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Aus der Stadt Innovationen fürs Klassenzimmer auf der didacta
Hannover Aus der Stadt Innovationen fürs Klassenzimmer auf der didacta
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21:51 16.02.2012
Foto: Die Lehrerinnen Inka Hofer (schwarzer Pulli) und Nadine Zeise lassen sich die Bildungsprogramme von Cornelsen auf dem iPad von Mario Vorberg zeigen.
Die Lehrerinnen Inka Hofer (schwarzer Pulli) und Nadine Zeise lassen sich die Bildungsprogramme von Cornelsen auf dem iPad von Mario Vorberg zeigen. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Einen Rollkoffer für die Einkäufe, wie ihn etliche didacta-Besucher mit sich ziehen, hat Birgit Meier nicht dabei. Doch wie viele Lehrer sieht auch sie die Bildungsmesse vor allem als einen einzigen großer begehbaren Katalog an, voller Schulbücher, Lernspiele und vielem anderen, das beim Unterricht hilfreich sein könnte. Die 41-Jährige von der Wilhelm-Schade-Schule bietet ihren geistig behinderten Schülern seit kurzem eine Englisch-Arbeitsgemeinschaft an. Und freut sich nun über kleine Faltbücher mit Bildern und Vokabeln, mit denen sich Geschichten über Tiere erzählen lassen. Auch Sascha Splanemann ist fündig geworden. Er hat Würfel entdeckt, die er seinen Schüler zum Rechnen geben wird. „Die fehlten mir noch“, sagt der Förderschullehrer von der Grundschule am Lindener Markt. Spielerisch und im Wortsinn begreifbar sollte das Lernmaterial sein – zumindest für ihre behinderten Schüler, meinen Meier und Splanemann.

Andere Messebesucher sind dagegen den digitalen Lernwelten auf der Spur. Um den Stand der Softwarefirma Gida hat sich eine Traube gebildet. Das Skelett auf dem großen berührungsempfindlichen Bildschirm ist ohne Frage ein Hingucker. Per Antippen versetzt ein Mitarbeiter den Knochenmann in Rotation, so dass er von allen Seiten, von oben und unten zu sehen ist. Ein schneller Klick und schon zeigt der Bildschirm statt des dreidimensionalen Skeletts die menschlichen Muskeln oder das Nervensystem inklusive Gehirn. „Ist ja irre“, kommentiert ein Zuschauer.

So groß war die didacta noch nie: Zur größten Bildungsmesse weltweit präsentieren 875 Aussteller auf 35.000 Quadratmetern ihre neuen Produkte.

Lehramtsstudentin Sonja Ettinger fragt nach dem Sitz der Hypophyse im Gehirn, und schon hat der Mitarbeiter die kirschkerngroße Drüse rot markiert und vergrößert, die mit ihren Hormonen etliche Körperfunktionen reguliert. „Die Kinder fragen immer, wo sie liegt“, erläutert die Studentin. Die vorgestellte Software erscheint ihr gut geeignet für den Biologieunterricht. In der Schule, an der Sonja Ettinger bisher gearbeitet hat, gab es allerdings nur einen einzigen Raum mit Smartboard, das für die Software notwendig ist. „Man musste reservieren.“ Dennoch will Ettinger sich auf der didacta besonders über digitales Unterrichtsmaterial informieren. „Darüber weiß ich noch wenig. Und das ist das, was kommt.“

Schulleiter Wilhelm Bredthauer sieht die digitalen Verlockungen inzwischen nüchterner. Manche Lehrer in seinem Kollegium an der Goetheschule nehmen von den Smartboards schon wieder leise Abstand. Im Alltag behindern technische Probleme den Unterricht. Da frisst der Rechner Zeit beim Hochfahren, eine Birne fällt plötzlich aus oder die Software aktualisiert sich mitten im Unterricht fünf Minuten lang. „Die Systeme sind noch nicht so schnell, wie wir das für eine Klasse mit 30 16-Jährigen bräuchten“, sagt der Schulleiter. Auch die Vorstellung, dass jeder Lehrer für jede einzelne Unterrichtsstunde eine berückende multimediale Präsentation vorbereite, sei realitätsfern.

Doch auch Bredthauer erwartet, dass elektronische Schulbücher kommen – und sieht sich deshalb auf der didacta um. „Wenn Schüler mit ihrem Notebook sieben E-Books mitbringen, wiegt die Schultasche vielleicht noch zwei statt jetzt zwölf Kilo.“ Das Lernen habe sich mit der Internetrecherche bereits deutlich verändert. „Mit den älteren Schülern suchen wir heute zu einer Frage aus verschiedensten veröffentlichten Materialien Informationen zusammen.“

Die Verlage hatten für die Lehrer längst diverse digitale Begleitprogramme rund um das gedruckte Lehrbuch im Angebot. Da gibt es als Ergänzung Übungssoftware oder interaktive Tafelbilder. Bei den digitalen Schulbüchern, die Klett jetzt neu im Programm hat, kann der Lehrer am Bildschirm auf Lösungen oder Zusatzinfos zurückgreifen. Die Schüler können in ihrem E-Book für Französisch einen Film anklicken, und sehen und hören dann Gleichaltrige beim Einkaufen im Paris.

„Viele Schulen können diese Angebote aufgrund fehlender technischen Ausstattung nicht wahrnehmen“, sagt Tilo Knoche, zuständiger Geschäftsführer beim Ernst Klett Verlag. Eine bundesweite Aufrüstung der Schulen mit der einen oder anderen Hardware befürwortet Knoche allerdings nicht. „Lernprogramme müssen unabhängig von der Art der Geräte laufen, und auch dann, wenn das Ding nicht online ist.“ Knoche, selbst ehemaliger Lehrer, kann verstehen, wenn viele Kunden sich mit elektronischen Medien noch nicht auseinandersetzen. „Lehrer sind aktuell mit vielen Themen beschäftigt, zum Beispiel der Förderung von Einwandererkindern oder dem Unterricht mit Behinderten. Da müssen sie abwägen, was wirklich notwendig ist.“

Das kann Beatrix Albrecht von der Albert-Schweitzer-Schule nur bestätigen. Sie stellt ihre Grundschule auf der didacta als Beispiel für Integration vor. Die Schule bekommt bald Smartboards, doch für die Vorbereitung darauf blieb den Lehrern bisher keine Zeit. Albrecht hätte ihre Kollegen am liebsten zu Vorträgen von Bildungsforschern auf der didacta geschickt. Doch etliche Lehrer sind erkrankt. Für die übrigen geht der Unterricht vor, selbst mit der didacta vor der Haustür.

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