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Aus der Stadt Die stille Macht der Rocker
Hannover Aus der Stadt Die stille Macht der Rocker
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21:14 26.06.2013
Von Tobias Morchner
Seitenwechsel: Hannovers Ex-Rocker-Chef Frank Hanebuth ist ein Jahr nach der Auflösung des hiesigen Klubs jetzt Mitglied der Höllenengel von Mallorca. Quelle: Schaarschmidt (Archiv)
Hannover

Wie unscheinbar der kleine Stichweg zu den Hausnummern 46 a, b, c und d der Badenstedter Straße heute doch wirkt. Noch vor einem Jahr prangte über der Einfahrt ein leuchtendes Schild mit der Aufschrift „Angels Place“, knatterten schwere Motorräder die schmale Straße hinauf und wurden auf dem von einer roten Backsteinmauer umgrenzten Gelände rauschende Feste gefeiert. Der hannoversche Ortsverein der Hells Angels hatte die ehemalige Ziegelei zu seinem Klubhaus gemacht. Von dort übten die 60 Höllenengel unter der Führung von Ex-Profiboxer Frank Hanebuth ihren Einfluss bis weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus aus.

Seit genau einem Jahr ist es ruhig geworden in diesem Teil von Linden-Mitte. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion löste Hanebuth das seit 1999 bestehende Charter des Rockerklubs auf und teilte seine Entscheidung in wenigen Worten über das Internetportal „Ride free“ der Welt mit. Mit dem Schritt kam der 48-Jährige mutmaßlich einem Verbot seines Klubs durch den damaligen Innenminister Uwe Schünemann (CDU) zuvor. Damit hatten die hannoverschen Höllenengel zumindest nach außen hin all ihre Macht abgegeben. Denn bereits im September 2011 hatten sie sich aus dem Steintorviertel zurückgezogen, in dem sie jahrelang die Fäden zogen, weil Hanebuth über seinen Sicherheitsdienst die Türen der Klubs und Diskotheken kontrollierte.

Doch nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen ist trotz des Rückzugs auf allen Fronten der Einfluss der Ex-Mitglieder des hannoverschen Charters hinter den Kulissen auch weit über die Landesgrenzen hinaus nach wie vor ungebrochen. „De facto hat sich nichts an der Hoheit der Hells Angels geändert“, sagt LKA-Präsident Uwe Kolmey der HAZ. Das deckt sich mit der Einschätzung der örtlich zuständigen Polizeidirektion. Einige Angehörige der hannoverschen Ortsgruppe der weltweit operierenden Rockerorganisation gingen im Steintor „weiterhin ihrer Tätigkeit nach“, sagt Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe. Zwar sei die optische Präsenz der Rocker durch das Tragen von „Kutten“ oder Ähnlichem weggefallen. Eine signifikante Änderung im Bezug auf den Einfluss der Rocker habe seit der Auflösung der Hells Angels Hannover aber nicht festgestellt werden können, erklärt Kolmey.

Das hat seine Gründe. Schließlich kennen sich die früheren Klubmitglieder seit Jahren, sind freundschaftlich miteinander verbunden - man betrachtet einander als „Brüder“ und hilft sich dementsprechend gegenseitig. Zudem ist auch Frank Hanebuth weiter in Hannover ansässig. Der „Lange“, wie der 1,90 Meter große Mann gern gerufen wird, geht im Steintor seinen Geschäften nach und dient der Polizei, dem Vernehmen nach, weiter als Ansprechpartner für Rockerfragen. „Er dürfte nach wie vor maßgeblichen Einfluss auf die Belange der Hells Angels haben, sowohl in Niedersachsen als auch deutschlandweit“, sagt Kolmey.

