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Aus der Stadt „Ich wollte sie nicht töten“
Hannover Aus der Stadt „Ich wollte sie nicht töten“
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22:17 05.01.2010
Von Juliane Kaune
Quelle: Rainer Dröse (Archiv)
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Fünf Stunden hatten andere über sie und ihr Handeln debattiert – am Ende des Prozesstages am Dienstag ergriff die wegen Totschlags von 13 Patienten angeklagte Ärztin Mechthild Bach noch einmal das Wort. Zum dritten Mal seit der Wiederaufnahme des Verfahrens im Oktober. Und wieder beteuerte sie, dass sie das Leiden ihrer Patienten durch die Gabe von Morphium und Valium lindern und diesen ein „würdiges Sterben“ habe ermöglichen wollen. „Ich wollte sie nicht töten“, erklärte Bach mit leicht zitternder Stimme. Das habe auch für Wolfgang S. gegolten, dessen Fall als Erstes vor dem Landgericht verhandelt wurde.

Am Dienstag schloss das Gericht die Beweisaufnahme zum Tod des 52-Jährigen, der Heiligabend 2001 verstorben war. Auf Anraten ihrer Anwälte schilderte Bach zuvor ihre Sicht der Dinge. Die Internistin sagte, sie sei fest davon überzeugt gewesen, dass S. wegen seiner schweren Krebserkrankung starke Schmerzen gehabt habe – ohne darüber zu klagen. Sie habe ihn aus der Klinik entlassen wollen, „damit er sein letztes Weihnachten feiern kann“. Dann habe sich sein Befinden derart verschlechtert, dass es für sie unstrittig gewesen sei, „einen sterbenden Patienten im Präfinalzustand“ vorzufinden. Letztlich hätten heftige Krampfanfälle am ganzen Körper den Ausschlag gegeben, dem Patienten Morphium und Valium zu verabreichen.

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Eben diese Krämpfe sieht Prof. Michael Zenz als nicht nachgewiesen an. In keiner Krankenakte seien sie dokumentiert, erklärte der Bochumer Palliativmediziner, auf dessen Gutachten sich die Staatsanwaltschaft stützt. Auf Schmerzen des Kranken gebe es ebenfalls keine Hinweise in den ärztlichen Aufzeichnungen. Als er Morphium und Valium erhalten habe, sei S. „kein Patient gewesen, der dem Tode geweiht gewesen wäre – er hätte noch Wochen leben können“. Zenz, gegen den die Verteidigung einen Befangenheitsantrag gestellt hat, blieb am Dienstag bei seiner Darstellung, S. sei an den Folgen einer ungerechtfertigten Morphium- und Valiumgabe gestorben.

Der Gutachter der Verteidigung, Prof. Rafael Dudziak, bescheinigte Bach dagegen erneut, medizinisch korrekt gehandelt zu haben. Er vertritt die Ansicht, S. sei in einem akuten Stadium an seiner weit fortgeschrittenen Krebserkrankung gestorben. Dudziak brachte das Problem auf den Punkt, das dem Gericht Kopfzerbrechen bereitet: „Herr Zenz behauptet das eine und ich das andere.“

Das könnte sich in den ausstehenden 12 Fällen ähnlich abspielen. Zumal Bach einräumte, die medizinische Dokumentation zu Krankheit und Therapie ihrer Patienten nicht genau genug genommen zu haben. Vom 18. Januar an wird der Fall des 63-jährigen Günter Bergemann verhandelt – den Zeitplan bis zum Abschluss des gesamten Prozesses hat das Gericht zurzeit auf Januar 2011 terminiert.

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