uni-Präsident Erich Barke machte mit, und seit November 2010 hat sich Hannovers illustre Gesellschaft bereits dreimal in der Hochschule zum Plausch getroffen. Da schüttelte etwa Unternehmer Dirk Roßmann Musikproduzent Mousse T. die Hand, 96-Trainer Mirko Slomka begrüßte Messe-Chef Wolfram von Fritsch, der damalige Polizeipräsident Uwe Binias plauderte mit Üstra-Vorstandschef André Neiß und Tennisprofi Nicolas Kiefer mit Marquess-Sänger Sascha Pierro. Eröffnet wurde die erste Veranstaltung von Oberbürgermeister Stephan Weil.

Netzwerken“ nennt man das, was da in der Uni bei Small Talk, Sekt und Häppchen passierte. Nur muss man sich „Netzwerken“ in Hannover nicht immer so vorstellen, als wachse da ein Netz oder als entstehe gar ein neues. „Es war der übliche Haufen da“, sagt einer, der dort war, aber lieber ungenannt bleiben will. Der Unternehmer und 96-Chef Martin Kind drückt es höflicher aus: „Mit geringen Ausnahmen trifft man bei solchen Veranstaltungen immer die gleichen Leute“, sagt er. „Dass der Nutzen dann in jedem Fall sehr groß ist, wage ich zu bezweifeln.“ Neujahrsempfänge, Medienfeste – „wir laufen uns in Hannover in immer derselben Konstellation zehnmal im Jahr über den Weg“, sagt ein Dauergast. „Noch mehr Netzwerkveranstaltungen braucht kein Mensch.“

Schlimm ist das erst mal nicht, bestenfalls kann die Häufigkeit der Einladungen auch schon einmal „lästig“ werden, wie Martin Kind sagt. Doch seit sich die niedersächsische Landesregierung zum Rolls-Royce unter den hannoverschen Netzwerktreffen, dem sogenannten „Nord-Süd-Dialog“, unangenehme Fragen gefallen lassen muss, wird nun auch bei anderen Feiern genauer hingeschaut – sofern die öffentliche Hand im Spiel ist. Denn mit deren Hilfe lässt sich für Eventagenturen wie die des „Nord-Süd“-Erfinders Manfred Schmidt gutes Geld verdienen. „Die kommen mit der Idee für ein Fest und suchen jemanden, der ihnen die Türen öffnet und Sponsoren besorgt“, sagt ein Event­experte. Als normale Gage für das Organisieren solcher Veranstaltungen gelte in PR-Kreisen eine Marge von 15 bis 20 Prozent des Veranstaltungsbudgets. „Damit lässt sich richtig Geld verdienen,“ sagt der Insider. Manfred Schmidt indes, so kommt nun Stück für Stück heraus, hat offenbar deutlich mehr abgezweigt – und sich dabei kräftig von der Staatskanzlei bei der Organisation helfen lassen. In der Eventszene ist Schmidt nicht erst seither umstritten. Vielen Kollegen gilt er als schwarzes Schaf.

Was „Hannovers Spitzen“ betrifft, so stammt nicht nur das Konzept für das Fest von der Agentur PReventas. Auch einen großen Teil der Gästeliste stellten die Hamburger zusammen. Und so stellt sich die Frage, warum eine Agentur aus Hamburg der Uni helfen musste, Hannoveraner zusammenzubringen, die sich zu guten Teilen schon kannten. Uni-Präsident Barke hat dafür eine Erklärung: „PReventas hat uns diese Form der Veranstaltung angeboten, und sie passte als ein Baustein in unsere Fundraisingstrategie.“ Das ist der Uni auch einen finanziellen Beitrag in Höhe von jeweils 4500 Euro wert – so viel ist in jede der drei „Spitzen“-Veranstaltungen geflossen. „Da habe ich kein schlechtes Gewissen“, sagt Barke.

Barke will an die Portemonnaies der hannoverschen „Stadtgesellschaft“

Tatsächlich, so stellt der Uni-Präsident  es dar, treibt ihn bei seinen „Spitzen“ ein hehres Ansinnen an: Über kurz oder lang nämlich möchte Barke an die Portemonnaies der hannoverschen „Stadtgesellschaft“. Jüngst hat er eine Marketingkampagne gestartet, um private Geldgeber dazu zu bewegen, in Zeiten knapper öffentlicher Kassen mehr Geld für die überwiegend vom Land Niedersachsen finanzierte Uni zur Verfügung zu stellen. Und er hat ein Pfund, mit dem er wuchern kann: „Wenn Herr Barke ruft, kommen alle“, sagt ein Mitglied dieser Stadtgesellschaft. „Uni ist intellektuell, das ist ein guter Zweck, da sind alle dabei.“ Auf dem hannoverschen Jahrmarkt der Eitelkeiten ist die Uni eine Attraktion.

