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Aus der Stadt „Hunde brauchen Aufmerksamkeit"
Hannover Aus der Stadt „Hunde brauchen Aufmerksamkeit"
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06:15 28.05.2012
Von Conrad von Meding
Foto: Hundetrainerin Ilka Schumacher mit ihrem Labrador Siva in der Eilenriede. Schumacher betreibt die Hundeschule „Fell & Pfote“ in der List.
Hundetrainerin Ilka Schumacher mit ihrem Labrador Siva in der Eilenriede. Schumacher betreibt die Hundeschule „Fell & Pfote“ in der List. Quelle: Hagemann
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Hannover

Frau Schumacher, immer wieder gibt es Konflikte, weil Hundehalter in der Brut- und Setzzeit von April bis Mitte Juli ihre Hunde in Wald und Wiesen frei laufen lassen. Tatsächlich bietet Hannover in der Innenstadt und nördlich davon keine Auslaufflächen - ausgerechnet die Anwohner der Eilenriede müssten also ihre Hunde zum Georgengarten fahren, um sie frei laufen zu lassen. Was raten Sie Hundehaltern?

Zunächst: Es stimmt. Es ist ein Problem, dass es rund um die nördliche Eilenriede keine Auslaufflächen gibt. Dort haben Hundehalter gut drei Monate lang keine Möglichkeit, die Leinen zu lösen. Aber ich halte Hundeauslaufflächen ohnehin nicht für ein Allheilmittel.

Warum nicht?

Wer seinem Hund gerecht werden will, der beschäftigt sich mit ihm. Und das ist auf den Auslaufflächen kaum ernsthaft möglich. Zum einen neigen die Menschen dazu, miteinander zu klönen, wenn sie sich regelmäßig dort treffen - das ist zwar meistens nett, aber nicht so sehr für den Hund. Und wer sich - zum anderen - ernsthaft mit dem Hund beschäftigen will, der hat auf den total überfüllten Wiesen keine Chance dazu. Denn sobald ich zum Beispiel Dummys werfe, also Hundespielzeug nutze, ist sofort eine Horde anderer Hunde da.

Ist das denn so schlimm?

Das kann in Einzelfällen sogar richtig gefährlich werden, wenn das Spiel versehentlich in Ernst umschlägt. Wenn etwa ein junger Hund sich den anderen unterwerfen will und sich als Geste auf den Rücken wirft, dann aber plötzlich ein ganzes Rudel über ihm ist, dann kann es richtig Ärger geben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das kann natürlich überall passieren. Aber auf einer begrenzten Auslauffläche, wo viele Hunde mit wenig Beschäftigung zusammenkommen, ist die Gefahr besonders groß.

Was empfehlen Sie Hundehaltern stattdessen?

Ein Hund schläft am Tag durchschnittlich 16 Stunden. Das bedeutet umgekehrt: Ich verbringe eigentlich nur sehr wenig Zeit mit ihm. Diese Zeit aber sollte ich intensiv nutzen, indem ich ihm viel Aufmerksamkeit schenke und mit ihm etwas unternehme.

An der Leine?

Auch an der Leine! Es gibt viele Beschäftigungen, die sich sehr gut an der Leine unternehmen lassen. In der Brut- und Setzzeit lasse ich meinen Hund oft balancieren, auf Mauern und Baumstämmen zum Beispiel. Man kann mit dem Hund joggen oder - wenn man geschickt ist - mit dem Fahrrad neben dem Hund herfahren und so seine Kräfte auspowern. Oder ich mache die Leine irgendwo fest, verstecke dann Spielzeuge und lasse den Hund diese Spielzeuge dann suchen. Sie können Slalomlaufen mit Hunden oder ihn über Hindernisse springen lassen. Ich betreibe meine Hundeschule ohne Agility-Fläche, weil ich meine, dass die Natur genug Hindernisparcours bietet. Ich bin sicher: Der Hund wird es dem Frauchen oder Herrchen mehr danken, wenn er Aufmerksamkeit bekommt, als wenn man ihn einfach frei laufen lässt und sich nicht kümmert.

