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Aus der Stadt IGS Linden ist um Integration bemüht
Hannover Aus der Stadt IGS Linden ist um Integration bemüht
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20:35 16.05.2010
Einer von vielen Bausteinen für Integration an der IGS Linden: Die Cafeteria, in der Schüler gemeinsam frühstücken können. Quelle: Daniel Kunzfeld
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Es gibt Momente, in denen lehnt sich Christoph Walther, Schulleiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Linden einfach mal zurück und genießt. Drei ehemalige Schüler sind zu Gast. Schüler, die vor Jahren an der IGS ihren Abschluss gemacht haben und inzwischen erfolgreich im Berufsleben stehen. Schüler, die es trotz ihres Migrationshintergrunds geschafft haben: Hasan Yilmaz (39) ist Sozialpädagoge, Deniz Horzum (31) Rechtsanwalt, Lalesim Ceylan (29) staatlich geprüfte Gymnastik- und Tanzlehrerin.

Alle drei wurden in Deutschland geboren, ihre Eltern sind eingewandert. Yilmaz ist Kurde. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft gegen die türkische eingetauscht, Horzum ist Türke mit türkischem Pass und Ceylan, die ebenfalls türkische Wurzeln hat, besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft. Die drei sind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen, so wie fast die Hälfte der insgesamt 1350 Schüler, die heute die IGS auf dem Lindener Berg besuchen. Kinder und Jugendliche aus 38 Nationen sind hier vertreten, rund ein Drittel haben ihre familiären Wurzeln in der Türkei.

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Yilmaz, Horzum und Ceylan wissen, dass es für Schüler mit Migrationshintergrund noch immer schwer ist, anerkannt zu werden. Gemeinsam mit ihren ehemaligen Mitschülern Maria Hassan, die aus Afghanistan stammt und als medizinisch-technische Laborassistentin arbeitet, dem heute als Busfahrer tätigen Türken Yasin Akcay und der türkischstämmigen Lehrerin Özlem Tasyürek haben sie deshalb an einem ungewöhnlichen Film mitgewirkt. Er trägt den Titel „Yes, we can“ und soll den Schülern, die heute die Abschlussjahrgänge der IGS besuchen, zeigen, dass sie ihre Träume verwirklichen können, wenn sie sich nur anstrengen, sich etwas zutrauen und die Hilfsangebote der Schule annehmen.

Anschaulich berichten die sechs „Ehemaligen“ in ihrem 20-Minuten-Film, der mit dem Geld aus dem Förderpreis 2009 der TUI Stiftung finanziert wurde, über ihren Werdegang: über nervige Lehrer, schwierige Bewerbungsphasen, über Vorurteile, aber auch über Spaß an der Schule, über Freunde und Durchhaltevermögen. Ceylan erzählt, wie aus ihrem Hobby ein Beruf wurde. „Lasst euch nie einreden, ihr könnt etwas nicht“, appelliert die 29-Jährige, die als erste Türkin ihre Ausbildung an der alteingesessenen Doris-Reichmann-Schule in der Maschstraße absolvierte und sich im Auftrag des Deutschen Sportbundes darum bemüht, dass türkische Mädchen und Frauen mehr Sport treiben.

Auch Yilmaz macht den Schülern Mut. Doch er erinnert sich auch an eine Englischlehrerin, die ihn aufgrund mangelnder Leistungen von der Schule weisen wollte. „Es war ihr egal, dass ich gerade erst aus der Türkei zurückgekehrt war, wo ich mehrere Jahre die Schule besuchen musste, und nun mit Englisch überfordert war,“ sagt Yilmaz. Am Ende setzten sich sein Klassenlehrer und andere Pädagogen für ihn ein. Der Kurde, der heute selber drei Kinder hat und sich im Auftrag des Niedersächsischen Fußballverbandes um Fair-Play-Erziehung und Gewaltprävention bemüht, durfte an der IGS Linden bleiben. „Das war für mich ein großes Glück.“

Das Engagement der Lehrer für ihre Schüler, gerade für die, die es schwer haben, ist Horzums Meinung nach typisch für die IGS. Hier gibt es etliche Projekte und Initiativen, die sich um Integration und Chancengleichheit bemühen. Zunehmend an Bedeutung gewinnt das Thema Armut. Rund ein Drittel der Schüler lebt von Hartz IV, Migranten ebenso wie Deutsche. „Wir haben hier viel eher ein Armutsproblem als alles andere“, sagt Schulleiter Walther.

So öffnet die Cafeteria der IGS eine halbe Stunde vor Schulbeginn, damit die Schüler frühstücken können. Außerdem laufen gerade die Vorbereitungen für die Sommerschule. Zielgruppe sind Schüler, die in den Ferien nichts für ihre Entwicklung Positives erleben, die den ganzen Tag auf der Straße herumlungern oder vor dem Computer sitzen. Ihnen bieten Lehramtsstudenten ein Freizeit- und Nachhilfeprogramm. Zudem gibt es etliche Projekte und Kurse zum Training des Sozialverhaltens, zu Streitschlichtung und Gewaltprävention an der IGS Linden. Auf die Vernetzung in den Stadtteilen, die Zusammenarbeit mit der Polizei, den Sozialdiensten, Freizeitheimen, Jugendzentren und Grundschulen, legen die Lehrkräfte dabei großen Wert.

Die Erreichbarkeit der Eltern aber, speziell derjenigen mit Migrationshintergrund, stellt die IGS noch immer vor Herausforderungen. Wenige Eltern interessieren sich für die Schule oder nehmen an Elternabenden teil. „Wir haben trotz des hohen Migrantenanteils einen urdeutschen Schulelternrat“, sagt Walther, und Sozialarbeiterin Dorothea Mohlfeld ergänzt: „Es gibt Eltern, die reagieren völlig überrascht, wenn man ihnen erzählt, dass man bei uns verschiedene Abschlüsse machen kann.“

Julia Pennigsdorf

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