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Aus der Stadt „Mein Herz ist in Deutschland“
Hannover Aus der Stadt „Mein Herz ist in Deutschland“
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19:20 23.06.2014
Von Nicola Zellmer
Wie ein dritter Sohn: Flüchtlingspatin Nelly Hagen hat zu Alpha S. von der Elfenbeinküste ein besonderes Verhältnis. Quelle: Felix Schledding
Hannover

Alpha S. ist einer von 42,5 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Und doch ist seine Geschichte einzigartig. Weil der 17-Jährige aus der Elfenbeinküste es ohne Eltern und Verwandte nach Deutschland schaffte. Und weil er in Hannover nicht mit Protesten oder rassistischen Parolen empfangen wurde, sondern von einer engagierten Nachbarschaftsinitiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Flüchtlinge in ihr Viertel zu integrieren.

Als die Lindenerin Petra Westheide im vergangenen Jahr davon hörte, dass in der Deisterstraße ein Flüchtlingsheim eingerichtet werden soll, konnte sie die Vorstellung nicht ertragen, dass es Proteste gegen Menschen geben könnte, die so viel durchgemacht haben. Mit einem Brief wandte sie sich an die Nachbarn und erhielt große Resonanz. Schon bevor das Heim öffnete, fand sich eine Gruppe von rund 50 Anwohnern, Politikern und Kirchenmitgliedern zum „Unterstützerkreis D33“ zusammen, um den Neuankömmlingen hilfsbereit zur Seite zu stehen.

Davon hat auch Alpha S. profitiert, der über die Initiative seine Patin Nelly Hagen kennenlernte. Der schmale junge Mann, der in der Küche der Familie Hagen seinen Tee trinkt, wirkt schüchtern und zurückhaltend. Manchmal vergräbt er das Gesicht in den Händen. Dann denkt er an die Flucht und an seine Familie in Afrika. „Man kann vergeben, aber nicht vergessen“, sagt er. Bevor der Ivorer im Oktober 2013 im Flüchtlingsheim Deisterstraße ankam, hatte er eine fast zwei Jahre lange Odyssee durch halb Afrika und Europa hinter sich. Alphas Eltern, Textilhändler in der Regierungsstadt Abidjan, verloren bei einem Brand all ihre Habe und erkrankten schwer. Ihr Sohn musste mit acht Jahren die Koranschule verlassen und für den Familienunterhalt arbeiten. Das funktionierte, bis er 2010 als Teenager die Front Populaire Ivorien (FPI) im Wahlkampf unterstützte. Nachdem die Partei die Wahl verloren hatte, wurde Alpha von ihren politischen Gegnern gesucht. Nur weil er unterwegs war, fanden sie ihn nicht. Stattdessen töteten sie seine Eltern und verschleppten seine Schwestern.

Flucht ohne Papiere

Der damals 15-Jährige konnte über die Grenze nach Ghana fliehen - ohne Papiere und ohne eine Vorstellung von dem, was ihn erwarten würde. Andere Flüchtlinge rieten zu falschen Papieren, nahmen ihn mit in die Türkei, nach Griechenland, Ungarn und Deutschland. Während seiner Odyssee hat Alpha S. alles erlebt: Er wurde verfolgt, ausgeraubt und verprügelt. Bis er in Hannover landete. Ein Glückstreffer, meint er heute.

Dank der Nachbarschaftsinitiative sind die rund 20 Flüchtlinge des Heims inzwischen gut in die Nachbarschaft integriert. Es gibt Feste, Sprachkurse, eine Laufgruppe, Unterstützung bei Behördengängen und während der Fußball-WM auch Treffen beim Public Viewing auf dem Lindener Markt. Vor allem aber gibt es Kontakte zwischen Menschen. „Es ist eine Freundschaft entstanden, die uns genauso bereichert wie die Flüchtlinge“, sagt Nelly Hagen. Zu dem Fußballfan Alpha S., der bei Alexandria e. V. spielt und zudem in einer Trommelgruppe aktiv ist, hat sie eine ganz besondere Beziehung. Beide liegen trotz ihres unterschiedlichen Hintergrundes auf einer Wellenlänge. „Er ist stark und sozialkompetent - sonst hätte er es gar nicht nach Europa geschafft“, sagt seine Patin über ihn. Die Mutter zweier Jungen betrachtet den Flüchtling inzwischen als dritten Sohn. Der 17-Jährige wiederum sagt, er habe in Hannover eine neue Familie gefunden: „Mein Herz ist in Deutschland.“

Nun hofft Alpha S., dass er bald wieder in seinem Beruf als Polsterer arbeiten darf. „Man kann nicht die ganze Zeit schlafen und Geld annehmen“, sagt er. Und er hofft, dass sein Asylantrag genehmigt wird. Zurück an die Elfenbeinküste, wo er weiterhin gesucht wird, will er nicht. Sein Heimatland sei korrupt und die Menschen würden von einem gewalttätigen Machthaber unterdrückt. „Wir leiden“, erklärt er. „Ich möchte, dass die Welt das anschaut.“

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