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Aus der Stadt Hannovers Stadtteil mit der geringsten Wahlbeteiligung
Hannover Aus der Stadt Hannovers Stadtteil mit der geringsten Wahlbeteiligung
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00:15 28.08.2017
Von Gunnar Menkens
Werben um die Menschen in Hainholz: Maximilian Oppelt (CDU) und Kerstin Tack (SPD) sind sich einig, dass man auf Dauer im Stadtteil präsent sein müsse – auch persönlich. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Ein Monat noch, dann ist Bundestagswahl, auch in Hainholz. Wählen, sagt ein junger Mann cool zurückgelehnt auf einer schattigen Bank, „was bringt das?“ Breitbeinig in heller Jogginghose sitzt er da, ein kühler Blick begleitet seine Frage, die rhetorisch ist, denn natürlich meint er, Politik sei Quatsch.

„Ich weiß nicht mal, was SPD ist.“

Er spricht im überlegenen Tonfall, als berichte jemand von einer Erkenntnis, auf die er nach langem Nachdenken und Abwägen aller Argumente gekommen sei. Er mag Anfang 20 sein, neben ihm raucht eine Bekannte. Sie würde SPD wählen, wenn sie einen deutschen Pass hätte. Warum SPD? „Weiß ich nicht, einfach so.“ Ihr Begleiter kann nicht helfen: „Ich weiß nicht mal, was SPD ist.“ Im Ernst? Wahlforscher dürften vermuten, dass hier einer aus der soziologischen Kategorie der Hedonisten stolz Unwissen zur Schau stellt, einer, der an Spaß und Konsum und sonst nicht viel interessiert ist. Mit seinem Desinteresse zählt er zur Mehrheit.

Geringste Wahlbeteiligung in Hannover

In Hainholz im Norden der Landeshauptstadt finden sich regelmäßig Straßenzüge mit der geringsten Wahlbeteiligung in Hannover. Bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr waren es in manchen Vierteln nur 20 Prozent. Traf man hier zehn Erwachsene auf der Straße, gaben acht ihre Stimme nicht ab. Bei der Bundestagswahl 2013 war der Wert in Hainholz besser, trotzdem weit unter dem Durchschnitt - um die 55 Prozent gingen ins Wahllokal.

Stadtteil belegt Studien

Der Stadtteil mit seinen rund 6700 Einwohnern ist der real existierende Beleg für Ergebnisse etlicher Studien und Analysen. Je ärmer ein Stadtteil ist, desto weniger seiner Bürger gehen zur Wahl. Hochhäuser, Blöcke voller Sozialwohnungen, wenig Wohnfläche pro Einwohner, deutlich mehr Arbeitslose, Alleinerziehende und Migranten, geringeres Bildungsniveau und geringe Kaufkraft: Hainholz hat all das im Übermaß. Preisgekrönte Investitionen in Stadtplanung können an persönlichen Verhältnissen wenig ändern. Lange Arbeitslosigkeit, Armut junger Mütter, misstrauische Blicke auf Migranten.

Vor einem Hauseingang stehen drei Hainhölzer zusammen und plaudern. Ein kräftiger Mann mit Glatze und Schnauzer, Typ Hausmeister, eine ältere Frau mit Einkaufstasche und ein Mann, der vor Jahrzehnten aus der Türkei kam. Zur Wahl wollen sie nichts sagen. „Dazu äußere ich mich nicht“, sagt die Hainhölzerin recht amtlich.

Aber dann sprechen sie doch unverblümt darüber, was sie beschäftigt. Zum Beispiel die Obdachlosen vom Treffpunkt an der lärmigen Schulenburger Landstraße. Für die gebe es keine Wohnungen, aber Asylbewerber, die hätten welche. Ungerecht finden sie das. Überhaupt würden „immer mehr Asylanten geholt“, um ihnen dann alles reinzuschieben. Der türkische Migrant wünscht sich von der Politik ein Verbot von Zeitarbeitsfirmen, weil sie Jobs gefährdeten, seinen Job. Dass Politik etwas verändert im Sinne einer schweigenden Mehrheit, daran glaubt der Hausmeistertyp nicht: „Da kommen wir nicht gegen an“, und jetzt muss er wirklich los, schon viel zu viel erzählt.

Tack: "Viele Menschen sind nicht informiert." 

50 Meter entfernt hängt an einem Laternenmast ein Plakat mit der frisch geföhnten Kerstin Tack. Hainholz ist im Grunde 1-a-Lage für Genossen, potenzielle Wähler gibt es genug, sie müssten es nur tun. „Ich erlebe oft, dass viele Menschen nicht informiert sind“, sagt Tack dieser Tage. Einzige Quelle sei „vielleicht noch die ,Tagesschau‘“. Was sie in Hainholz nicht erlebe, sei eine Neiddebatte, die sich gegen Migranten richte.

Gerade versucht in der Grünen Mitte, einem neu angelegten Park, ein Mann einen Grill anzuzünden. Im Gras daneben sitzt eine Frau mit Kopftuch. Rauch qualmt durch die Gegend und dringt auf einer Bank einem älteren Herren in die Nase. Er zieht die Augenbrauen hoch, was andeuten soll: „Sehen Sie, was ich meine?“

Er ist Rentner, 83 Jahre alt und sitzt oft an diesem Platz, heute im jugendlichen Nike-Shirt. Manchmal kämen Kinder und wollten Geld. Das gefällt ihm nicht, die Kinder tun ihm leid. In Hainholz und sowieso, glaubt er, gebe es zu viele Ausländer. Noch gehe das gut, aber was passiere, wenn es mit Wirtschaft und Arbeitsplätzen abwärts gehe? Ob er wählt, weiß er noch nicht. „Ich habe mal an die AfD gedacht“, sagt er, ist aber selbst noch skeptisch.

Schweres Pflaster für CDU

In der CDU gilt Hainholz als schwieriges Pflaster. Bundestagskandidat Maximilian Oppelt will sich trotzdem blicken lassen, bei einem Wahlkampfstand auf dem Markt: „Gar nicht so für die CDU werben, sondern die Leute fragen, was sie beschäftigt.“ Tack bewirbt Haustüren und Kleingärten. Beide Politiker sind sich einig, dass man auf Dauer präsent sein müsse, nicht nur zur Wahl, sondern, viel wichtiger, in den Jahren dazwischen. Aber diese Erkenntnis ist in Parteien auch schon ein paar Jahre alt.

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