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Aus der Stadt Hornissen wirbeln Baustellenparty auf
Hannover Aus der Stadt Hornissen wirbeln Baustellenparty auf
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09:31 19.08.2011
Von Stefanie Kaune
Mühselige Bergung. Werner Kirschning saugt die Hornissen behutsam in sein Spezialgerät. Quelle: Thomas
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Hannover

Ein bisschen schien es, als wollte sich die unscheinbare Holzbaracke neben der Eilenriedehalle nach mehr als 50 Jahren Standfestigkeit noch einmal mit einem kleinen Spektakel vom Geländes des Congress Centrums (HCC) verabschieden: Als sich am Donnerstag der Arm des Abrissbaggers senkte und die Dachkonstruktion einriss, setzte plötzlich ein aufgeregtes Schwirren ein – ein Hornissennest war aufgestört worden. Mit dieser Überraschung unterm Dach des Mitte der fünfziger Jahre als Tennisvereinsheim errichteten Gebäudes hatte HCC-Direktor Joachim König nicht gerechnet, als er zur Baustellenparty zur letzten Ehre des wenig schönen, aber dauerhaften Gebäudes einlud, das nun wegen des geplanten Baus der neuen Parkpalette weichen muss. Am Ende dürfte es König aber nicht ungelegen gekommen sein, dass durch den Hornissenfund noch einmal zusätzliche Aufmerksamkeit für die Baracke erzielt wurde, die der Belegschaft des HCC trotz ihrer wenig attraktiven Optik als beständiges Anhängsel der Eilenriedehalle ans Herz gewachsen war. Zuletzt waren dort die Werkstätten des HCC untergebracht, zuvor erlebte der Bau eine bewegte Geschichte als Messebüro oder als Backstagebereich bei Rock- und Popkonzerten.

„Da ist ja noch Leben in der Hütte“, scherzte Lutz Wohlers, Leiter des HCC-Gebäudesmanagements, als die Hornissen schwirrten. In einer spontanen Reaktion versuchte ein Mitarbeiter des Abrissunternehmens, die Insekten mit einem Wasserstrahl zu vertreiben. Doch zügig besann man sich eines Besseren: Hornissen gehören zu den „geschützten Tierarten“, sie dürften nicht einfach vernichtet werden. Und so wurde Werner Kirschning angerufen. Der pensionierte Ingenieur gehört zu den 15 ehrenamtlichen „Hornissen-Beauftragten“, die als verlängerter Arm der bei der Region angesiedelten Unteren Naturschutzbehörde tätig sind. Sein Auftrag: die Hornissen einsammeln und anschließend umsiedeln.

Mit einer Eigenkonstruktion – einem mit zwei Schläuchen versehenen Staubsauger, von denen einer in einen Eimer mit einem Filtervorsatz führt – fing der 71-jährige Insektenfreund in knapp vierstündiger, mühseliger Arbeit die Hornissen per Saugkraft ein. Rund 300 Tiere, schätzt Kirschning, habe er aus ihrem zerstörten Nest geholt, inklusive der Königin. „Das ist wichtig, sonst bricht das Volk auseinander.“ Zu Hause in Bothfeld setzte er dann am Donnerstag in einem ebenfalls selbst entworfenen Kasten die zerbrochenen Wabenelemente wieder zu einer Struktur zusammen, die dem Original möglichst nahe kommt. Das Hornissenvolk soll nun in seinem Garten angesiedelt werden. „Das HCC hat richtig reagiert“, sagt Regionssprecherin Christina Kreutz. Die Feuerwehr sei bei Hornissenfunden nicht zuständig, bestätigt Sprecher Michael Hintz. Bei Wespennestern dürfe sie dagegen anrücken und im Zweifelsfalle auch zwei Arten töten, die Deutsche Wespe und die Gewöhnliche Wespe. „Das aber auch nur im Notfall, wenn etwa Kinderspielplätze in der Nähe sind.“ Angst vor Hornissen müsse der Mensch ohnehin nicht haben, betont Hans-Bernhard Behrends, Leiter des Regionsfachbereichs Gesundheit. „Sie sind sehr friedfertig, ihr Gift ist weniger wirksam als das von Bienen.“

In der internen Sprache der HCC-Mitarbeiter wurde der wenig attraktive Flachbau neben der Glasfassade der Eilenriedehalle stets liebevoll „Heckmann-Villa“ genannt. Der Name bezieht sich auf den Veranstalter der Vorgängermesse der heutigen Verbraucherschau Infa, die noch im Congress Centrum stattfand. Errichtet wurde die 26,5 Meter lange, 11 Meter breite und vier Meter hohe Holzbaracke aber als Vereinsheim des Tennisklubs HTC. Zwischen 1953 und 1957 ist sie nach Recherchen von Lutz Wohlers, Chef des HCC-Gebäudemanagements, damals noch inmitten von Tennisplätzen errichtet worden. Nachdem 1975 die Eilenriedehalle auf dem Komplex des Congress Centrums entstand, bekam die Baracke eine neue Funktion: Sie diente als Backstage- und Organisationsbereich, denn bis in die neunziger Jahren wurden in der Eilenriedehalle Rockkonzerte und Shows veranstaltet. Künstler von Peter Maffay bis Eros Ramazotti tupften sich in dem Flachbau hinter der Bühne den Schweiß von der Stirn. Zweimal war „Wetten, dass...?“ mit Thomas Gottschalk zu Gast, und auch das Produktionsteam für die legendäre TV-Serie „Der große Bellheim“ mit Dieter Wedel als Regisseur und Hauptdarsteller Mario Adorf mietete sich 1993 in der Baracke ein. Der Abriss ist somit auch das Aus für ein Stück Veranstaltungsgeschichte in Hannover.