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Aus der Stadt „Frei habe ich nie“
Hannover Aus der Stadt „Frei habe ich nie“
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22:01 17.02.2014
Von Juliane Kaune
Der Stundenplan von Studentin Anne Kluwe, 4. Semester Jura, ist voll. Trotzdem jobbt sie nebenbei, um finanziell über die Runden zu kommen. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
Hannover

Hannovers Studenten sind schwer beschäftigt. Die 40-Stunden-Woche, für viele Arbeitnehmer tariflich festgelegtes Maximum, haben die angehenden Akademiker längst überschritten. Im Schnitt arbeiten sie 44,2 Stunden wöchentlich, 37,5 Stunden davon verbringen sie in Hörsälen, Seminarräumen und beim Lernen zu Hause am Schreibtisch. In der restlichen Zeit muss der Großteil der Studierenden jobben, um den Lebensunterhalt zu finanzieren.

61 Prozent der im Erststudium Immatrikulierten versuchen, Studium und Erwerbstätigkeit unter einen Hut zu bringen. Offenbar wird dies aber immer schwieriger: Die Zahl derjenigen, die nebenher einem Job nachgehen, ist binnen drei Jahren um acht Prozentpunkte gesunken. So sieht denn auch jeder achte Student, der nicht mehr zu Hause wohnt, Probleme bei der Finanzierung seines Studiums.

Die Lebens- und Studienbedingungen der hannoverschen Studenten nimmt eine jetzt erschienene Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW, früher HIS) im Detail unter die Lupe. Das 60-seitige Zahlenwerk ist eine regionale Auswertung der bundesweiten 20. Sozialerhebung zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studenten, die das Deutsche Studentenwerk alle drei Jahre veröffentlicht. Die regionale Expertise hat das hiesige Studentenwerk in Auftrag gegeben. „Die Inhalte des Berichts sind eine unverzichtbare Grundlage für unsere Arbeit“, sagt Geschäftsführer Eberhard Hoffmann.

Große Spannbreite bei den Finanzen:
Die Statistiker haben ermittelt, dass im Sommersemester 2012 jeder der fast 37 000 an den sechs hannoverschen Hochschulen Immatrikulierten im Schnitt 905 Euro monatlich zur Verfügung hatte. Allerdings gibt es eine große Spannbreite: Fast jeder Fünfte muss mit weniger als dem Bafög-Höchstsatz von 670 Euro auskommen – auf der anderen Seite hat ein Fünftel der Studentenschaft sogar mehr als 1100 Euro im Portemonnaie.

Hier spiegelt sich auch die soziale Herkunft wider: Etwa die Hälfte der Studenten kommt aus einer Familie, in der zumindest ein Elternteil ein Hochschulexamen und somit in der Regel ein höheres Einkommen hat.

Viele Bafög-Empfänger:
Eine Geldquelle reicht nicht. Mit einer „Kombilösung“ halten sich die angehenden Akademiker über Wasser. Grundsätzlich tragen die Eltern die finanzielle Hauptlast – 87 Prozent der Studenten erhalten Geld von zu Hause, im Schnitt monatlich 453 Euro. Ein Viertel ihres Monatsbudgets verdienen sie selbst; etwa ein Fünftel macht die Förderung durch das Bafög aus. Der Anteil aller Studenten, die die staatliche Unterstützung erhalten, liegt in Hannover bei fast einem Drittel – sechs Prozentpunkte mehr als 2009. Zum Vergleich: Bundesweit bekommen 24 Prozent der Studenten Bafög. „Das zeigt, dass die Finanzhilfe vom Staat für die hannoverschen Studierenden immer wichtiger wird – und das Budget der Eltern nicht noch weiter strapaziert werden kann“, sagt Hoffmann.

Weniger Zeit zum Jobben:
Gegenüber den Autoren der Studie gaben die meisten Befragten an, dass sie wegen steigender Belastung im Studium kein Geld mehr dazuverdienen können. Noch vor drei Jahren lag die Zahl derjenigen, die parallel zu Vorlesungen und Seminaren jobben, bei fast 70 Prozent. Zum Zeitpunkt der aktuellen Sozialerhebung waren es nur noch 61 Prozent. Für Hoffmann ist auffällig, dass vor allem die Zahl derjenigen zurückgegangen ist, die „laufend“ oder „häufig“ neben dem Studium arbeiten. „Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die zeitlichen Anforderungen des Studiums gestiegen sind – nicht zuletzt durch das stark strukturierte Bachelor- und Mastersystem.“

Ohne Job geht es nicht:
Trotz Doppelbelastung können 37 Prozent der erwerbstätigen Studenten nicht auf den Zusatzverdienst verzichten. Laut Studie ist dieses Geld für sie „unbedingt notwendig“, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein Drittel nannte die Studiengebühren von 500 Euro pro Semester als eine Notwendigkeit, Geld zu verdienen – zum kommenden Wintersemester werden die Gebühren landesweit abgeschafft. Für ein Fünftel spielt beim Jobben auch eine Rolle, Erfahrungen für den späteren Beruf zu sammeln. Nur acht Prozent haben aber eine Tätigkeit, die Kenntnisse erfordert, die direkt mit dem Studium zu tun haben. Der Großteil jobbt als studentische Hilfskraft an den Hochschulen, als Aushilfe in Fabrik, Büro oder Kneipe, manchmal auch als Nachhilfelehrer und Babysitter.

Singlewohnungen holen auf:
Mit 297 Euro geben Hannovers Studenten ein Drittel ihres monatlichen Einkommens für Miete aus, 11 Euro mehr als im Landesdurchschnitt. Der größte Teil (28 Prozent) lebt in einer Wohngemeinschaft. Es fühlen sich aber auch immer mehr in den eigenen vier Wänden wohl: 23 Prozent haben eine Singlewohnung, sechs Prozentpunkte mehr als 2009. Das dürfte den Druck auf den hiesigen Wohnungsmarkt, wo kleine Wohnungen Mangelware sind, erhöhen. Fast ein Viertel der Akademiker in spe wohnt mit Partner oder Partnerin zusammen, ein Fünftel bei den Eltern. Zwei Dritteln der hannoverschen Studenten gefällt ihre Wohnsituation, ein Fünftel aber ist unzufrieden.

Zu wenig Wohnheimplätze:
Mit vier Prozent ist die Quote derer, die ein Apartment im Studentenwohnheim gemietet haben, deutlich niedriger als im Landesvergleich (zehn Prozent). Das liegt vor allem daran, dass es in Hannover zu wenig Wohnplätze gibt – die Versorgungsquote ist landesweit am niedrigsten. Alle 2318 Plätze in den 15 Studentenhäusern sind ausgebucht, die Wartelisten lang. Noch ist die Finanzierung für zwei neue Heime mit 200 Plätzen nicht gesichert.

Kinder und Co.:
Die Hälfte aller hannoverschen Studierenden ist jünger als 24 Jahre. Ebenfalls die Hälfte ist ledig, aber fest vergeben. Sieben Prozent sind verheiratet, weitere sieben Prozent haben bereits eigene Kinder. Hatte im Jahr  2009 noch jeder Dritte vor dem Studienstart eine Berufsausbildung absolviert, ist es mittlerweile nur noch jeder Fünfte.

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