Das klingt alles sehr positiv. Viele Hundehalter finden es dagegen etwas übertrieben, für einen frei laufenden Hund in der Eilenriede ein Bußgeld von 90 Euro zu kassieren.

Es ist richtig, dass einem als Hundehalter manche eine Regelung durchaus komisch vorkommen kann. In der HAZ hatten Sie jetzt ja das Beispiel von den Auslaufgebieten im Georgengarten nahe an den Teichen, wo es etliche Bodenbrüter gibt - aber in der Eilenriede gibt es kräftige Bußgelder, wenn Hunde ohne Leine laufen. Trotzdem: Hundehalter sind Tierliebhaber, und deshalb sollten wir die Schonzeiten für andere Tiere respektieren. Die ganze Debatte gewinnt ja nur deshalb ständig an Schärfe, weil beide Seiten gelegentlich zu rechthaberischem Verhalten neigen. In einer Stadtgesellschaft aber, wo viele Menschen und Tiere auf engem Raum miteinander leben, sollten Respekt und Verständnis im Vordergrund stehen. Das gilt für beide Seiten - und auch für die Hunde, die man entsprechend erziehen sollte.

Leserbriefe:

Erschreckend

Die Hundehalterin ist unzufrieden damit, dass auf Kinder stets mehr Rücksicht genommen wird als auf Hunde. „Es gibt Hunderte Kinderspielplätze in Hannover, aber viel zu wenig Auslaufflächen.“ Die Politik müsse auch an Bürger denken, die keine Kinder bekommen könnten und ihre Liebe stattdessen Hunden schenkten. Ich bin sprachlos. Jemand ist unzufrieden damit, dass auf Kinder mehr Rücksicht genommen wird als auf Hunde? Da fehlen mir schon die Worte. Aber damit nicht genug, soll es auch noch Aufgabe der Politik sein, Kinderlosen als „Ersatz“ das Gassigehen mit Vierbeinern zu erleichtern? Schlimm genug, dass es scheinbar wirklich Menschen gibt, die so denken, aber dass eine nicht ganz unbedeutende Tageszeitung solchen Meinungen eine halbe Zeitungsseite widmet, ist wirklich erschreckend. Springe Christian Springfeld

Stadtteil wechseln

Der Dame und ihren Hunden kann geholfen werden: Mit einem Umzug in den Stadtteil Mühlenberg. Wir haben hier neben der „Kinderdichte“ auch eine überdurchschnittliche Hundedichte – und Auslauf bis zum Horizont. Unsere Hunde (Ausnahmen gibt es immer) sind gut erzogen und kinderlieb. Sie würden ihren Lieblingen wohl nichts Schlimmes antun. Hannover Martin Vogt

Absurde Gleichsetzung

Sie lassen eine Hundehalterin mit der Bemerkung zu Wort kommen, dass auf Kinder stets mehr Rücksicht genommen wird als auf Hunde. Diese Meinungsäußerung kann aus meiner Sicht nicht unkommentiert bleiben. Wünschenswert wäre eine Auseinandersetzung mit diesem Thema durch die Redaktion. Ich möchte dazu feststellen, dass ich die Gleichsetzung von Hunden mit Kindern empörend finde. Bisher habe ich es eher mit einem Schmunzeln abgetan, wenn einige Hundehalter ihre vierbeinigen Lieblinge offensichtlich wie einen Kinderersatz behandeln. Wenn aber jetzt öffentlich sozusagen gleiche Rechte für Hunde und Kinder gefordert werden, hört für mich der Spaß auf. Ich möchte an dieser Stelle keine Wertedebatte führen – nach meinem Verständnis ist diese Gleichsetzung einfach nur absurd. Im Allgemeinen bin ich der Auffassung, dass der innerstädtische Bereich einer Metropole kein artgerechtes Umfeld für einen Hund ist. Ich bin übrigens mit meiner Familie von der Südstadt an den Stadtrand gezogen, um unsere damals kleinen Kinder in einer kindgerechteren Umgebung aufwachsen zu lassen. Diese Möglichkeit sollten Hundeliebhaber auch erwägen. Hemmingen Michael Sponagel

