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Aus der Stadt Hochkultur zum Nulltarif
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08:32 01.10.2009
Von Gunnar Menkens
Inszenierte Dekadenz: Die barocke Abschlussveranstaltung der Festwochen Herrenhausen im Galeriegebäude. Quelle: Martin Steiner
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Engelke ging es ähnlich. Für verschiedene Aufführungen in den königlichen Gärten kaufte er Tickets, obwohl er als Ratsmitglied umsonst Zutritt hätte, hörte am Rande der Konzerte aber regelmäßig, dass umstehendes Publikum häufig mit Freikarten unterwegs war. Engelke begann nachzuforschen und schätzt inzwischen, dass „30 bis 40 Prozent aller Festwochenbesucher keinen Eintritt gezahlt haben“.

Es gibt keine Belege für solche Vermutungen, gleichwohl sind die Festwochen Herrenhausen zum Politikum geworden. Die FDP hat Kulturdezernentin Marlis Drevermann im Verdacht, die etablierte Konzertreihe mit avantgardistischen Wagnissen herunterzuwirtschaften. Viermal forderten die Liberalen detaillierte Auskunft, wie viele der insgesamt 4154 Besucher tatsächlich Eintritt zahlten. Konkrete Antworten gab es nie. Noch am Mittwoch hieß es von der Stadt offiziell, die Festwochen 2009 seien erfolgreich gewesen, im Vergleich zu Vorjahren habe man nur wenig mehr Freikarten verschenkt.

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Die Dezernentin und mit ihr die künftige Festwochen-Intendantin Elisabeth Schweeger wollten mit dem neuen Programm „In Between“ vier Wochen lang „das Spannungsfeld zwischen Barockmusik und Moderne“ ausleuchten. Also wechselten etwa klassische Konzerte wie eine Händel-Gala mit modern inszenierten Opern, bei der auch Videos zum Einsatz kamen. Das kam bei professionellen Kritikern oft gut an. Engelke hat ein anderes Kulturverständnis und reklamiert dies auch für den Großteil der Bevölkerung. „Ich will mich unterhalten lassen und nicht Mord und Totschlag sehen. Die Masse will so was nicht sehen, und die müssen wir ansprechen.“

Könnte Dezernentin Drevermann nun beispielsweise auf 4000 verkaufte Eintrittskarten verweisen, hätte sich die Debatte um ein angeblich zu elitäres Programm wohl erledigt. Dank hartnäckiger Informationsverweigerung nährt die Stadträtin jedoch alle Befürchtungen, dass etwas dran ist an den Anschuldigungen. Das heizt Gerüchte an. Im Rathaus wird immer wieder von einem schleppenden Vorverkauf berichtet, von mitunter weniger als 50 verkauften Tickets pro Veranstaltung und abgeräumten Stühlen, damit die Quote zwischen Plätzen und Besuchern stimme. Als der Vorverkauf schon längst begonnen hatte und schwache Besucherzahlen absehbar waren, musste die Hannover Marketing und Tourismusgesellschaft auf Drevermanns Wunsch mit Werbung nachlegen. Das allein soll noch einmal rund 40.000 Euro gekostet haben. Die aktuelle Debatte trifft die hoch verschuldete Stadt mitten in der Suche nach Sponsoren für die Festwochen 2010. Mit 650.000 Euro unterstützt die Kommune die Konzertreihe, davon erhält Schweeger 120.000 Euro Honorar – ein Anteil, den sie durch neue Geldgeber wieder hereinholen soll.

Die FDP hat jetzt OB Stephan Weil aufgefordert, wichtige Kulturangelegenheiten in Herrenhausen zur Chefsache zu machen, Drevermann fehle das Verständnis für hannoversche Traditionsveranstaltungen. Er wird dies kaum tun. Denn dass es der FDP mit ihrer beständigen Kritik an der Dezernentin nicht allein um Kultur geht, sondern um die eigene Profilierung für die Wahl 2011, macht im Rathaus ebenfalls die Runde.

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