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Aus der Stadt Historikerin findet Namen von NS-Opfern heraus
Hannover Aus der Stadt Historikerin findet Namen von NS-Opfern heraus
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22:15 03.05.2009
Von Thorsten Fuchs
Auf dem Gräberfeld am Arthur-Menge-Ufer liegen 386 Zwangsarbeiter begraben. Quelle: Christian Burkert
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Nach aufwendigen Recherchen hat die Historikerin Janet Anschütz die Namen von 99 Zwangsarbeitern herausgefunden, die nach ihrer Ermordung zunächst auf dem Seelhorster Friedhof beigesetzt und dann zum Maschsee umgebettet worden waren. Angesichts des Zeitpunkts und des Umfangs der Entdeckung hält der Leiter des Stadtarchivs, Karljosef Kreter, den Fund für „eine kleine Sensation“.

Die Chance, die Namen der 386 am Maschsee-Nordufer bestatteten NS-Zwangsarbeiter noch klären zu können, galt bislang als verschwindend gering. Unter ihnen sind jene 154 Opfer, die die Gestapo am 6. April 1945 kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner auf dem Seelhorster Friedhof erschoss. Als die Alliierten nach Kriegsende von dem Verbrechen erfuhren, verpflichteten sie Hannoveraner, die Leichen zu exhumieren und am Nordufer des Maschsees zu begraben.

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Möglich wurde die Entdeckung der Namen durch die Öffnung der Archive des Internationalen Suchdienstes ITS in Bad Arolsen in Hessen im Jahr 2007. Die Einrichtung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz verfügt über rund 50 Millionen Dokumente zum Verbleib von zivilen Opfern des Nationalsozialismus, die nun digitalisiert und Historikern zugänglich gemacht werden.

Janet Anschütz vom Verein „Gegen das Vergessen – NS-Zwangsarbeit“, die seit mehreren Jahren die Situation der Zwangsarbeiter in Hannover erforscht, war bei der Suche nach Dokumenten im Zusammenhang mit dem KZ-Außenlager Stöcken auf die Namen der hannoverschen Opfer gestoßen. Unter anderem konnte sie die Herkunft und Identität von fünf Zwangsarbeitern der Reichsbahn klären, die am 6. April 1945 auf dem Seelhorster Friedhof ermordet wurden.

Die biografischen Angaben sind bislang dünn. So weiß man nun zum Beispiel von einem Mann namens Wassilij Sednew aus dem Ort Dolinskaja in der Ukraine, dass er im Alter von 21 Jahren am 1. März 1944 in das Reichsbahnarbeitslager Auf dem Loh in der Nordstadt kam, am 5. März 1945 inhaftiert und am 6. April 1945 auf dem Seelhorster Friedhof getötet wurde. Aus Schilderungen eines Überlebenden dieses Lagers ist bekannt, dass die Insassen mit dem Inhalt von Paketen handelten, die bei Bombardierungen beschädigt worden waren – vermutlich der Grund für die Verhaftung. Ukrainische Häftlinge sollen in dem Lager besonders hart behandelt worden sein.

Schüler, unter anderem von der Heinrich-Heine-Schule, haben sich bereit erklärt, die Lebensläufe von Opfern zu erforschen. Die Namen könnten Ausgangspunkt weiterer Forschungen sein und sollten auch am Maschsee-Nordufer verewigt werden, meint Archivleiter Kreter. Bislang sei der Ort kaum als Mahnmal und Friedhof im Bewusstsein. Die Entdeckung der Namen könne helfen, dies zu ändern, glaubt er: „Sie können eine neue Art von Verständnis für die Verbrechen wecken.“

Zum 64. Jahrestag des Kriegsendes findet am Freitag, 8. Mai, um 14 Uhr auf dem Ehrenfriedhof am Nordufer eine Gedenkveranstaltung statt, an der auch russische Veteranen und Schüler teilnehmen.

Carsten Schmidt 03.05.2009
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