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Aus der Stadt Heftiger Streit um späte Abtreibungen
Hannover Aus der Stadt Heftiger Streit um späte Abtreibungen
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11:19 23.10.2011
Von Jutta Rinas
„Wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir behinderten Menschen helfen und Spätabtreibungen vornehmen“, sagt Ulrich Spielmann, einer der Geschäftsführer in den DDH-Häusern, zu denen auch das Henriettenstift gehört.
„Wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir behinderten Menschen helfen und Spätabtreibungen vornehmen“, sagt Ulrich Spielmann, einer der Geschäftsführer in den DDH-Häusern, zu denen auch das Henriettenstift gehört. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Der Vorsitzende der Geschäftsführung Annastift „Lernen und Leben“, Ulrich Spielmann, argumentiert vehement dagegen: Es vertrage sich nicht mit dem Leitbild der Diakonischen Dienste Hannover (DDH), zu der das Friederikenstift, das Henriettenstift und das Annastift gehören, wenn wegen zu erwartender genetischer Defekte und möglicher Behinderungen solche Spätabtreibungen von Ungeborenen stattfänden.

Hintergrund der Auseinandersetzung ist offenbar eine deutliche Zunahme dieser Abbrüche in der Frauenklinik der DDH, die zum Friederikenstift und Henriettenstift gehört. Waren es 2009 noch 21 Spätabbrüche, verzeichnete die Frauenklinik 2010 schon 45 solcher Eingriffe. Spätabtreibungen sind Abbrüche ab der 14. Schwangerschaftswoche, sie können aber bei entsprechender Indikation auch noch kurz vor der Geburt stattfinden. Nach Kenntnis des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes ist diese Praxis in evangelischen Krankenhäusern bislang nur in Einzelfällen üblich. Nach HAZ-Informationen sehen auch Teile des Klinikpersonals der DDH die Entwicklung kritisch oder fühlen sich in seelische Nöte gebracht.

Prof. Schild sagte allerdings der HAZ, es widerspreche dem diakonischen Auftrag, betroffene Eltern abzuweisen. Man müsse ihnen mit kompetenter Beratung zur Seite stehen – und im Fall einer medizinischen Indikation und der Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der körperlichen und seelischen Gesundheit der Mutter die Abbrüche auch durchführen.

Ulrich Spielmann wiederum bezeichnet solche Eingriffe als eine „schwer erträgliche Hypothek“ für die Diakonischen Dienste. Ein Verzicht darauf wäre ein „Ausweis unserer Glaubwürdigkeit – für die eigene Mitarbeitschaft und für Menschen mit Behinderungen, denen wir uns verpflichtet fühlen“, hatte er bereits im Juni in einem Beitrag für die Zeitung der DDH zum evangelischen Kirchentag in Dresden geschrieben. Die Diakonischen Dienste Hannover reagieren jetzt mit einem „Tag der Ethik“ auf die zugespitzte Auseinandersetzung. Zum Thema „Späte Schwangerschaftsabbrüche in der Diakonie – ein Dilemma“ sollen Kritiker und Befürworter der umstrittenen Praxis am 16. November in der Henriettenstiftung zu Wort kommen.

Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, begrüßte dies am Freitag: Mit Blick auf die medizinische Praxis einer diakonischen Einrichtung gehöre der Konflikt um einen möglichen Spätabbruch einer Schwangerschaft sicher zu den schwierigsten, sagte er am Freitag. Deshalb sehe er „mit Respekt und großer Aufmerksamkeit, wie sich unsere diakonischen Krankenhäuser und ihre Mitarbeitenden diesem Konflikt stellen und wie sie dabei auch um ethische Fragen ringen“.

Der Sprecher der Geschäftsführung der Diakonischen Dienste, Utz Wewel, sagte, dass sich eine moderne Frauenklinik, auch ein diakonisches Haus, solchen Fragen stellen müsse, weil das Leben sie stelle. Vorgeburtliche Diagnostik gehöre heute zum Alltag werdender Eltern.

Die Abtreibungsdebatte

Von selbstmordgefährdeten Müttern ist die Rede, die ein Kind in sich tragen, mit dem sie nicht leben können. Von Paaren, die sich nie vorstellen konnten, wie verzweifelt sie sein würden, wenn ihr Ungeborenes an einer genetisch bedingten Erbkrankheit leidet oder behindert ist. Von Eltern, die ihr Kind spät abtreiben ließen – und dennoch um einen christlichen Segen für das Geschöpf baten, dem sie selbst das Leben nicht schenken konnten.

