Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Hannovers verlorene Tochter
Hannover Aus der Stadt Hannovers verlorene Tochter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 07.05.2015
Von Simon Benne
 „Es hat sich viel getan“: Der Garbsener Stadtteil Garbsen vor rund 50 Jahren. Quelle: R. Guthmann
Anzeige
Hannover

Menschenfreundlich sollte das neue Viertel sein. „Wenn eine Mutter aus dem Fenster guckt und das Kind unten spielt, soll sie erkennen können, ob es weint oder lacht“, erklärte der zuständige Stadtplaner Eberhard Kulenkampff später im Rückblick: „Hochhäuser fanden wir verachtenswürdig.“ Und so entstanden vor genau 50  Jahren im heutigen Garbsener Viertel Auf der Horst vor allem lange, dreigeschossige Gebäude in damals hochmoderner Fertigteilbauweise. Dazwischen lagen große Grünflächen und viele Einfamilienhäuser. Keine klotzige Trabantenstadt sollte dieses neue Viertel sein.

Auf der Horst – das ist Hannovers verlorene Tochter: Die Landeshauptstadt bezahlte das Gros der Bauten, die auf dem damaligen Gebiet der Kommunen Havelse und Garbsen hochgezogen wurden. Ein in zähen Kämpfen ausgehandelter „Interkommunaler Vertrag“ regelte die Details: Hannover finanzierte das Mega-Bauprojekt und durfte im Gegenzug die meisten Wohnungen dort mit „Stadthannoveranern“ belegen. Die Wohnungsnot war immens; insbesondere weniger Wohlhabende fanden kaum eine Bleibe. Da erschien „die Horst“ wie ein Befreiungsschlag: Binnen drei Jahren entstanden hier 2616 Mietwohnungen und 456  Einfamilienhäuser.

Anzeige
Der Stadtteil „Auf der Horst“ feiert seinen 50. Geburtstag. Eine Erkundungstour.

„Der Griff nach den Sternen“ ist eine Ausstellung betitelt, die sich im Garbsener Rathaus jetzt mit der Entstehung von Auf der Horst beschäftigt. Tatsächlich ist das ganze Viertel ein Kind jenes himmelsstürmenden Optimismus der Sechzigerjahre, der die Mondlandung ebenso möglich machte wie den Bau von Atomkraftwerken – oder eben eines ganzen Stadtteils auf der grünen Wiese. Damals lag Aufbruchsstimmung über dem Viertel, das auch demografisch jung war: 1970 war jeder zweite Einwohner jünger als 18 Jahre, in der Saturnringschule wurde teils in drei Schichten unterrichtet.

Die Probleme kamen später: In den Achtzigern machten plötzlich Begriffe wie „Leerstand“ und „Sanierungsstau“ die Runde, wenn es um das Viertel ging. In der Ausstellung ist auf einer Tafel von einer „Abwärtsspirale aus baulichem Verfall, Armut, Vandalismus und Kriminalität“ die Rede. Manchem gilt das Viertel heute vor allem als Tristesse aus Waschbetonfassaden und Satellitenschüsseln; als Ort, an dem sich rivalisierende Jugendgangs und Migrantengruppen belauern. Von außen wirkt das Quartier schnell wie ein Problemviertel aus einem sozialkritischen „Tatort“. Eine Kulisse, die zeigt, wie Fehlplanungen der Sechzigerjahre heute Elend und Gewalt hervorbringen. Doch vielleicht ist es ein Unterschied, ob man von außen auf dieses Viertel schaut oder von innen.

„Hier lässt sich’s richtig gut leben“, sagt Bärbel Steding. Die Gemeindereferentin steht vor der Ruine der evangelischen Willehadi-Kirche. Nachdem Unbekannte hier Feuer gelegt hatten, brannte diese im Sommer 2013 nieder. Das Feuer bestätigte alle Negativurteile über das Viertel. „Kaum jemand weiß aber, dass damals Muslime hier eine Mahnwache abhielten“, sagt Bärbel Steding. „Ganz unterschiedliche Menschen sind auf uns zugekommen und haben gezeigt, dass wir hier zusammen leben wollen.“ Inzwischen laufen erste Arbeiten zum Wiederaufbau der Kirche.

