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Aus der Stadt Blumen und Kerzen für die toten Freunde
Hannover Aus der Stadt Blumen und Kerzen für die toten Freunde
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00:15 24.07.2013
Von Tobias Morchner
100 Menschen haben am Sonntag den Drogentoten gedacht, die im vergangenen Jahr verstorben sind. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Karsten G. hält einen Moment inne, als er an dem aus weißen Rosen geformten Kreuz am Boden niederkniet. In Gedanken ist er jetzt bei seinen Freunden Sascha und Daniel und bei all den anderen Kumpeln, die in den vergangenen Jahren an den Folgen ihrer Drogensucht verstorben sind. Dann zündet der 40-Jährige, der seit seinem 18. Lebensjahr Rauschgift nimmt und jetzt endlich den Sprung in ein Methadon-Programm geschafft hat, eine Kerze für die Toten an und stellt sie neben das Kreuz. „Die ist auch für meine Eltern, beide sind nicht mehr unter uns, und meine Mutter war Alkoholikerin“, sagt er leise.

Seit 15 Jahren gilt der 21.Juli bundesweit als Gedenktag für alle verstorbenen Drogenkonsumenten - egal, ob sie von Heroin, Kokain oder Schnaps abhängig waren. 56 Menschen sind im vergangenen Jahr in Niedersachsen an den Folgen ihrer Sucht zugrunde gegangen.

100 Menschen haben am Sonntag im Café Connection in Hannover den Drogentoten gedacht.

In Hannover zählte die Polizei drei Drogentote. Doch die wahre Zahl dürfte nach Einschätzungen von Sozialarbeiter Chris Gliesch deutlich höher liegen. „In der Statistik tauchen nur diejenigen auf, die in eindeutiger Situation tot aufgefunden werden“, sagt der Leiter des „Café Connection“, der Drogenberatung hinterm Hauptbahnhof, deren Mitarbeiter die Gedenkveranstaltung gemeinsam mit der Aidshilfe, dem Landesverband der Eltern für akzeptierende Drogenarbeit und anderen Einrichtungen organisiert hatten. Wer aber beispielsweise infolge eines langjährigen Missbrauchs einem Krebsleiden erliege, werde in der Statistik nicht als Drogentoter geführt, sagt Gliesch.

Im „Café Connection“ kümmern sich sechs hauptamtliche Mitarbeiter und drei studentische Hilfskräfte täglich um die Abhängigen. Sie tauschen Spritzen, begleiten die Süchtigen bei Behördengängen und spenden Trost in ausweglosen Situationen. Für Streetworker wie Chris Gliesch und seine Kollegen, die von dem Sucht- und Jugendhilfeträger Step GmbH finanziert werden, wird die Arbeit von Jahr zu Jahr schwieriger. „Es sind zwar weniger Leute geworden, um die wir uns kümmern müssen, aber die, die noch da sind, fordern uns an manschen Tagen richtig“, sagt er. Da die harten Drogen auf dem Markt meist nur in extrem gestreckter Form zur Verfügung stünden und somit nicht mehr die erhoffte Wirkung erzielten, hätten sich die meisten Konsumenten einen hohen „Beigebrauch“ angewöhnt. „Viele von ihnen dröhnen sich den ganzen Tag so mit Alkohol zu, dass wir an sie nicht mehr heran kommen.“

Karten G. gehört nicht zu dieser Gruppe. Er möchte endlich den Absprung aus der Szene schaffen. Der Wegs ins Methadonprogramm ist dabei nur der erste Schritt. „Das nimmt zwar den Beschaffungsdruck, aber damit ist es noch längst nicht getan“, sagt er. Derzeit ist er auf der Suche nach einer Wohnung. Nach knapp 20 Jahren auf der Straße möchte er wieder ein bezahlbares Dach über dem Kopf haben. „Meine Freundin hat ein Kind, das derzeit noch in einer Pflegefamilie lebt. Es wäre schön, wenn sie den Kleinen irgendwann wieder bei sich aufnehmen könnte - das ist es, was mir derzeit die Kraft gibt, meinen Weg weiter zu gehen“, sagt er.

Hannover erhält Gedenkplatz

Zwei Jahre lang haben Beratungsstellen, der Drogenbeauftragte der Stadt und andere Einrichtungen für einen zentralen Gedenkplatz in Hannover für alle Drogentoten gekämpft. Im Herbst dieses Jahres soll der Platz auf dem Neustädter Friedhof in der Nähe des Königsworther Platzes eingeweiht werden. Das hat der Rat der Stadt beschlossen. Es hatte einige Diskussionen um diesen zentralen Gedenkort gegeben. „Es gab Ratsmitglieder, die nur den Drogentoten gedenken und welche, die an alle verstorbenen Suchtkranken erinnern wollten“, sagt Hannovers Drogenbeauftragter Alfred Lessing. Schließlich einigten sich die Vertreter der Parteien. Auf dem Areal soll nun also neben einem Ginkobaum, dessen Blätter den Verfechtern einer humanen Drogenpolitik als Symbol dient, auch ein Findling aufgestellt werden. „Wir gedenken den verstorbenen suchtkranken Menschen“ soll auf dem Stein zu lesen sein. „Wir sind sehr froh, dass wir bald diesen Gedenkplatz in der Stadt haben werden“, sagt Alfred Lessing. Wenn alles klappt, wird der bundesweite Gedenktag für die verstorbenen Drogenabhängigen dann auf dem Neustädter Friedhof an dem Findling abgehalten werden. Der Drogenbeauftragte hofft, dass damit auch die Probleme der Suchtkranken wieder mehr in den Fokus rücken.

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