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Aus der Stadt Historisches Museum Hannover zeigt 150 Jahre Sozialdemokratie
Hannover Aus der Stadt Historisches Museum Hannover zeigt 150 Jahre Sozialdemokratie
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19:43 20.02.2013
Von Simon Benne
Foto: Am Mittwoch wurde dort die Ausstellung „150 Jahre deutsche Sozialdemokratie“ eröffnet, konzipiert im wesentlichen von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.
Am Mittwoch wurde dort die Ausstellung „150 Jahre deutsche Sozialdemokratie“ eröffnet, konzipiert im wesentlichen von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Quelle: Ralf Decker
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Hannover

Die Rede muss mitreißend gewesen sein. Programmatisch und pathetisch zugleich. Es war Oktober 1946, Hannover lag in Trümmern, für anreisende Genossen gab es weder Unterkunft noch Verpflegung. Also scharte Kurt Schumacher ein paar Dutzend alte Sozialdemokraten außerhalb der Stadt um sich, um die SPD neu zu begründen – im „Bahnhofs-Hotel Petersen“ in Wennigsen, das mit der Bahn gut zu erreichen war und das seither einen festen Platz auf der historischen Landkarte der deutschen Sozialdemokratie hat. Dort rief Schumacher dazu auf, das Land aus Ruinen auferstehen zu lassen: „Der Auftrag zur Mitarbeit ergeht an alle aufbauwilligen Kräfte“, sagte er. Und: „Der gerade Weg ist immer besser als der krumme.“ Da würde wohl auch der eingefleischteste Christdemokrat nicht prinzipiell widersprechen.

Das Originalmanuskript von Schumachers Rede ist jetzt im Historischen Museum zu sehen. Am Mittwoch wurde dort die Ausstellung „150 Jahre deutsche Sozialdemokratie“ eröffnet, konzipiert im wesentlichen von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Es geht um Marx und Barrikadenkämpfe, um Widerstand und „Willy wählen“, um „Godesberger Programm“ und „Agenda 2010“ – die Schau bietet viel, was links schlagende Herzen erwärmt. Oskar Lafontaine und die Haltung des damaligen SPD-Kanzlerkandidaten zur deutschen Einheit 1990 werden eher am Rande erwähnt.

Die Wanderausstellung „150 Jahre deutsche Sozialdemokratie“ ist noch bis zum 10. März im Historischen Museum zu sehen. Sie zeigt historische Fotos und Schriftstücke aus der Geschichte der SPD.

Neben Medienstationen mit Bild- und Tondokumenten besteht die Ausstellung vor allem aus Stelltafeln mit Fotos und Texten. Sie ist wie ein begehbares Buch, das man leider nur im Stehen lesen kann. In anderen Städten zeigte die Wanderausstellung teils Memorabilia wie August Bebels Taschenuhr oder Herbert Wehners Aktentasche – in Hannover sind diese Stücke nicht zu sehen. Dafür hat das Historische Museum die Ausstellung um geschichtsträchtige Preziosen mit lokalem Bezug ergänzt: „Im Laufe der 150 Jahre hat Hannover immer wieder eine wichtige Rolle für die Sozialdemokratie gespielt“, sagt Museumsdirektor Thomas Schwark.

Tatsächlich gründete der gelernte Buchbinder und Zigarrenmacher Heinrich Meister hier schon 1867 einen Ableger des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“, den Ferdinand Lassalle vier Jahre zuvor in Leipzig aus der Taufe gehoben hatte. Meister, der später im Reichstag saß, gründete auch den Vorläufer der heutigen IG BCE.

Dass die SPD in der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte auf der richtigen Seite stand, illustrieren Exponate wie die 1927 geweihte Parteifahne aus Linden. Ein Gastwirt versteckte sie in der NS-Zeit in einem Ofenrohr auf einem Dachboden. Flugblätter („Zeigt der Reaktion, daß Hannover rot bleibt!“) riefen noch für den 19. Februar 1933 zur Demonstration gegen die Nazis auf. Und die SPD-Zeitung „Volkswille“ berichtete einige Tage darauf mutig über einen „Nazi-Feuerüberfall“ auf Sozialdemokraten. Das kurioseste Exponat ist eine Lampe mit einem Geheimfach, angefertigt vom Schlosser Hermann Spieske, die in einer Lindener Kneipe hing und Genossen im Untergrund als „toter Briefkasten“ zum Austausch konspirativer Nachrichten diente.

Alte Gemälde in der Ausstellung zeigen hannoversche SPD-Politiker wie Gustav Noske oder eben Schumacher, der 1946 in der Hanomag-Kantine den ersten „Reichsparteitag“ der Nachkriegs-SPD organisierte. Daneben ist das „Escorte“-Klapprad zu sehen, mit dem Herbert Schmalstieg 1973 beim ersten autofreien Sonntag zur Arbeit fuhr. Und es gibt Wahlplakate aus dem Achtzigern – mit Wolfgang Jüttner, Edelgard Bulmahn oder Gerhard Schröder („Ein Mann, der Mut macht“). So schnell wird aus Gegenwart Geschichte.

Zu sehen bis zum 10. März im Historischen Museum, Pferdestraße  6. Im umfangreichen Beiprogramm gibt es am 27. Februar, 18 Uhr, ein „Generationengespräch“ über die Zukunft der Sozialdemokratie mit Wolfgang Jüttner, Alptekin Kirci, Heiderose Hoja und Stefan Schostok.

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