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Aus der Stadt In Hannover wird das Milchpulver knapp
Hannover Aus der Stadt In Hannover wird das Milchpulver knapp
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00:15 08.02.2015
Begehrte Ware: In den Milchpulver-Regalen klaffen zurzeit Lücken. Die Hersteller kommen mit der Produktion kaum noch nach.
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Hannover

In Supermärkten und Drogerien stehen deshalb die Eltern von Säuglingen und Kleinkindern ratlos vor den Regalen. Der Grund für den Engpass ist offenbar das chinesische Neujahrsfest - in diesem Jahr am 19. Februar. „Momentan ist Aptamil komplett leer, und das gefühlt seit drei Wochen“, schreibt eine Mutter aus Hannover in einem Internetforum - prompt stimmen weitere Mütter zu. „Mein Mann musste zwei Stunden rumfahren“, berichtet eine. „Er konnte dann noch eine Packung ergattern.“

Aleyd von Gartzen, Chefin des Hebammenverbandes in Hannover, kennt das Problem. „Es scheint zu stimmen, dass wieder bestimmte Marken häufig ausverkauft sind. Zumindest haben mir bereits einige Kolleginnen davon berichtet“, sagt sie. Ihrer Erfahrung nach seien eher die höherpreisigen Waren betroffen. „Die, die auch in China beliebt sind“, mutmaßt sie.

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Bereits vor eineinhalb Jahren gab es in Deutschland ebenfalls einen Engpass. Hersteller der Marken Aptamil, Milumil und Milupa verdoppelten die Produktion und beschränkten die Abgabe pro Kunde. „Das führte 2014 zu gut gefüllten Regalen“, sagt Milupa-Sprecher Stefan Stohl. Die Nachfrage steige allerdings weiterhin an. „In der Zeit rund um das chinesische Neujahr erleben wir zudem eine zusätzliche Kaufwelle“, sagt er. Das Fest ist dort landesweit der einzige Urlaub des Jahres. Im Vorfeld seien deshalb in China regelrechte Hamsterkäufe zu beobachten.

Chinas Appetit auf deutsche Milchpulverprodukte ist seit einem Lebensmittelskandal 2008 sprunghaft gewachsen (siehe Extrabericht). Die chinesische Nachfrage führe auch in Deutschland zu leeren Regalen, erläutert Stohl. „Die Hersteller können die Nachfrage nicht ausreichend bedienen, auch wenn zwischenzeitlich eine Entspannung stattgefunden hat“, sagt DM-Geschäftsführer Christoph Werner. Das führe zu einer Verunsicherung bei den Kunden, die sich aus Angst einen Vorrat anlegen wollen. „Das Resultat ist eine noch schnellere Erschöpfung des Warenbestandes“, sagt Werner. Daher gäbe es auch in den Märkten eine Beschränkung in der Abgabemenge.

Grund zur Panik gebe es trotz der Engpässe aber nicht, versichert zumindest Rossmann-Sprecher Stephan-Thomas Klose. „Es gibt genügend Alternativen“, sagt er. Experten kritisieren den Trend, dass immer weniger Mütter ihre Babys stillten. „Stillen wird leider oft nicht als normal angesehen, obwohl es für Mutter und Kind gesund ist“, sagt Hebammen-Chefin Gartzen und fordert größere Investitionen in die Stillförderung.

Von Lisa Malecha

Der Milchskandal

Seit dem Lebensmittelskandal von 2008 in China sind dort deutsche Baby­nahrung und Milchprodukte ein Verkaufsschlager. Das Exportvolumen der entsprechenden Produkte hat sich seither etwa vertausendfacht. Zusätzlich zum regulären Export sind Marken wie Milupa inzwischen auch ein äußerst beliebtes Mitbringsel chinesischer Gaststudenten in Deutschland, die zum Neujahrsfest traditionell zu ihren Familien nach China reisen.

Bei dem Skandal wurde aufgedeckt, dass der chinesische Marktführer unter den Milchherstellern, Sanlu, seine Produkte mit dem stickstoffhaltigen Kunstharzgrundstoff Melanin gestreckt hatte – und das möglicherweise über Jahre. Der Stoff wird sonst etwa zum Verkleben von Spanplatten verwendet. Melanin ist nicht giftig. Doch führt es zur Bildung von Nierensteinen und teils Nierenversagen. Der Betrug von Sanlu kostete sechs Babys das Leben, weitere 300 000 leiden an chronischen Nierenkrankheiten.

lis

Tobias Morchner 08.02.2015
08.02.2015
Jörn Kießler 08.02.2015