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Aus der Stadt Hitlers willige Helfer von der Polizei
Hannover Aus der Stadt Hitlers willige Helfer von der Polizei
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21:47 19.09.2012
Von Thorsten Fuchs
Treu dem Führer: Am 11. November 1933 besuchte Hermann Göring (vorn) die hannoversche Polizei. Zu den willigen Gefolgsleuten gehörte Polizeipräsident  Lutze (vierter von rechts).
Treu dem Führer: Am 11. November 1933 besuchte Hermann Göring (vorn) die hannoversche Polizei. Zu den willigen Gefolgsleuten gehörte Polizeipräsident Lutze (vierter von rechts). Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Walter Zirpins genießt den Triumph in aller Öffentlichkeit. Es ist das Jahr 1951. Gerade hat er als Leiter einer 60-köpfigen Sonderkommission den berüchtigten „Tangojüngling“ gefangen. Jetzt darf der hannoversche Kommissar in einem eigenen Beitrag im „Spiegel“ beschreiben, wie er dem Attentäter, der mit seinen Bomben zwei Menschen getötet und fast ein Dutzend schwer verletzt hatte, auf die Spur gekommen war. Während der Ermittlungen habe er oft auf einem alten Feldbett neben dem Telefon geschlafen, berichtet er. Stets erreichbar, immer im Dienst. Der Erfolg zeigt Wirkung. 1956 wird er Chef der hannoverschen Kriminalpolizei. Zirpins ist endgültig wieder obenauf.

Begonnen hatte diese Karriere lange vorher, im Jahr 1933. Da bekam der noch junge Polizist in Berlin seinen ersten großen Fall. Er durfte Marinus van der Lubbe vernehmen, den Mann, der den Reichstag angezündet haben sollte. 1937 kam Zirpins zum Reichskriminalpolizeiamt und wurde Mitglied der SS. Fast ein Jahr lang leitete er dann von Mai 1940 an die Kriminalpolizei im Getto Litzmann-stadt. Walter Zirpins war ein wichtiger Teil der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Seinem weiteren Erfolgsweg nach dem Krieg stand dies nicht im Weg. 1951 kam er wieder in den Polizeidienst im Innenministerium in Hannover. Seine Aufgabe: die Aus- und Fortbildung junger Kriminalpolizisten.

Die Karriere des Walter Zirpins ist spektakulär - aber sie ist auch typisch für die niedersächsische Polizei nach dem Krieg. Kaum ein Polizist, der zwischen 1933 und 1945 an Verfolgung und Verbrechen beteiligt war, musste sich nach dem Krieg dafür verantworten. „Für die meisten bedeutete das Kriegsende nicht mal einen Knick in ihrer Laufbahn“, erklärt Dirk Götting, Projektleiter einer Ausstellung, die von heute an im Landtag zu sehen ist - und in der das Land erstmals die Rolle der Polizei im NS-Staat beleuchtet.

„Ordnung und Vernichtung“, so der Titel der Schau, basiert auf einer Ausstellung, die erstmals 2011 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen war. Für die Präsentation in Hannover haben sie die vier Kuratoren - neben Götting sind dies Tobias Deterding, Michael Schmelkus und Stefan Wittke - um Beispiele und Exponate aus Niedersachsen ergänzt. Die Grundthese der Berliner Ausstellung konnten sie dabei unverändert übernehmen: Nicht nur die Gestapo, sondern auch die Kriminal- und Ordnungspolizei beteiligten sich an Verfolgung und Völkermord. Die Polizei in Niedersachsen bildete da keine Ausnahme. Im Gegenteil.

Sogar schon vor 1933 engagierte sich zum Beispiel die Braunschweiger Polizei aufseiten der Nationalsozialisten. In Braunschweig, damals noch als Freistaat eigenständig, war die NSDAP schon seit 1930 an der Regierung beteiligt - was auch der Grund dafür war, dass Adolf Hitler 1932 von den dortigen Behörden eingebürgert wurde. Am 12. Februar 1932 konnten dort SA-Horden ungestört durch die Straßen ziehen. Aus Furcht vor Anschlägen mussten Anwohner die Fenster geschlossen halten. Die Polizei begleitete den Marsch fürsorglich - und erschoss einen 18-Jährigen und eine 62-Jährige, die die Fenster versehentlich geöffnet hatten.

Beispiele gibt es zuhauf. Als 1933 als eines der ersten Lager das KZ Moringen eingerichtet wurde, übernahm die Bewachung die Schutzpolizei Hannover. Als 1942 die Hildesheimer Juden deportiert wurden, pferchte die Polizei sie in ihrer Polizeischule zusammen und nahm ihnen alles Wertvolle ab. Friedrich Jeckeln, Polizeichef von Braunschweig, initiierte und organisierte in der Ukraine den Mord an Hunderttausenden Juden (und wurde dafür 1946 von den Sowjets hingerichtet). Das Polizeibataillon 111 schließlich, ausgebildet am Welfenplatz, zog während des Krieges mordend und plündernd durch die Gebiete hinter der Front. „Ich habe diese Polizisten erlebt, die die Morde aufsaugten wie Wasser“, sagte eine Zeugin später aus. Dennoch gab es später nur drei Ermittlungsverfahren. Angeklagt wurde niemand.

Dass die Polizei massiv an Mord und Verfolgung beteiligt war, ist spätestens seit Christopher R. Brownings Studie über die „ganz normalen Männer“ des Bataillons 101 aus Hamburg nichts Neues mehr. Das Verdienst dieser Ausstellung jedoch ist es, dass sie über die zwölf Jahre des Dritten Reichs hinausgeht. Sie erzählt zum Beispiel davon, dass viele Polizisten schon vor 1933 große Sympathien für die Nazis hegten. Ihre ideologische Heimat waren die Freikorps, und als sie sich in der Weimarer Republik immer häufiger als Zerriebene in den Straßenkämpfen politischer Gegner wiederfanden, stärkte dies nicht gerade ihre Liebe zur Demokratie. Auf der anderen Seite zeigt die Ausstellung, dass auch 1945 für die Polizei in Niedersachsen kein Einschnitt war. Eine „Stunde null“ gab es nicht. Lange Zeit interessierte sie sich nicht einmal für ihre eigene Geschichte.

Walter Zirpins musste aus seinen Aufgaben im NS-Staat nicht mal ein Geheimnis machen. In Artikeln hatte er seine Arbeit im Getto von Litzmannstadt beschrieben: das „Studium der jüdischen Mentalität und Gepflogenheiten“ und die „präventive und repressive Bekämpfung“ der Kriminalität. Die polnische Regierung führte ihn als Kriegsverbrecher. Die britischen Besatzer beurteilten ihn 1947 jedoch als „unbelastet“. Auch mehrere Anzeigen gegen ihn führten 1961 zu keiner Anklage. So schrieb er auch nach seiner Pensionierung 1961 weiter kriminologische Aufsätze und blieb bis zu seinem Tod 1976, was er immer sein wollte: ein geachteter, erfolgreicher Autor.

Die Ausstellung im Landtag ist ab Freitag bis zum 25. September und vom 1. bis 22. Oktober montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen bietet die Polizeiakademie am 5., 12. und 19. Oktober jeweils um 13.30 Uhr an. Zu weiteren Führungen können sich Gruppen unter (05021) 88778821 anmelden.

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