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Aus der Stadt 20.000 feiern Helene Fischer
Hannover Aus der Stadt 20.000 feiern Helene Fischer
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00:20 12.10.2014
Von Uwe Janssen
Vor der TUI Arena warteten am Nachmittag zahlreiche Fans auf Einlass.
Vor der TUI Arena warteten am Nachmittag zahlreiche Fans auf Einlass. Quelle: Dröse
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Hannover

Vor ein paar Jahren musste man Lust haben, ein Helene-Fischer-Konzert zu sehen. 2014 muss man Glück haben. TUI Arena, 10.000 Fans, seit Monaten ausverkauft. Am Freitag nochmal, auch ausverkauft, im kommenden Sommer im 96-Stadion, derzeitiger Stand: ausverkauft. Man sieht also nicht nur ein Konzert an diesem Abend, man wohnt einem Phänomen bei. Die gerade mal 30-Jährige hat alle überholt. Wo der Erfolg auch hinkommt, Helene Fischer ist schon da.

Bei ihrem jüngsten Doppelkonzert in Hannover Helene Fischer in der TUI-Arena auf.

Pünktlich um 20.01 Uhr geht das Saallicht aus in der Mehrzweckhalle. Der ganze Bau zittert unter Bassgewummere. Auf dem bühnenumhüllenden Vorhang geht Vulkanlava hernieder. Wären da nicht die jungen Männer mit den blauen "I love Helene"-Shirts, die es vom Bierstand noch gerade rechtzeitig in den Saal schaffen, es könnte an dieser Stelle auch noch ein Linkin-Park-Konzert sein. Gut, der Innenraum ist voller Stühle, die sich aber schon bald als flächendeckendes Tanzhindernis herausstellt.

Denn dann steht sie da, aus dem Bühnenboden hochgefahren, im grellen Scheinwerferlicht. Ein paar Sekunden sind das nur. Aber sie sagen: Seht her! Warum sucht Deutschland einen Superstar? Hier steht er doch! Fischer ruft etwas, auf alle Fälle kommt "Hannoooover" vor. Es reicht für zügellose Begeisterung rundum. Die meisten Leute hier haben ihre Karten schon 2013 gekauft. Jetzt wollen sie auch was erleben.

Fischer trägt etwas eng Anliegendes, mit buntem, lamettaartigem Zeugs vor der Brust, bunt natürlich. „Farbenspiel“ heißt die Tour, da muss sogar das Publikum helfen. Vorne umrahmt von Fischers Laufsteg, sind Fans alle in weiß gekleidet und werden unter Fischers Regie ("Wir benutzen euch jetzt") immer wieder in farbiges Licht getaucht. Der Einheitsdress ist natürlich kein Zufall. Nichts ist Zufall hier in der Illusionsmaschine „mitten im Paradies, tausend Träume weit, bis zum Rand der Zeit“.  

Das hier ist keine Schlagershow mehr, sondern eine Größer-geht-immer-Produktion, die sich mühelos auf Stadionformat aufpumpen lässt. Kleiner ist schwieriger, nicht nur der Nachfrage wegen. Schon bei der vergangenen Tour hatte sich Fischer Bühne und Choreografie von US-Showprofis maßbasteln lassen. Auch diesmal hat das alles amerikanischen Zuschnitt. Das heißt: Große Band, Tänzer, Sänger, keine Pausen, immer irgendetwas in Bewegung, fließende Übergänge, Tempo, Tempo, viel Umziehen, perfekte Videoshow, Windmaschine immer parat. Eine Kitschobergrenze gibt es nicht, am besten erzählt auch optisch jeder Song eine eigene Geschichte. Ein Shop-in-Shop als Show-in-Show-Konzept.

Das passt natürlich in das Helene-Fischer-Profil der omnipräsenten Alleskönnerin. So wird auch das Konzert in der TUI Arena zu einer mehr als dreistündigen Beweisführung, dass Singen, Tanzen, Akrobatik, Modenschau, Moderation, Volkstümlichkeit, Rock’n’Roll, Entertainment, Lustigsein – und das für Kinder, Senioren und alles dazwischen – als One-Woman-Show in einen Abend passt. Und führte mitten durch die Halle eine 50-Meter-Bahn, würde sie vermutlich auch noch Weltrekord schwimmen. Lagen natürlich. Fischer singt "Nur, wer den Wahnsinn liebt". Während ihrer anschließenden Umziehpause liefern sich Geiger und Gitarrist  sich ein schönes Vivaldi-Duell. Männer gehen Bierholen. Der blonde Star kommt als Eiskönigin zurück. Für Musical ist ihre Stimme wie gemacht.

Fest steht: So eine komplette Unterhalterin hat Deutschland seit Jahrzehnten nicht gehabt und eine, die die vielarmige, hektische Mediengegenwart so souverän zu nutzen weiß, schon gar nicht. Es ist kein Zufall, dass sie als Perfektionistin gilt, wer so ein Pensum nicht diszipliniert herunterarbeitet, wird an ihm scheitern. Aber sie meistert nicht nur parallel TV-Präsenz und Tourvorbereitung, sondern sackt während der Weltmeisterschaft auch noch die Fußballfans ein und lässt sich selbstverständlich auch Ice Buckets über den Kopf kippen. Und das Schwierigste bei alle dem ist vermutlich, so frisch und konzentriert zu wirken, als sei das alles ein Kinderspiel. In Hannover gelingt ihr das mit federnder Leichtigkeit.  

Am Donnerstag und Freitag gibt die Schlagersängerin Helene Fischer Konzerte in der TUI-Arena in Hannover.

Schlager geblieben ist nur eins: In den Texten ist alles wie früher, mehr Phrasen- als Farbenspiel. Die Texte kontrastieren geradezu Fischers knapp geschnittenes Garderobenrepertoire, sie drehen sich in aller sprachlichen Artigkeit um Liebe und Leid, Glück und Gefühle, Herz, Schmerz, und dies und das. Es sind Schlüsselwörter, es wird gar nicht versucht, all das fantasievoll zu umschreiben. Es wird in Armen gelegen, sich nach Zärtlichkeit gesehnt, da fliegen Herzen entgegen und es wird Sehnsucht gespürt, manchmal sogar alles in einem Song wie kurz vor der Pause in „Vergeben, vergessen und wieder vertrau’n“.

Um auch diesen Rahmen zu sprengen, gibt es nach der Pause und einer minutenlangen Laola im Saal ein paar englische Smash-Hits aus dem Achtzigern: „You’re the Voice“, Van Halens „Jump“, „I love Rock’n’Roll“, „Living on a Prayer“ - und „Purple Rain“ von Prince.

Schlagertypisch ist dann doch wieder der Fankontakt, das Geschenkeannehmen von den ganz Treuen ("Bist du nicht der Erik?") und viel Händeschütteln und nette Worte am Bühnenrand. Um 22.45 Uhr ist die Kitschgrenze dann doch überschritten. Fischer fliegt auf einem großen Fantasievogel durch die Halle und singt "My Heart will go on". Und dann zum Schluss "Atemlos". Ein Ohrwurm.

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