Unklare Regelung

Ich bin Besitzerin eines Golden Retrievers, der, wie viele andere Hunde, zurzeit angeleint mit mir durch die Eilenriede spaziert. Dass die sogenannte „Hundewiese“ keine ganzjährige Freilauffläche ist, war mir bis dato unbekannt. Ich war der Annahme, dass dort die Hunde frei laufen dürfen. Eine klare Richtlinie wäre hier seitens der Stadt angebracht. Deutlich möchte ich betonen, dass ich es für ein Unding halte, meinen Hund ganzjährig an der Leine zu führen. Für ein paar Wochen im Jahr kann ich es akzeptieren. Doch ich bin, genau wie Frau Bundschuh, der Meinung, dass es mehr Auslaufflächen geben sollte. Hannover Kerstin Neumann

Schlecht erzogen

Wenn die Hundehalter alle in der Lage wären, dass ihre Hunde aufs Wort folgen, wäre ja auch alles halb so schlimm. Aber leider ist das ja nur noch selten der Fall, wie ich kürzlich am Kanal beobachten musste. Ein schwimmender Hund jagte eine Ente mit Jungen. Frauchen reagierte erst gar nicht, und späteres Rufen nützte auch nichts. Auch ist bei manchen Hunden der Jagdtrieb so stark, dass der Hund schon ein bestimmtes Training braucht, um ihn unterdrücken zu können. Man kann einem Hund angeleint und mit Fahrradfahren auch viel Auslauf bieten innerhalb dieser drei Monate. Hannover Reinhilde Baumgärtel

Falsche Kontrolle

Endlich sagt mal jemand, wie es wirklich ist. Hundebesitzer verstoßen dauernd gegen ein Gesetz: Das Tierschutzgesetz verlangt nämlich eine Stunde Freilauf ohne Leine für den Hund. Nur: Wo soll man das bei diesen wenigen Freilaufflächen machen? Auf Straßen, außer im Stadtbezirk Mitte, darf der Hund ohne Leine laufen. Nur ist das zu gefährlich. Er könnte ja über die Straße laufen. Am Eingang vom Welfengarten muss er an die Leine, obwohl er hier ungefährdet laufen könnte, denn hier ist er auf einmal eine Gefahr. Für wen denn bitte? Also wird wieder ein Gesetz gebrochen, wenn man es denn wagt, seinen Hund laufen zu lassen – aber nur mit schlechtem Gewissen. Seit einem Jahr kontrolliert die Reiterstaffel der Polizei uns fast täglich. Kann es sein, dass die Stadt Geld braucht und alle Mittel ausschöpft, ohne Rücksicht auf die Hundebesitzer? Einer Kontrolle der Hundesteuer stünde nichts im Wege, das würden alle ehrlichen Hundebesitzer begrüßen, aber uns regelrecht zu verfolgen geht ein bisschen zu weit. Hannover Martina Kohlsdorf

Kommentar „Unterm Strich":

Ein Hundeleben in der Stadt

Diese Woche haben Hundehalter aus der List mehr Freilaufflächen eingefordert und damit eine neue, hoch emotionale Debatte entfacht. Man muss ihnen dabei nicht in jedem Punkt folgen, aber tatsächlich ist der Leinenzwang zu starr geregelt, meint Felix Harbart.

