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Aus der Stadt Kriegsbegeisterung und Kartoffelnot
Hannover Aus der Stadt Kriegsbegeisterung und Kartoffelnot
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07:02 06.06.2014
Von Kristian Teetz
Vor dem Krieg: Die Familie Crusius im Sommer 1914 mit den Eltern Auguste und Ernst August (sitzend in der Mitte).
Vor dem Krieg: Die Familie Crusius im Sommer 1914 mit den Eltern Auguste und Ernst August (sitzend in der Mitte). Quelle: Historisches Museum Hannover
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Hannover

Im Sommer 1914 war die Freude noch groß: Kaiser Wilhelm II. hatte nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und der darauffolgenden Zuspitzung der Konfliktlage in Europa am 1. August die Mobilmachung befohlen. Kriegsbegeisterung lag in der Luft, auch in Hannover.

Die Söhne der Pastorenfamilie Ernst August und Auguste Crusius aus dem damals noch eigenständigen Linden zog es 1914 ebenfalls in den Krieg. „Hier ist eine unglaubliche Aufregung und Begeisterung. Die Jungens stellen sich als Freiwillige am Waterlooplatz, dann können sie hoffentlich noch öfter mal herkommen“, schreibt Auguste Crusius am 3. August 1914 an ihren zweitältesten Sohn. Vier Tage später heißt es: „Unsere Jungens haben heute von 8 bis 12 und 3 bis 7 Uhr auf dem Waterlooplatz zugebracht. Sie meinten, 3000 Freiwillige seien wenigstens da gewesen, Schauspieler, Oberlehrer, dickbäuchige Philister, Obersecundaner, ganz Loccum, alles wartet.“

Nachzulesen sind diese Briefe in dem Buch „Der Alltag des Krieges. Der Erste Weltkrieg in Briefzeugnissen der Familie Crusius aus Hannover-Linden“ (herausgegeben von Irene Crusius, 244 Seiten, 20 Euro), das am Donnerstag im Historischen Museum von dessen Leiter Thomas Schwark, von Andreas Fahl (ebenfalls vom Historischen Museum), der Leiterin des Stadtarchivs Hannover, Cornelia Regin, sowie dem Historiker Gerhard Schneider vorgestellt wurde.

Abgedruckt sind zum einen die Briefe von Mutter Auguste an ihren Sohn Ernst, der als einziger von sechs Söhnen nicht in den Krieg ziehen musste. Zum anderen erzählen Briefe von Hermann und Martin Crusius an ihre Mutter vom Leben und Erleben an der Front. Sie zeigen, wie schnell die Begeisterung schwand, und dokumentieren eine rege Debatte der Brüder über Sinn und Unsinn des Krieges.

Ein besonderes Zeugnis der Jahre 1914 bis 1918 aus lokalhistorischer Sicht wird das Buch aber dadurch, dass Augustes Briefe auch von der „Heimatfront“ in Hannover erzählen – mit all den Ängsten, den Versorgungsengpässen und dem Hunger. „Es ist hier (in Linden), besonders aber in Hannover große Kartoffelnot. Wir kriegen auf unsere Kartoffelkarte nicht ganz 1 Pfund Kartoffeln täglich für eine Person. Davon kann man natürlich nicht satt werden, denn das Brot ist auch sehr knapp“, schreibt Auguste am 8. Juni 1916. „Ich will in unserem Garten auch etwas pflanzen, habe aber keine Frühkartoffeln und keinen Bohnensamen. Beides kann man nur gegen einen Schein vom Rathaus kaufen, und dann wird man als Selbstversorger im Frühling nichts kaufen können“, heißt es am 11. April 1917. Und Anfang 1918 berichtet sie: „Man musste sich dieses Jahr die (Weihnachts-)Pakete holen, weil die Post keine Pferde mehr hatte.“

Die Briefe der Familie Crusius korrespondieren mit dem zweiten Buch, das Donnerstag im Historischen Museum präsentiert wurde. Gerhard Schneider, emeritierter Geschichtsprofessor der Leibniz Universität, hat in „An der ,Heimatfront‘.

Stimmungsberichte aus Hannover und Linden 1916 bis 1919“ (Beiheft 7 der Hannoverschen Geschichtsblätter, 192 Seiten, 12 Euro) Geheimdokumente ausgewertet. Das preußische Kriegsministerium hatte 1916 angewiesen, dass ihm jeden Monat aus der gesamten preußischen Provinz Hannover über Versorgungslage und Stimmung der Bevölkerung berichtet wird. „Für Hannover und Linden sind die Geheimdokumente im Staatsarchiv vollständig erhalten“, sagte Schneider am Donnerstag.

Warum diese Berichte erst 1916 angefordert wurden, erklärt Schneider unter anderem mit der Schlacht um Verdun ab Februar 1916. Mit Verdun habe die Intensität des Krieges noch zugenommen, die Opferzahlen seien gewaltig gestiegen. „Die hoffnungsvolle und siegeszuversichtliche Stimmung der ersten Kriegsmonate war längst verflogen“, schreibt Schneider weiter. Die Akten zeigen, wie Kühe angeschafft wurden, um Milch für Kinder und Kranke zu haben, und dass in Linden im September 1916 „auf den Kopf der Bevölkerung für 14 Tage nur etwa 12 Gramm Käse entfallen“. So geben die nun ausgewerteten Geheimberichte, die jeweils aus der Feder der beiden Stadtoberen Heinrich Tramm für Hannover und Hermann Lodemannn für Linden stammen, und die Briefe der Familie Crusius einen detaillierten Einblick in den Kriegsalltag der Jahre 1914 bis 1918.

Ausstellung:

Wie die Hannoveraner den Ersten Weltkrieg erlebten, wird auch Thema der Ausstellung „Heimatfront Hannover – Kriegsalltag 1914 bis 1918“ sein. Die Schau im Historischen Museum wird ab dem 16. Juli gezeigt.

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