Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt In Hannover drohen Praxisschließungen
Hannover Aus der Stadt In Hannover drohen Praxisschließungen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:48 13.09.2012
Von Sonja Fröhlich
Wenn es zu keiner Einigung kommt, drohen auch in Hannover Streiks in den Arztpraxen. Quelle: dpa (Symbolfoto)
Anzeige
Hannover

Wegen des geplanten Ärztestreiks müssen sich Hannoveraner schon in der kommenden Woche auf erhebliche Einschränkungen in der medizinischen Versorgung einstellen. Sollten Ärzteverbände und Krankenkassen am Wochenende keine Einigung erzielen, planen etliche Mediziner, ihre Praxen zu schließen und weitere Streikaktionen umzusetzen. So sei etwa für Mittwoch ein „Arzthelferinnen-freier Tag“ anberaumt, sagt der Landesvorsitzende des Facharztverbandes Niedersachsen, Christian Albring, der in Hannover eine Gynäkologiepraxis betreibt.

Praxisschließungen sind für die letzte Septemberwoche geplant – wenn es nicht zur Einigung kommt. Wie viele der rund 2200 Ärzte in der Region sich an den Aktionen beteiligen werden, ist unklar. „Ärzte sind selbstständig und entscheiden selbst, wie sie damit umgehen“, sagt Detlef Haffke von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen.

Anzeige

Eine Urabstimmung unter den Medizinern hatte am Donnerstag eine eindeutige Mehrheit für den Streik ergeben. Der Protest der Ärzteschaft richtet sich gegen den jüngsten Honorarbeschluss, den die Ärzte als Budgetkürzung begreifen. „Die Arzthelferinnen sind direkt betroffen. Ihnen drohen Kündigungen. Viele Ärzte beschäftigen ihre Mitarbeiterinnen mittlerweile nur noch als 400-Euro-Kräfte“, sagt Gynäkologe Albring. „Am Mittwoch könnten wir dann erleben, wie es ist, ohne sie auskommen zu müssen.“

Die Verbände behalten sich allerdings auch vor, andere Strategie zu fahren. „Was wir wo und wann machen, werden wir kurzfristig beschließen. Das hängt von der Situation ab“, sagt der Landeschef des Hartmannbunds, Bernd Lücke. „Wir werden strategisch überlegen, was den Kassen am meisten Ärger macht und für Patienten am günstigsten ist.“ Möglich sei aber auch, Praxen quasi auf Knopfdruck zu schließen. „Wenn die Hälfte der Ärzte dicht macht, wird das Chaos groß sein.“ Sollte es zum Ernstfall kommen, werde auch auf die Versorgungssicherheit keine Rücksicht genommen, sagt Lücke: „Wenn die Krankenkassen ihre Verpflichtungen nicht wahrnehmen, müssen auch wir uns an keine Notfallpläne halten.“

Der Hausärzteverband, dem in der Region rund 500 Hausärzte angehören, zeigt sich zurückhaltender. „Wir halten uns alles offen, aber wir werden die Patienten nicht im Regen stehen lassen“, versichert der Bezirksvorsitzende Matthias Berndt.

Die Regionskliniken erwarten zunächst keinen Ansturm von Patienten. „Erst wenn es zu kollektiven Schließungen über einen längeren Zeitraum kommt, könnte dies ein Problem werden“, sagt Bernhard Koch vom Klinikum. Schließlich dürften die Krankenhäuser nur im Ausnahmefall Patienten mit Alltagsbeschwerden ambulant behandeln – dies liege auch im Interesse der niedergelassenen Ärzte.

Hannovers Ärzte und ihre Ansichten

Dr. Axel Brunngraber, Hausarzt und Facharzt für innere Medizin, hat seine Praxis in der Matthiasstraße 3. Zum  Streiken ist er grundsätzlich bereit. „Wenn wir nicht irgendwann für immer schließen wollen, dann müssen wir die Praxis jetzt eventuell für eine Woche zumachen. Es geht mir nicht um meinen monatlichen Lohn. Aber das Geld reicht einfach nicht, um den täglichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir haben ja laufende Zahlungen für Mitarbeiter, Geräte, Putzfrauen, Miete, Licht, Strom, Wasser und all das. Wenn die Honorare nicht steigen, dann müssen wir Mitarbeiter entlassen oder in kleinere Räume ziehen.“

Jutta Lehmann, Gynäkologin, hat eine Gemeinschaftspraxis mit Christina Albrecht in der Hildesheimer Straße 84. Sie will bei allen Aktionen mitmachen, soweit die Patienten nicht darunter leiden. „Wir behandeln auch schwangere Risikopatientinnen, da ist eine Schließung indiskutabel. Wir sind aber maximal genervt vom Verhalten der Krankenkassen. Wir behandeln unsere Patienten seit den Sommerferien quasi umsonst, weil das Quartalsbudget nach sechs Wochen aufgebraucht war. Wenn hier also eine Tumorpatientin Gesprächsbedarf hat, will die Krankenkasse das nicht finanzieren. Das ist ein Unding. Wir ermöglichen das Gespräch natürlich trotzdem – aber das geht nur, weil sich die Kosten über die Privatpatienten querfinanzieren. Das ist aber ein unhaltbarer Zustand.“

Dr. Justus Graubner, Hausarzt und Facharzt für Allgemeinmedizin, hat seine Praxis im Spannhagengarten 15. Er will nicht streiken – aber wenn es in Hannover zu Demonstrationen kommen würde, dann wäre er dabei. „Politik gehört nicht ins Sprechzimmer. Ich würde deshalb auch keine Plakate zu den Patienten ins Wartezimmer hängen. Richtig ist: Unsere Verhandlungsführung braucht Unterstützung, um die absolut berechtigten Forderungen der niedergelassenen Ärzte durchsetzen zu können. Aber ich betreibe meine Praxis jetzt seit 22 Jahren, und ich habe in dieser Zeit schon reichlich Protestaktionen mitbekommen. Wenn Ärzte streiken, dann sind es am Ende die Patienten, die darunter leiden. Deshalb würde ich bei solchen Aktionen nicht mitmachen.“

Aus der Stadt GVH-Einnahmen neu verteilt - Üstra verliert elf Millionen Euro
Bernd Haase 13.09.2012
Aus der Stadt SPD-Oberbürgermeisterkandidat - Schostok wünscht sich Gegenkandidaten
Mathias Klein 13.09.2012
Heike Schmidt 13.09.2012
Anzeige