„Hier hat sich viel getan“

Anna Beisse-Munemo wurde damals von den Sirenen aus dem Schlaf gerissen, als das Gotteshaus brannte. Natürlich, sie weiß um das düstere Image ihres Stadtteils: „Doch wer sich hier auskennt, weiß es besser“, sagt sie mit jenem fast kämpferischen Trotz, der vielen Bewohnern inzwischen eigen ist. Die frühere Lehrerin sitzt im Café am Hérouville-St.-Clair-Platz, wo der türkische Wirt einen Gast aus Osteuropa schon mal mit ein paar Worten auf Polnisch begrüßt. „Rassismus gibt es hier praktisch nicht“, sagt Anna Beisse-Munemo, deren Mann aus Afrika stammt.

Dann zählt sie auf, was ihr Viertel heute, 50 Jahre nach der Gründung, für sie lebenswert macht: „Seit 2009 gibt es die Boule-Anlage am Planetenhain, der Fitnesspark wurde als herrliche Grünanlage hergerichtet, und im vergangenen Jahr wurde der Hérouville-St.-Clair-Platz umgestaltet.“ Sie schwärmt von ruhigen Gärten und langen Spaziergängen am Kanal, sie spricht von Bürgerbeteiligung und Straßenfesten, vom Sozialen Kaufhaus und der Anlaufstelle für Jugendliche: „Hier hat sich viel getan“, sagt sie.

Ausstellung zeigt, was die Planer erreichen wollten

7393 Menschen auf 1,2 Quadratkilometern: Die Horst ist der dicht besiedeltste Stadtteil Garbsens. Ein Drittel der Bewohner ist jünger als 27 Jahre alt. Damit ist die Horst auch einer der jüngsten Stadtteile. Neben Hallenbad, Friedhof, Freizeitheim und Begegnungsstätte finden sich hier vier Schulen für derzeit 1400 Kinder und Jugendliche. In allen liegt der Anteil der Schüler mit Migrationsgeschichte deutlich über dem Durchschnitt. Spitzenwert: Die Grundschule Saturnring mit einem Anteil von 80 Prozent.

Wo Menschen aus 70 Nationen zusammenleben, braucht es soziale Dienstleister: Soziales Kaufhaus, Tafel, Jugendhilfestation der Region, Flüchtlingsberatung sowie das Jugendhilfeprojekt X sind hier angesiedelt, zwei Kirchengemeinden, zwei Pflegeheime – eigentlich eine Stadt in der Stadt mit allem, was notwendig ist, inklusive 10 000 Quadratmeter Einzelhandel im neuen Planetencenter.

Chronik der Horst: Das Stadtarchiv Garbsen und der Stadtarchivverein haben ganz tief in die Kisten gegriffen. Aus eigenen Beständen und Nachlässen ist eine erlebenswerte Ausstellung im Rathaus entstanden. Sie ist Tor in die Entstehungszeit und Lupe auf den Stadtteil vor 30 Jahren und heute.

Die Schau dokumentiert eindrucksvoll, woran Planer wie Eberhard Kulenkampff beim Entwurf dachten – und woran nicht. Bewohner kommen zu Wort. Fotografien, darunter 248 Bilder in Alben, zeigen das Leben in der Anfangszeit. Die Ausstellung ist bis zum 22. Mai im Rathaus zu sehen, Rathausplatz 1, 30823 Garbsen, ab 8. September in der Willehadi-Gemeinde. lz

Tatsächlich ist die Horst seit 2006 im Städtebauprogramm „Soziale Stadt“, das benachteiligte Viertel fördert. Rund drei Millionen Euro sind seither in Projekte geflossen, die das Quartier aufwerten sollen. Immobilienfirmen haben begonnen, ihre Gebäude im großen Stil zu sanieren. „Inzwischen muss man in manchen Gegenden lange auf eine Wohnung warten“, sagt Badradain Arafat.

Der 54-Jährige, selbst Kurde aus Syrien, betreut als Sozialarbeiter Jugendliche und Familien. „Das Zusammenleben von zig Nationen klappt hier gut“, sagt er. Fragt man ihn, was die Stadtplaner vor 50 Jahren falsch gemacht haben, antwortet er schnell: „Gar nichts.“ Und die vielen Berichte über Kriminalität und Gewalt?“ Er überlegt kurz. Dann sagt er: „Das ist nur ein Teil der Wahrheit.“

Tobias Morchner 07.05.2015
Michael Zgoll 04.05.2015