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Aus der Stadt Ausgebeutet und ausgenutzt
Hannover Aus der Stadt Ausgebeutet und ausgenutzt
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07:41 12.06.2015
Von Gabi Stief
Immer mehr Roma-Familien sind obdachlos. Eine Lösung sei jedoch schwierig.
Immer mehr Roma-Familien sind obdachlos. Eine Lösung sei jedoch schwierig. Quelle: Schledding
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Hannover

Sie leben in Schrottimmobilien; werden als Handlanger oder Bettler ausgebeutet und sind auf medizinische Gratisbehandlung angewiesen - ein Bericht der für Osteuropäer zuständigen Koordinierungsstelle über die Lage der Roma-Familien in Hannover ist alarmierend. 4800 Rumänen und Bulgaren sind offiziell gemeldet; viermal so viele wie vor sechs Jahren. Die meisten sind Roma. 250 von ihnen leben derzeit in Obdachlosenunterkünften, darunter 140 Kinder. „Sie brauchen Orientierung und Beratung, um Perspektiven entwickeln zu können“, heißt es in dem Bericht.

Seit Mitte vergangenen Jahres kümmert sich die städtische Koordinierungsstelle, ausgestattet mit sechs Vollzeitstellen, um die Familien. Sie begreift „die Wahrung des sozialen Friedens“ ausdrücklich als ihre Aufgabe.

Besonders heikel ist die Wohnsituation. „Immer wieder muss festgestellt werden, dass die Menschen unter extremen Bedingungen auf kleinstem Wohnraum zu überhöhten Preisen zusammenleben“, bilanziert der Bericht. Eine Lösung sei schwierig. Zum einen weil es häufig um Großfamilien mit sechs Kindern und mehr geht, die über kein regelmäßiges Einkommen verfügen. Zum anderen sei der Wohnungsmarkt in Hannover zurzeit „nahezu erschöpft“.

„Schrottimmobilien“ zu Wucherpreisen vermietet

Dass einige Hauseigentümer die Lage ausnutzen und unbewohnbare „Schrottimmobilien“ zu Wucherpreisen vermieten, wird im Rathaus bestätigt. Man kenne einige Häuser, in denen 25 Mieter gemeldet sind, aber 60 Rumänen leben, berichtete Inka Gallinat, Leiterin der Koordinierungsstelle, in der vergangenen Woche dem Ausschuss für Integration. Allein im Stadtbezirk Mitte gelten drei Immobilien als auffällig. Andere wurden bereits ohne großes öffentliches Aufsehen „stillgelegt“, obwohl es laut Verwaltung keine rechtlichen Möglichkeiten gibt, gegen Überbelegung vorzugehen.

Nach Informationen der HAZ gehören zwei Gebäude an der Goethestraße zu den „kritischen“ Objekten. Ende vergangenen Jahres musste die Feuerwehr gleich zweimal binnen weniger Wochen zu einem Großeinsatz anrücken, um ein Feuer in einem vermüllten, kaum zugänglichen Keller zu löschen. Der Brandstifter konnte nach Auskunft der Polizei nicht ermittelt werden. Bereits in einem früheren Bericht stellte die Stadtverwaltung fest, dass in den von Roma bewohnten Objekten häufig „Personen türkischer Herkunft“ als Vermieter auftreten.

Neben der Calenberger Neustadt sind die Nordstadt (585 Personen), Linden-Limmer (571 Personen) und Ricklingen (540 Personen) unter Roma als Wohnviertel besonders beliebt.

Ein weiteres Problem ist die Fremdheit, mit der die zumeist aus Spanien eingereisten Familien hiesigem Leben und Kultur begegnen. Zur Zeit plane man, gemeinsam mit dem Regions-Unternehmen aha Kurse über die Müllentsorgung anzubieten, damit der Abfall nicht mehr in der Toilette runtergespült werde, erzählt Gallinat.

Schwierig: Durchsetzung der Schulpflicht

Schwierig sei zudem die Durchsetzung der Schulpflicht. Der Bericht merkt positiv an, dass aufgrund der Beratung die Zahl der Kinder zunehme, die regelmäßig zur Schule gehen. Konkrete Zahlen gebe es aber nicht. Auch sei es nicht einfach, zu ermitteln, wer krankenversichert ist, heißt es weiter. Die meisten wendeten sich erst im Notfall an einen Arzt. Die Malteser-Migranten-Medizin“, die unter dem Dach der Caritas eine kostenlose ärztliche Behandlung anbietet, ist mittlerweile überfordert. 2008 kamen nach eigenen Angaben 186 Patienten in die wöchentliche Sprechstunde; 2014 waren es 675 Zuwanderer, überwiegend aus Bulgarien, Rumänien und Ghana.

Einen rechtlichen Anspruch auf staatliche Unterstützung gibt es jedenfalls nicht. Einzige Ausnahme: Wohngeld und Kindergeld stehen jedem EU-Bürger, auch Rumänen und Bulgaren, bei Vorlage eines Mietvertrags zu. Für den Aufenthalt gilt grundsätzlich eine Drei-Monats-Frist. Voraussetzung für einen längeren legalen Verbleib ist ein Job, ein festes Einkommen, ein Ausbildungsplatz oder der Nachweis, dass man auf Arbeitssuche ist. Kontrollen finden aber nicht statt.

Wie der Bericht der Koordinierungsstelle vermerkt, gelingt es Roma immer häufiger, einen Job zu finden, der allerdings häufig vom Jobcenter mit Hartz IV aufgestockt wird. Auch dabei fällt laut Verwaltung auf, dass vorzugsweise türkischstämmige Unternehmer Roma als Subunternehmer beschäftigen. „Es bleibt zu hoffen, dass die zum Teil sehr prekären und ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse weiter eingedämmt werden können“, heißt es in dem Bericht.

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