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Aus der Stadt „Er muss wirklich stark sein“
Hannover Aus der Stadt „Er muss wirklich stark sein“
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00:19 09.11.2015
Von Uwe Janssen
Die Schüler und der Weltstar: Hardy Krüger mit Schülern in der Aula der Gerhart-Hauptmann-Schule.Foto: Surrey Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Eine Tafel steht auf der Bühne. Der Lehrer am Pult ist ein ganz Großer. Hardy Krüger, der Weltstar, der Weltenbummler, Schauspieler, Autor, Botschafter, und, und, und - müsste man denen sagen, die ihm zuhören. Denn es sind Schüler. Nicht mal deren Eltern dürften zwingend was mit dem Mann anfangen können, der heute den Geschichtslehrer gibt. „Ich muss mich vorstellen: Mein Name ist Hardy Krüger“, sagt er.

Doch er ist nicht in die Aula der Gerhart-Hauptmann-Realschule gekommen, um über seine Filmerfolge zu reden. Er tut es en passant, aber heute geht es vor allem um Politik, um seine Initiative „Gemeinsam gegen rechte Gewalt“ und seinen Kampf gegen neue Nazis und neuen Rassismus, der ihn auf Betreiben des Vereins „Politik zum Anfassen“ in die Schule geführt hat. „Wie still es ist“, flüstert einer der wenigen Erwachsenen im Saal.

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Hardy Krüger ist 87, wirkt fit, wach, manchmal sogar spitzbübisch, wenn der Berliner Junge in ihm durchkommt. Aber er hat an diesem Tag nur ernste Botschaften. „Ich habe die dringende Bitte an euch: Geht zur Wahl!“, sagt er. Auch Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule und der Realschule Isernhagen sind gekommen. Sie hören, wie der Mann ihnen in Kürze einen Teil seines langen Lebens erzählt, von seiner Kindheit in einem Haus mit Hitlerbüste auf dem Klavier und Hakenkreuzen an der Wand. „Sie haben einen Augenblick nicht aufgepasst“, sagt er über den Moment, als sich seine Eltern „dem österreichischen Verbrecher“ und seinen Versprechungen an ein immer arbeitsloseres Land zuwandten. So sei er dann eben erzogen und schließlich auf eine Nazi-Eliteschule im bayerischen Sonthofen geschickt worden. Später werden die Schüler an diesem Punkt einhaken.

Aber zunächst lauschen sie gebannt den Ausführungen des Mannes, der immer noch ein brillianter Erzähler ist. In Sonthofen wurde der Schüler Krüger ausgewählt, eine kleine Rolle im NS-Film „Junge Adler“ zu spielen. Am Drehort Babelsberg lernte er viele Filmmenschen kennen, unter anderem den Schauspieler Hans Söhnker, der Juden vor den Nazis versteckte und Krüger dann „umerzog und aus mir in sechs Monaten einen Anti-Nazi machte“.

1945 sei er an die Front geschickt worden, nach Kriegsende landete er in einem US-Gefangenenlager in Tirol, schließlich floh der 17-Jährige mithilfe eines amerikanischen Offiziers. Der Mann habe das Tor absichtlich aufgelassen, ihm freigestellt, hindurchzugehen - auf eigenes Risiko, von den Wachen erschossen zu werden. Besonders an diesen Stellen, die Krüger in seinem Bericht zu verdichten weiß, kann man in der Schulaula eine Nadel fallen hören.

Der prominente Gast berichtet noch über seinen Fußmarsch von Tirol zurück nach Berlin („Ich habe ein Land in Trümmern gesehen“), dann schwenkt er langsam zum Heute und seinem eigentlichen Anliegen über. „Ich habe gedacht, mein Land wird so was nie wieder machen. Was wir jetzt haben, Pegida, NPD und so weiter, das muss ich auch Menschen in eurem Alter nicht erzählen.“ Früher habe es geheißen: Die Juden sind unser Unglück. Jetzt heiße es: Muslime sind unser Unglück.

Krüger spricht immer wieder von den „Nachfolgeverbrechern“, er warnt, mahnt und erreicht in seiner Eindringlichkeit die jungen Leute. Und er sieht alles: „Ich habe euch bei meinem Vortrag beobachtet“, sagt er später, „Schauspieler können gleichzeitig sprechen und gucken.“

Bei der anschließenden Fragestunde schlägt die große Stunde von Thuy Hien Nguyen Winkelhagen. Die 15-Jährige fragt Krüger, ob er während seines Fußmarschs ans Aufgeben gedacht habe. Später sagt die aus Vietnam stammende Zehntklässlerin: „Dass es Leute gibt, die das durchstehen, finde ich großartig. Er ist nett und humorvoll. Und er muss wirklich stark sein.“

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