Das Elend geht immer dann los, wenn Lumpi einfach mal ein bisschen laufen soll, frei und ohne Leine. Denn das ist in Niedersachsen nicht so einfach. Da gibt es Schongebiete und ganzjährigen Leinenzwang und zur emotionalen Ermattung der Hundeliebhaber auch die sogenannte Brut- und Setzzeit zwischen Anfang April und Mitte Juli. All das ist, da widersprechen auch die wenigsten Hundefreunde, prinzipiell auch ganz gut so. Und doch führt der Leinenzwang für Hunde in jedem Jahr wieder zu stark aufgeladenen Debatten in Ratsgremien und Grünstreifen. Das hat zwei Gründe. Der erste: Beim Thema Hund ist kaum jemand wirklich unvoreingenommen. Man liebt ihn oder man, sagen wir mal, kann ganz gut ohne ihn. Da fällt eine gelassene Debatte schwer. Der zweite: Die Regeln rund um Naturschutz und Leinenzwang haben ihre Schwächen. Da kann es schnell gehen, dass der Hundefreund sich gegängelt fühlt. Aktuell erheben in Hannover Hundebesitzer aus der List die Stimme. Sie monieren fehlende Auslaufflächen in ihrem Stadtteil und fühlen sich durch die Kontrolle und Sanktionierung durch berittene Polizisten kriminalisiert. Auf ihrer Wiese, auf der Lumpis leinenlose Runden bisher stillschweigend geduldet wurden, wird jetzt aufgeschrieben und kassiert. Ihrem Ärger kann leicht zweierlei entgegengehalten werden. Erstens: Wer was macht, was nicht erlaubt ist, wird bestraft. Zweitens: Wer die Vorzüge des Innenstadtlebens genießen will, muss damit leben, dass die Gewährleistung eines unbeschwerten Hundelebens nicht zu diesen Vorzügen gehört. Sprich: In der Stadt einen Hund zu halten ist eben schwierig. Und doch verdient der Ärger der Hundebesitzer an manchen Stellen Verständnis. Vielen unter ihnen etwa leuchtet nicht ein, warum der Leinenzwang in der Brut- und Setzzeit so gar keine Ausnahmen duldet. Wer will schon nachvollziehen, dass sein Hund mit Rücksicht auf die heimische Vogelwelt eine Wiese nicht betreten darf, die die Stadt oder der Bauer gestern mit großem Gerät gemäht hat? Und durch die, ganz nebenbei, die Katze des Nachbarn zwölf Monate im Jahr streifen darf, ohne dass das im Mindesten justiziabel wäre? Man kann ganze Armeen von Veterinären aufmarschieren lassen, die erklären, warum gelegentliches Ableinen für die gesunde Entwicklung von Hunden wichtig ist. Genauso finden sich genügend Naturschützer, die auflisten können, welche Vogelarten es ohne Schonzeiten und -gebiete in unseren Breiten nicht mehr gäbe. Beide haben recht, und deshalb bräuchte es schlicht mehr Kompromisslösungen – auch zwischen April und Mitte Juli. Es geht dabei nicht um die Freigabe der Eilenriede, sondern um die kleine Auslauffläche hier und da. Von denen gibt es in Hannover und im Umland angesichts der Zahl der (Steuer zahlenden) Hundebesitzer zu wenige. Natürlich überspannen die Hundefreunde den Bogen, wenn sie beklagen, dass so viel für Kinder und so wenig für Hunde getan würde. Hier sind die Prioritäten gottlob klar und richtig gesetzt. Dennoch: Für viele Menschen, und nicht nur ältere, bedeutet der eigene Hund ein großes Stück Lebensqualität. Auch sie verdienen, dass man ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Wer den Hundebesitzern aber beim Leinenzwang entgegenkommt, darf sie an anderer Stelle gerne mehr fordern. Noch immer kontrollieren Behörden viel zu wenig, ob Hunde gemeldet sind oder nicht. Und noch immer verlangt das Land Hundehaltern, auch nach der Novelle des Hundegesetzes, zu wenig ab. Das betrifft vor allem den Nachweis, ob der Hund angemessen geführt wird. Denn wer das nicht tut, zieht sich zu Recht den Ärger seiner Mitmenschen zu. Und muss sich nicht wundern, dass es viele gibt, die Hunde zum Kuckuck wünschen.

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