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Aus der Stadt „Ich erlebe die Mütter von heute oft sehr gestresst“
Hannover Aus der Stadt „Ich erlebe die Mütter von heute oft sehr gestresst“
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00:19 15.05.2018
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Hannover

Zu uns kommen viele Alleinerziehende. Das sind doch meist Mütter, eher selten Väter. Bei intakten Familien laden wir Eltern und Kind zu einem Erstgespräch ein. Da sind in der Regel auch die Väter dabei. Wir bieten für Eltern später während der Therapie der Kinder aber auch eine begleitende Elternarbeit an. Da kommt wiederum meist die Mutter.

Warum ist das so?

Das lässt sich zunächst einmal rein statistisch erklären. Frauen arbeiten heute immer noch weniger als Männer, sie arbeiten viel mehr Teilzeit. Sie haben also auch mehr Zeit, die Kinder ins Winnicott-Institut zu bringen und abzuholen und an Beratungen teilzunehmen.

Was sagt das „Teilzeitmodell“ noch über die Rolle der Mütter heute aus?

Es ist ja ein entscheidendes Charakteristikum, dass die meisten Mütter heute – anders als die klassischen Hausfrauen früher – in ihrem Alltag eine Balance zwischen Kindererziehung und Job finden müssen. Zu uns kommen viele Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Kinder von Müttern, die nachts oder im Schichtdienst arbeiten. Diese Mütter sind hoch belastet dadurch, Kinderversorgung und Haushalt unter einen Hut zu kriegen. Oder die Alleinerziehenden. Ihr Leben ist straff durchgetaktet. Da sind die strengen Schließzeiten in der Kita. Alleinerziehende können nicht, wie die meisten männlichen Kollegen, einfach mal länger arbeiten, wenn es nötig ist. Dazu kommt: Was passiert, wenn das Kind krank wird? Kleine Kinder haben ständig Infekte. Solche zusätzlichen Komplikationen müssen Mütter ständig lösen. Sie müssen sehr gut strukturiert sein, um ihren Alltag einigermaßen zufrieden durchzustehen.

Studien zufolge stehen viele junge Mütter heute unter hohem Druck. Ein Grund ist auch: Sie wollen perfekt sein, im Beruf und in der Erziehung. Ist Perfektion ein Stichwort, das auch Ihnen sofort einfällt, wenn Sie an die Müttergeneration von heute denken?

Die perfekten Mütter, die drei Kinder, einen Teilzeitjob und einen gutverdienenden Mann ihr eigen wissen – und ihre Kinder nachmittags auch noch leichthändig zum Musik- und zum Sportunterricht bringen, um sie zu fördern, gibt es in der Realität doch fast nicht. Eine Frau muss sehr tough sein, um vormittags den Job und nachmittags den Haushalt zu stemmen und abends, wenn der Mann nach Hause kommt, auch noch entspannt, kommunikativ und unternehmungslustig zu sein. In der Regel bedeutet das sehr viel Plackerei.

Warum setzen sich Mütter dem überhaupt aus?

Weil ihnen suggeriert wird, dass sie alles können, was Männer können, auch wenn sie Kinder kriegen. Diese Ignoranz des Geschlechtsunterschiedes sorgt aber vor allem für unglaublichen Stress.

Warum?

Das beginnt schon mit dem Körperlichen. Es ist die Mutter, die in der Schwangerschaft einen dicken Bauch bekommt, und mit Übelkeit und anderen körperlichen Veränderungen zu kämpfen hat. Sie liegt nach der Geburt im Kindbett, ist länger nicht arbeitsfähig und verliert Zeit, um sich wieder in den Beruf einzufädeln, Karriere zu machen. Der Mutter kommt gerade in den ersten Lebensmonaten zudem auch entwicklungspsychologisch eine andere Aufgabe als dem Vater zu.

Wieso?

Kinder wachsen im Bauch der Mutter heran. Sie kennen ihren Herzschlag, ihre Stimme, ihren Tagesrhythmus, noch bevor sie geboren werden. Es gibt für ein Kind keine Zeit, in der die Mutter nicht schon da war. Sie ist deshalb, wenn die Umstände es irgendwie erlauben, die primäre Bezugsperson. Babies haben eine ganz geringe Frustrationstoleranz. Schon kleine Veränderungen lösen eine Art Paniküberschwemmung aus. Die Mutter ist der sichere Hafen, in den ein Kind zurückkehren will, wenn etwas schwierig ist.

Und der Vater?

Auch der Vater hat eine wichtige Erziehungsrolle, aber eine andere. Er ist die erste Person, die das Kind neben seiner Mutter registriert. Er ist das erste Gegenüber, das der Säugling für sich einnehmen, begeistern, erobern will. Kinder erwarten ihren Vater oft sehnsüchtig. Sie kennen sehr früh genau das Geräusch, wenn sein Auto vorfährt. Es ist ein besonderes Glück, ihn zu treffen. Aber es macht nicht so viel aus wie bei der Mutter, wenn der Vater am Tag lange Zeit weg ist, zum Beispiel acht Stunden bei der Arbeit.

Das klingt so, als wäre es kaum möglich, dass Frauen mit Kindern genauso wie Männer Karriere machen.

Doch, es ist möglich. Kinder beginnen nach einiger Zeit, sich von der Mutter abzulösen, dann kann der Vater sie genauso versorgen. Aber ich denke, Frauen müssen sich eingestehen, dass sie nicht Mann und Frau gleichzeitig sein können, ohne sich grösstem Stress auszusetzen. Sie brauchen einen Partner, der auch mal zurücksteckt. Eine Arbeitswelt, die darauf eingestellt ist, dass eine Frau länger braucht als ein Mann, um nach einer Geburt in den Job zurückzufinden. Es bräuchte flexiblere Schließzeiten in den Kitas. Und Krippen mit einem besseren Betreuungsschlüssel.

Wieso?

Um sich in ihrer Entwicklung sicher aufgehoben zu fühlen, brauchen kleine Kinder eigentlich bis fast zum Ende des 2. Lebensjahres eine Bezugsperson, die im Grunde immer verfügbar ist. In einer Krippe wäre das bei einem Betreuungsschlüssel von 1:3 gewährleistet. Denn gibt es in der Regel nicht.

Das klingt so, als wäre noch einiges zu tun, um die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf in Deutschland zu verbessern. Ihre Tochter, eine Ärztin, hat gerade eine Tochter geboren. Was wünschen Sie ihr?

Ich wünsche ihr viel Glück, Kraft und Gesundheit. Und mir, dass sie drei Kinder bekommt. Ich habe nur ein Kind. Ich freue mich auf mehrere Enkel.

Von Jutta Rinas