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Aus der Stadt Mehrere Tausend Schlesier treffen sich im HCC
Hannover Aus der Stadt Mehrere Tausend Schlesier treffen sich im HCC
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00:15 27.06.2017
Von Simon Benne
Innenminister Boris Pistorius beim Schlesiertreffen. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Ganz Plagwitz findet Platz an einem einzigen Tisch. Ein halbes Dutzend der früheren Einwohner des Dorfes kann noch dabei sein bei diesem Schlesiertreffen im HCC. "Viele sind ja inzwischen gestorben", sagt eine Plagwitzerin, die heute in Sarstedt lebt. Die meisten Besucher in der Eilenriedehalle sind ältere Menschen; die Zeiten, in denen der junge Thomas Gottschalk bei Schlesiertreffen abends für die schlesische Jugend Platten auflegte, sind vorbei. Doch obwohl die so genannte Erlebnisgeneration allmählich abtritt, sind mehrere Tausend Vertriebene ins HCC gekommen.

Mehrere tausend Schlesier haben sich im HCC zum diesjährigen Deutschlandtreffen versammelt. Innenminster Boris Pistorius warnte dabei vor neuem Nationalismus und brach eine Lanze für die europäische Idee.

Es gibt Mohnkuchen, Volkstänze und Blasmusik. Auf den Tischen in der Eilenriedehalle stehen Schilder mit Ortsnamen. Obernigk. Namslau. Trebnitz. Jeder Namen steht für ein Stück versunkene Geschichte - und für menschliche Dramen. Das Schlesiertreffen ist ja keine Versammlung nostalgieseliger Trachtenfreunde, es ist die Zusammenkunft einer Schicksalsgemeinschaft. Viele der Vertriebenen hier können erschütternde Geschichten erzählen von der Deportation im Viehwaggon, von Plünderungen und Vergewaltigungen - und von der Versöhnung mit den Polen, die heute in ihrer Heimat leben: "Mein Elternhaus steht mir immer offen", sagt die 81-jährige Irmgard Müller, die fast jedes Jahr ins schlesische Plagwitz fährt.

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Früher gab es bei Schlesiertreffen teils schrille Töne rechtslastiger Funktionäre. Inzwischen weht hier der Geist der Versöhnung. "Wir müssen unsere Aufgaben neu definieren", sagt Editha Lorberg, Landesvorsitzende des Bundes der Vertriebenen: "In erster Linie müssen wir Brücken bauen zwischen Deutschland und Polen." Dafür bekommt sie bei ihrer Rede in der Niedersachsenhalle großen Applaus.

Man hört viel Polnisch im HCC. Die Tanzgruppe Silesia ist mit ihren bunten Trachten aus Oberschlesien angereist, ein Chor aus Gleiwitz singt auf der Bühne. Die 78-jährige Maria Thum lebt in Polen, sie gehört zur deutschen Minderheit dort: "Jede Woche treffen wir uns, um unsere Lieder zu singen", sagt die Schlesierin: "Das Verhältnis zu unseren polnischen Nachbarn ist gut." Eine zweisprachige Ausstellung über die Vertreibungen ist im HCC zu sehen. Und Stephan Rauhut, der Vorsitzende der Landsmannschaft, erinnert in seiner Rede auch an das Leid der Polen in der NS-Zeit.

Die Feuerwehrkapelle Diekholzen spielt, als Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius im HCC an Mikrofon tritt. Für den Minister, der selbst schlesische Wurzeln hat, ist das hier ein Heimspiel. In seiner Rede hält er ein flammendes Plädoyer für grenzüberschreitende Versöhnung und gegen Nationalismus: "Europa ist die einzige Brücke, die in die Zukunft führt", ruft Pistorius unter dem Beifall der Schlesier: "Es ist unser aller Aufgabe, die Idee des europäischen Zusammenhalts weiter zu fördern und zu schützen vor den Rechtspopulisten."

Pistorius erinnert in seiner Rede an den Krieg und an die Vertreibung der Schlesier: "Die Erinnerungen dürfen nicht verblassen", mahnt er. Die deutsch-polnische Aussöhnung sei von elementarer Wichtigkeit. Pistorius erinnert auch an die Aufbauarbeit der Vertriebenen in Niedersachsen: "Sie haben Enormes geleistet", sagt er: "Mögen die Schlesier auch in den kommenden Jahrzehnten die Brückenbauer sein, die sie heute sind."

Landsmannschaft zieht nach Hannover

In der Nachkriegszeit übernahm das Land Niedersachsen die Patenschaft für die Schlesier. Jetzt plant die bislang in Königswinter bei Bonn ansässige Landsmannschaft den Umzug ihrer Geschäftsstelle nach Hannover: "Es ist unser Ziel, innerhalb der nächsten zwei Jahre hierher umzuziehen", sagt Stephan Rauhut, der Vorsitzende der Landsmannschaft, die nach eigenen Angaben 150.000 Mitglieder hat. Einen genauen Termin dafür gebe es allerdings noch nicht. Innenminister Boris Pistorius sprach sich dafür aus, die Patenschaft zu intensivieren. Die Lotto-Sport-Stiftung unterstützt den Umzug mit einer Anschubfinanzierung von 42.000 Euro.

Bärbel Hilbig 27.06.2017
24.06.2017