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Aus der Stadt Schostok will Platz vorm Landtag umbenennen
Hannover Aus der Stadt Schostok will Platz vorm Landtag umbenennen
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00:17 17.01.2014
Von Michael B. Berger
Umstrittene Postanschrift: Der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz vor dem Landtag in Hannover. Quelle: Michael Thomas (Archiv)
Hannover

Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) ist für die Umbenennung des Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platzes vor dem Landtag. „Ich würde mich entscheiden für die Umbenennung“, sagte Schostok am Dienstag auf einer Podiumsdiskussion der SPD-Landtagsfraktion. Sie kreiste um die Person des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten, dem nach jüngsten Recherchen von Historikern Kollaboration mit dem Naziregime vorgeworfen wird.

Seit gut einem halben Jahr wird über die ambivalente Biografie Kopfs diskutiert, der als „roter Welfe“ Niedersachsen nach dem Zweiten Weltkrieg regierte und lange Zeit eine große Identifikationsfigur war. Ausgelöst hat die Debatte die Biografie der Göttinger Historikerin Teresa Nentwig. Sie legte dar, wie anpassungsfähig Kopf sich in der Zeit des Nationalsozialismus zeigte, obwohl er kein Nazi war. Nentwig schildert den Sozialdemokraten als kleines Rädchen im Getriebe der NS-Maschinerie, der an der Arisierung jüdischer Unternehmer beteiligt war, allerdings nicht als Profiteur, wie Nentwig unterstrich. So hatte indes die SPD-Landtagsfraktion ihre Veranstaltung übertitelt. „Das ist ein für Sozialdemokraten ungewöhnliches Thema“ sagte die SPD-Fraktionsvorsitzende Johanne Modder zur Eröffnung der Diskussion, an der neben Nentwig der hannoversche NS-Forscher Joachim Perels, Michael Fürst von den Jüdischen Gemeinden, Landtagsvizepräsidentin Gabriele Andretta, sowie Schostok teilnahmen.

Andretta setzte gleich zu Anfang der Diskussion den Ton bei der neuerlichen historischen Bewertung Kopfs. Trotz seiner großen Verdienste für die Gründung Niedersachsens könne man ihm keine „tätige Reue“ zubilligen, da er sein Mittun in der Nazizeit verschwiegen und das Parlament nach dem Krieg sogar belogen habe, als die Polen Kopfs Auslieferung forderten. „Kopf tat, was ihm nutzte“, sagte Andretta. Schostok wertete die Lüge Kopfs sogar als „verstecktes Schuldeingeständnis“.

Der NS-Forscher Perels warf Kopf vor allem sein Wirken im Zweiten Weltkrieg in der Haupttreuhandstelle Ost in Polen vor. „Dass er aus Karrieregründen mit den Nazis kollaborierte, ist noch nicht das Problematische. Aber bei der Ausbeutung Polens war er einer der Mittäter“, meinte Perels. Deshalb habe die Stadt Hannover bei der geforderten Umbenennung kaum eine andere Wahl. So sah es auch Michael Fürst, der die SPD aber dafür lobte, dieses schwierige Kapitel überhaupt aufgegriffen zu haben.

Schostok wies darauf hin, dass die Stadt Hannover sich jetzt grundsätzlich mit dem Thema Namensumbenennungen befassen und dafür auch einen Beirat gründen wolle. Deshalb scheute er anfangs, dem nachbohrenden Moderator Klaus Wallbaum von der HAZ, eine Antwort zu geben, wie er denn selbst eine Umbenennung beurteile.

Gegen die Umbenennung ist nicht nur die Historische Kommission, sondern auch die Kopf-Biografin Nentwig. Sie hält andere Reaktionen für intelligenter, etwa zahlreiche Hinweise, die per Handy abgerufen werden könnten. Mit Umbenennungen könne man auch den Eindruck erwecken, als wollte man sich von der Geschichte entsorgen. Im Publikum saßen auch Weggefährten Kopfs, die die Diskussion als viel zu einseitig empfanden, etwa Ferdinand Kuba, der Schwiegersohn Kopfs. Er führte an, dass Kopf während der Nazi-Zeit selbst in der Opferrolle war, weil er nicht mehr Landrat sein durfte. Auch der frühere Verfassungsrichter Ernst-Gottfried Mahrenholz, einst Referent des Ministerpräsidenten, führte Entlastendes an. So habe er etwa Juden versteckt.

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