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Aus der Stadt Herrenhausenfestival nahe am Flop?
Hannover Aus der Stadt Herrenhausenfestival nahe am Flop?
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22:57 01.10.2009
Elisabeth Schweeger, Intendantin der Festwochen Herrenhausen. Quelle: Decker

Damit blieb das in diesem Jahr neu gestaltete Programm, ein Mix klassischer Konzerte mit modernen Inszenierungen, deutlich hinter den Erwartungen zurück. Drevermann verteidigte das Konzept: „Es braucht oft einen längeren Atem, wenn man vertraute Dinge ändert.“ Der Vorsitzende des Kulturausschusses, Lothar Schlieckau, forderte gestern, „diese ungewöhnlich hohe Zahl an Freikarten zu halbieren“.

Die FDP-Fraktion hatte sich monatelang erfolglos bemüht, Auskunft über die Anzahl verkaufter Karten zu erhalten. Auf Druck von Oberbürgermeister Stephan Weil, der während der aktuellen Suche nach Sponsoren bei Banken und Unternehmen kein Interesse an einer schwelenden Debatte über die Festwochen hat, nannte Drevermann jetzt die Daten. Mit 35 Prozent verschenkter Tickets benötigte die Konzertreihe 2009 deutlich mehr Freikarten als in Vorjahren, um Säle zu füllen. 2007 zahlten laut Drevermann 27 Prozent der knapp 3800 Besucher keinen Eintritt, 2008 hörte ein Fünftel von 3900 Zuschauern Konzerte kostenlos – im vergangenen Jahr habe die Stadt bewusst weniger verschenkt. Weil sagte, natürlich würden bei „neuen Formaten“ mehr Freikarten verteilt. Die Zuschauerzahlen blieben oft hinter den Erwartungen zurück. Nur 210 Menschen wollten die filmische Installation „Anatomie Titus“ sehen, die Oper „Anaesthesia“ interessierte nur 288 Hörer. Bei einigen der neu ins Programm gehobenen Inszenierungen sollen weniger als die Hälfte der Gäste Eintritt gezahlt haben. Als sich das schwache Zuschauerinteresse abzeichnete, legte die Hannover Marketing und Tourismus Gesellschaft mit einer Werbekampagne nach, deren Kosten nach letzten Schätzungen bei mehr als 30 000 Euro gelegen haben sollen.

FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke sagte, nun habe sich das neue Konzept als „falsch“ erwiesen. Im Interesse des städtischen Etats müsse die Zahl verkaufter Karten steigen. Dies unterstützt Schlieckau, der in der Zukunft eine Auslastung von 80 bis 90 Prozent bezahlter Karten erwartet. Er forderte Dezernentin Drevermann zu „Transparenz in wirtschaftlichen und inhaltlichen Fragen“ auf. 2010 spielen die Festwochen wohl unter dem Titel „Kunst Fest Spiele“. Intendantin Elisabeth Schweeger plant einem Entwurf zufolge einen „Parcours der Sinne“, Opern, Musiktheater, Konzerte, Installationen und Diskurse für „urbane Nachtfalter“. Erwartet werden der international renommierte Avantgardekomponist Heiner Goebbels, das Freiburger Barockorchester und das Ensemble Modern.

Von Gunnar Menkens

Nachgefragt bei Elisbaeth Schweeger

Frau Schweeger, die FDP spricht mit Blick auf die Festwochen vom „Selbstverwirklichungswahn zweier selbsternannter Kulturexpertinnen“. Wie gehen Sie damit um?
Das Problem ist, dass offensichtlich keiner von denen, die uns kritisieren, da war und sich etwas angeschaut hat. Wenn man ein Konzert des Münchener Kammerorchesters, bei dem Barockmusik gespielt wird, als modern ansieht, dann frage ich mich, wo wir sind. Das Programm stand in der Tradition dessen, was auch früher in Herrenhausen gemacht wurde.

Das Problem sind auch die Freikarten ...
Freikarten hat es, soviel ich weiß, immer schon gegeben. Wichtig ist, ob am Schluss die Vorgaben eingehalten werden. Da kann ich nur sagen: Das Ziel wird erreicht. Vielleicht hätte man die Werbung noch intensivieren müssen. Die öffentliche Resonanz war überaus positiv.

Empfinden Sie die Kritik als provinziell?
Ich finde es schade. Ich halte ja viel aus. Aber hier schadet die Politik dem Image der Stadt. Jeder aus der Kunstszene weiß, dass in Herrenhausen hervorragende Ensembles aufgetreten sind. Wenn man jetzt sagt, dass das alles Mist ist, heißt es in Zukunft für Künstler: Man kann nicht nach Hannover gehen, weil hier die guten Leute zerrieben werden, aber nicht vom Publikum und der Kritik. Die Kritiker im Rat wollen, dass die Massen nach Herrenhausen strömen. Aber das Publikum muss doch erst aufgebaut werden. Vor zehn Jahren wurde Luigi Nono bei den Salzburger Festspielen vor vielleicht hundert Leuten gebracht, dieses Jahr wurde Nono fünfmal im vollen Festspielhaus aufgeführt. Manche Dinge brauchen ihre Zeit. Hannover kann doch die Moderne in der Musik nicht ausschließen.

FDP-Ratsherr Wilfried Engelke sagt, dass er sich unterhalten lassen und nicht Mord und Totschlag sehen will.
Dann soll er mir sagen, wo es bei uns Mord und Totschlag gab. Ich wüsste nicht, wo das war. Meine Güte: Kunst kann nicht immer bequem sein.

Die Kritiker im Rat wollen, dass die Massen nach Herrenhausen strömen.
Aber das Publikum muss doch erst aufgebaut werden. Vor zehn Jahren wurde Luigi Nono bei den Salzburger Festspielen vor vielleicht hundert Leuten gebracht, dieses Jahr wurde Nono fünfmal im vollen Festspielhaus aufgeführt. Manche Dinge brauchen ihre Zeit. Hannover kann doch die Moderne in der Musik nicht ausschließen. Wie, glauben Sie, kann man Menschen wie Herrn Engelke erreichen? Indem man sie bittet, sich die Vorstellungen doch einfach mal anzuschauen.

Wie, glauben Sie, kann man Menschen wie Herrn Engelke erreichen?
Indem man sie bittet, sich die Vorstellungen doch einfach mal anzuschauen.

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