Wenn man mit dem Chefarzt der Frauenklinik der Diakonischen Dienste Hannover (DDH), Prof. Ralf Schild, oder dem theologischen Geschäftsführer, Michael Hartlieb, über das Thema Spätabbrüche spricht, ist von existentiellen Nöten der Eltern die Rede. Viele kämen mit einem vorgeburtlichen Befund in die Klinik und seien entschlossen, einen Abbruch zu machen, sagt Schild. Es sei wichtig, ihnen ohne Zeitdruck eine ergebnisoffene Beratung zu bieten.

Schild ist Pränataldiagnostiker, Experte auf seinem Gebiet – und Katholik. Er treffe seine Entscheidung nicht allein, sondern ziehe Fachkollegen hinzu, etwa einen Kinderarzt oder einen Herzspezialisten, dazu komme ein Ethikkomitee, in dem auch die Seelsorge vertreten ist. Etwa ein Viertel der Eltern stelle er diesem Gremium gar nicht vor, weil er ihre Gründe für eine Spätabtreibung nicht überzeugend fände, sagt er. „Wer, wenn nicht wir mit unserem Glauben und unserer Erfahrung mit behinderten Menschen, können Eltern in solchen Situationen beraten, ihnen Mut machen, ihr Kind möglicherweise doch zu bekommen?“, fragt Hartlieb.

Aber es gibt auch die Seite derjenigen, die sich zum „Anwalt des ungeborenen Kindes machen“. Mitarbeiter, die ihren Namen nicht öffentlich nennen wollen, berichten von den Nöten traumatisierter Frauen, die so einen Eingriff vornehmen ließen – und ihr totes Kind noch gebären mussten. Sie erzählen davon, dass sie die Situation in der Klinik manchmal kaum noch aushalten können. Die Zahl der Spätabbrüche sei deutlich gestiegen, deshalb sei die Belastung größer.

Ulrich Spielmann, Geschäftsführer im Annastift, ist die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben, als Prof. Schild berichtet, dass er an einem Kind mit Down-Syndrom eine späte Abtreibung vornehmen würde – und sich darauf beruft, dass sich neun von zehn Elternpaaren heute statistisch gegen ein Kind mit Down-Syndrom entscheiden würden. In der Behindertenhilfe des Annastiftes setzt man sich täglich dafür ein, dass Menschen mit Down-Syndrom ein gleichberechtigtes Leben führen können.

Sie wollten in einem ergebnisoffenen Entscheidungsprozess herausfinden, wie sie mit dem Thema umgehen wollen, sagt der Geschäftsführer der DDH, Utz Wewel. Bislang muss das Haus dabei mit einem deprimierenden Befund leben: Nach Angaben von Schild hat sich nach der Beratung in der DDH bislang kein Elternpaar gegen einen Abbruch entschieden.

Spätabtreibungen

Unter Spätabtreibung versteht man bereits einen Schwangerschaftsabbruch nach der vollendeten zwölften Woche. Die Abtreibung eines Kindes ist bis kurz vor der Geburt möglich: Voraussetzung ist, dass eine schwere Erkrankung oder eine Behinderung des Kindes vorliegt und Gefahr für das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren besteht oder eine schwerwiegende Beeinträchtigung des seelischen Gesundheitszustandes der Mutter zu befürchten ist. Auch die gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Mutter werden berücksichtigt. Seit der Reform des Paragraphen 218 im Jahr 2009 muss zwischen einem pränataldiagnostischen Befund und einer Spätabtreibung eine Frist von drei Tagen vergehen. Ärzte müssen eine Beratung anbieten, die Frauen können sie aber ablehnen.

Spätabbrüche sind speziell bei Kindern, die außerhalb des Mutterleibs überlebensfähig wären, mit Risiken verbunden. Der wohl bekannteste Fall einer missglückten Spätabtreibung ereignete sich 1997 in der Städtischen Klinik in Oldenburg. Ein Junge sollte in der 26. Schwangerschaftswoche wegen Down-Syndroms und einer darauf beruhenden seelischen Beeinträchtigung der Mutter abgetrieben werden und überlebte – mit zusätzlichen Behinderungen, die durch die stundenlange Verweigerung einer sachgemäßen Versorgung entstanden.

Wenn Frauen sich für einen Abbruch nach der 22. Woche entscheiden, geschieht dies heute in der Regel durch einen Fetozid. Dem Ungeborenen wird Kaliumchlorid ins Herz gespritzt; es stirbt in Sekunden. Bundesweit verzeichnete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im Jahr 2010 insgesamt 2579 Spätabtreibungen.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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