Bei „Hannovers Spitzen“ kämen Leute zusammen, die die Hochschule als Multiplikatoren bekannter machten, sagt Barke. Das funktioniert vor allem dann, wenn bekannte Gesichter aus Show oder Sport dabei sind. Bei der Uni waren es Gäste wie der ehemalige Ökonomiestudent Mousse T. oder Mathematik- und Sportabsolvent Mirko Slomka, mit denen sich ein gewisser Bezug zum Gastgeber herstellen ließ. Das gelang den „Nord-Süd“-Machern nicht immer. Die ließen den alternden Hollywoodstar Faye Dunaway über ihr Fest am Flughafen irren, um die Beziehungen zwischen Niedersachsen und Baden-Württemberg zu illustrieren.

Und doch bleibt die Frage, was „Hannovers Spitzen“ können, was der Wirtschaftsempfang der Uni nicht kann, zu dem die Hochschule Jahr für Jahr gemeinsam mit den Unternehmerverbänden Niedersachsen lädt. Der bietet zwar weniger Glamour, aber mehr Ertrag. Das Budget der Veranstaltung, zu der überwiegend Firmenvertreter eingeladen sind, beträgt rund 20.000 Euro und wird nach den Worten Barkes nahezu vollständig von Sponsoren gedeckt, etwa Continental und Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN). Und die Zusammenarbeit mit beiden Firmen reicht noch weiter: 2008 besiegelte die Uni eine langjährige Forschungskooperation mit VWN; auch im Conti-Auftrag forschen Uni-Institute. Der Empfang sei eine wichtige Plattform, um neue Verbindungen zu Unternehmen zu knüpfen und bewährte zu pflegen, sagt Barke. Als einen messbaren Erfolg sieht er die im Bundesvergleich besonders hohe Summe an, die die Leibniz-Uni für Studentenstipendien von der Wirtschaft eingeworben hat: Im vergangenen Jahr waren das 218.000 Euro.

Aber die „Spitzen“? Über die weiß man zumindest, dass die Eventagentur PReventas damit Geld verdient. Die Hamburger selbst wollen zu ihrem Geschäftsmodell und der Höhe des Budgets für „Hannovers Spitzen“ auf Anfrage der HAZ keine Stellung nehmen. Auf der Internetseite der Firma ist von „individuellen und zielorientierten Konzepten“ für Mittelständler und „langjährigen, gut gepflegten Partnerschaften“ die Rede.

Ganz so individuell aber sind die Konzepte vielleicht doch nicht. Das Vorbild für die „Spitzen“ nämlich gibt es in Hamburg schon länger, nur dass es da „Diplomatischer Abend“ heißt. Als Gastgeber wird der ehemalige Hamburger Senator für Wirtschaft und Arbeit, Ian Karan, genannt. Dem Vernehmen nach sind vergleichbare „Spitzen“-Treffen auch in Bremen, Dortmund, Düsseldorf und Frankfurt geplant – bisher aber nicht an Hochschulen. Zu den Geldgebern des Hannover-Treffens zählen neben der Uni Sponsoren wie Audi, der Wurstfabrikant Aoste und das Dormero Hotel. Gastronom Norbert Schu, der zum Büfett unentgeltlich eine „Pralinenpyramide“ beigesteuert hat, ist voll des Lobes: „Es müsste mehr solche Veranstaltungen in Hannover geben.“

Da wiederum lässt PReventas sich nicht lange bitten. Seit diesem Jahr bietet die Agentur in Hannover ein neues Sekt-und-Häppchen-Format an, das sie zuvor bereits in Hamburg etabliert hat: Bei dem „N Klub“ treffen sich Unternehmen, Organisationen und Initiativen, die etwas zum Thema Nachhaltigkeit beizutragen haben, „Hannoversche Spitzen“ in Öko, könnte man sagen. Bei der Premiere im Januar fungierte das hannoversche Umweltzentrum als Gastgeber, zu den Gästen gehörten unter anderem die Klimaschutzagentur der Stadt und der grüne Landtagsabgeordnete Enno Hagenah. Immerhin: „Einen finanziellen Beitrag mussten wir nicht leisten“, sagt Eberhard Röhrig-van der Meer, Geschäftsführer des Umweltzentrums. Es sei eine „durchaus sinnvolle Veranstaltung“ gewesen, um die verschiedenen Akteure aus der Umweltbranche zusammenzubringen. Gegen eine Wiederholung hätte er nichts einzuwenden.

Wie lange es „Hannovers Spitzen“ an der Leibniz-Uni noch geben wird, ist offen. Die Verträge für zwei in diesem Jahr geplante Neuauflagen sind laut Barke noch nicht unterzeichnet.

Juliane Kaune und Felix Harbart

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