Die Beamten der Polizeidirektion Hannover haben nach wie vor ein besonderes Auge auf das Kneipenviertel. „Die provisorisch eingerichtete Wache am Marstall haben wir zwar aufgegeben, wir zeigen jetzt am Steintor aber weiterhin Präsenz - von der Wache in der Herschelstraße aus“, erklärt Polizeipräsident Kluwe. Seiner Einschätzung nach haben bislang, wie von den Steintorwirten befürchtet, keine anderen Organisationen den Versuch unternommen, auf Hannovers Partymeile Fuß zu fassen. „Es gibt keine Gruppe, keine Ethnie, die aus unserer Sicht ins Steintor hineindrängt“, sagt Kluwe.

Auch die Hells Angels, die nach der Auflösung des Charters in Hannover geblieben sind und den Klub „Badlands“ ins Leben gerufen haben, verhalten sich nach Angaben der Polizei ruhig. „Unseren Erkenntnissen zufolge haben sie bislang nicht mal ein neues Vereinsheim“, sagt Polizeivizepräsident Thomas Rochell. Ähnlich zurückhaltend geben sich nach Einschätzung der Behördenleitung auch die Rocker der „Red Devils Hannover“, des Unterstützerklubs der Hells Angels. „Die Mitglieder verhalten sich nicht auffällig“, sagt Kluwe.

Auch Ex-Rockerboss Frank Hanebuth hat sich inzwischen neu orientiert. Er ist Mitglied beim Charter der Hells Angels auf der Baleareninsel Mallorca. In welcher Funktion, darüber schweigt er. Regelmäßig ist er auf der Insel zu Gast und plant neue Projekte. „Ich bin dort in Verhandlungen, einen mittleren Gastronomiebetrieb zu übernehmen“, teilt er mit. Darüber hinaus ist er in Deutschland als Berater im Gastrobereich aktiv und hat das Betätigungsfeld seines Sicherheitsunternehmens erweitert. „Wir haben gerade die offizielle Lizenz für Inkassoaufträge bekommen“, erklärt er. Es klingt, als liefen die Geschäfte des Höllenengels auch weiterhin gut.

Das sind die Höllenengel

Der Ortsverein der Hells Angels in Hannover entstand 1999. Damals wechselten überraschend die Mitglieder des Rockerklubs Bones geschlossen zu den Hells Angels. Frank Hanebuth, der auch schon die Bones anführte, wurde zum „Präsidenten“ der Hells Angels. Ihm gehören bis heute zwei Bordellbetriebe am Steintor. Seine übrigen Beteiligungen, etwa an der Sansibar, hat er verkauft. Hanebuth betreibt weiterhin die Sicherheitsfirma Bodyguard Security, deren Mitarbeiter jahrelang an den Eingängen fast aller Kneipen und Klubs am Steintor standen.

Der Rockerchef wurde 2001 zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt, weil er einem anderen Klubmitglied Kiefer und Nasenbein zertrümmert hatte. Im Mai 2010 besiegelte Hanebuth per Handschlag mit einem führenden Mitglied der verfeindeten Bandidos den sogenannten „Rockerfrieden von Hannover“. Ein Jahr lang sollten sich die Mitglieder der beiden Klubs, die sich zuvor einen brutalen Kampf um Gebietsansprüche im gesamten Bundesgebiet geliefert hatten, aus dem Weg gehen. Beide Seiten hielten sich an die medienwirksam in der Kanzlei von Rechtsanwalt Götz von Fromberg geschlossene Vereinbarung.

Im September 2011 kündigte Hanebuth überraschend seinen Rückzug vom Steintor an und zog seine Sicherheitsleute von den Türen der Klubs ab. Im Mai 2012 durchsuchten Spezialeinheiten der GSG 9 das Anwesen des Rockerchefs in der Wedemark. Ein Kronzeuge hatte ausgesagt, Hanebuth habe in Kiel einen Mord in Auftrag gegeben. Ein Jahr später wurden die Ermittlungen gegen den 48-Jährigen ohne Ergebnis eingestellt. Nach der Razzia, im Juni 2012, entschied Hanebuth, das hannoversche Charter aufzulösen. „Ich bin und bleibe Hells Angel“, sagte er damals und kündigte an, sich nie wieder einem Klub anschließen zu wollen. Dem Vernehmen nach ist er heute im Charter Mallorca untergekommen.

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