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Aus der Stadt Wie erinnern Sie sich an Helmut Schmidt, Herr Schmalstieg?
Hannover Aus der Stadt Wie erinnern Sie sich an Helmut Schmidt, Herr Schmalstieg?
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00:24 14.11.2015
Von Conrad von Meding
Herbert Schmalstieg mit Helmut Schmidt auf dem Messegelände in Hannover auf dem Weg zum SPD-Parteitag. Quelle: HAZ-Archiv
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Hannover

Zu Hannover hatte Helmut Schmidt eine intensive Bindung - auch aus einem ganz persönlichen Grund. „Er erzählte mal, dass er als Heranwachsender mit seiner späteren Ehefrau Loki in der Marktkirche gewesen war“, erinnert sich Hannovers langjähriger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. „Die beiden haben dort offenbar über ihre Zukunft gesprochen, er hatte eine sehr intensive Erinnerung an diesen Ort.“ Die Nachricht vom Tod des ehemaligen Bundeskanzlers und Parteifreunds erreichte Schmalstieg auf seiner spanischen Lieblingsinsel La Palma. „Ich habe ihn sehr gemocht“, sagte Schmalstieg gestern. „Ich bin sehr traurig.“

Während seiner Kanzlerzeit (1974 bis 1982) hat Schmidt Hannover häufig besucht. Schmalstieg (Oberbürgermeister von 1972 bis 2006) begleitete ihn zur Eröffnung zahlreicher Wirtschaftsschauen auf dem Messegelände, getroffen hat man sich auch bei anderen Anlässen. Etwas unangenehm in Erinnerung ist Schmalstieg der SPD-Bundesparteitag 1973 in Hannover. „Helmut Schmidt war Präsident des Parteitags und ein klein wenig ungehalten, dass ich die Chance, als junger Oberbürgermeister ein Grußwort zu halten, deutlich länger ausnutzte als erlaubt.“ Geschadet hat es dem Verhältnis der beiden nicht. „Mit 90 Jahren hat er gebeten, keine Geburtstagsbriefe mehr zu bekommen“, sagt Schmalstieg. „Ich habe ihm trotzdem jedes Jahr zum 23. Dezember geschrieben - und immer eine persönliche Antwort erhalten.“

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„Im Nachhinein hat Schmidt recht behalten“

Schmalstieg, 72 Jahre alt, bezeichnet sich selbst als „SPD-Fossil mit 55 Jahren Mitgliedschaft - auch wenn man mir das so nicht ansieht“. Als junger Sozialdemokrat hat Schmalstieg zu der Troika Brandt-Schmidt-Wehner aufgeschaut. „Alle drei waren faszinierende Persönlichkeiten, sie haben die SPD geformt zur regierungsfähigen Volkspartei“, sagt Schmalstieg heute. 1968 begegnete er Schmidt erstmals persönlich - auf dem SPD-Parteitag in Nürnberg. Der junge Oberbürgermeister aus Hannover war später nicht mit allem einverstanden, was der Staatsmann in Berlin und Hamburg tat. Vor allem nicht mit Schmidts Werben, der sowjetischen Aufrüstung notfalls mit der Aufstellung neuer Atomraketen im Westen zu begegnen. „Ich bin Pazifist und Hiroshima-Aktivist“, sagt Schmalstieg, „für mich war der Nato-Doppelbeschluss untragbar.“ Und heute? „Im Nachhinein hat Schmidt recht behalten“, gibt Schmalstieg zu: „Das zeugt von seiner Weitsicht für Europa.“

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Immer wieder trat Schmidt in Hannover auch öffentlich auf. 1976 hielt er auf dem Trammplatz bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung eine Rede vor dem Neuen Rathaus. 1982 sprach er zur 1.-Mai-Feier auf dem Klagesmarkt. „Wir haben ihm zu Ehren einen Empfang im Rathaus gegeben, und er hat sich ins Goldene Buch eingetragen“, sagt Schmalstieg. 1986 gab es eine Ansprache in der Marktkirche, 1993 kam Schmidt zum 80. Geburtstag seines Parteigenossen Egon Franke nach Hannover, im Oktober 2001 hielt er einen Vortrag über Sicherheit im Gebäude des Sparkassen- und Giroverbands am Schiffgraben. Sein letzter Besuch war 2012, als er sich am Rande der Hannover-Messe mit Altbundeskanzler Gerhard Schröder und Chinas Premierminister Wen Jiabao im Hotel Luisenhof traf.

Fernab der Politik gibt es noch ein Thema, das Schmidt mit Hannover verband - und auch das hat wieder mit seiner 2010 verstorbenen Ehefrau Loki zu tun. Die war als Biologin eine intensive Unterstützerin des Schulbiologiezentrums im Stadtteil Burg. „Als es in der Stadtverwaltung Überlegungen gab, die Einrichtung aufzugeben, hat Loki mich bedrängt, diese einzigartige Einrichtung in Deutschland aufrechtzuerhalten“, sagt Schmalstieg. Diese Anekdote taucht in einer Festschrift zu der Bildungseinrichtung auf, die er vor einigen Jahren an Helmut Schmidt geschickt hat. „Er hat sich gefreut und bedankt und das Thema kurz darauf in eine Rede zur Eröffnung einer Botanik-Einrichtung in Hamburg eingebaut“, sagt Schmalstieg.

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So tauschte man sich aus zwischen Hamburg und Hannover. „Er war herzlicher, als es manchmal den Anschein hatte“, sinniert der langjährige Weggefährte Schmalstieg und sagt: „Man hätte ihm gewünscht, dass er 100 wird.“

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