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Aus der Stadt Ist Mechthild Bach aus Hannover eine Mörderin?
Hannover Aus der Stadt Ist Mechthild Bach aus Hannover eine Mörderin?
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22:25 18.01.2011
Von Sonja Fröhlich
Die Krebsärztin Mechthild Bach.
Die Krebsärztin Mechthild Bach. Quelle: dpa

Minutenlanges Schweigen folgt auf die Erklärung des Vorsitzenden Richters. Mit betretenen Gesichtern verlassen die Zuschauer den Gerichtssaal. Viele von ihnen haben nahezu keinen der 50 Verhandlungstage ausgelassen, ehemalige Patienten und Fürsprecher der Ärztin Mechthild Bach, die sie unterstützen wollten. Nun herrscht Ratlosigkeit: „Man hatte ja schon das Gefühl, dass da was kommt. Aber mit dieser Radikalität hätte ich nicht gerechnet“, sagt Ulla Hagemeister. Die 66-Jährige, einst selbst an Brustkrebs erkrankt, hatte stets betont, Bach als gute, gewissenhafte Ärztin erlebt zu haben.

Folgt man der Auffassung des Landgerichts, war Bach alles andere als eine gute, gewissenhafte Ärztin – zumindest nicht, was die Patientenschicksale angeht, über die in den vergangenen 15 Monaten verhandelt wurde.

Nach den bisherigen Erkenntnissen der Strafkammer hat Bach mindestens sechs Patienten durch Gabe von Schmerzmitteln aktiv und vorsätzlich getötet. Mehr noch: In zwei Fällen kommt sogar eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht, weil die Ärztin womöglich aus Heimtücke gehandelt habe, wie der Vorsitzende Wolfgang Rosenbusch am Dienstag in einem Zwischenbericht sagte. Bei den beiden Patienten handelt es sich um den 63-jährigen Günter B. und den 78-jährigen Emil H. Der 63-Jährige litt an einer Herzschwäche. Bei ihm hatte Bach eine seltene Art von Leukämie festgestellt – eine falsche Diagnose, wie sich im Prozess herausstellte. Er litt aber auch an einer Herzschwäche. Der 78-jährige Emil H. dagegen hatte Darmkrebs, er war dreimal operiert worden, doch die Metastasen kamen wieder. Beide Patienten seien in der Klinik noch klar bei Bewusstsein gewesen, sagte Rosenbusch. So hätten sie selbst entscheiden können, ob sie die Opiate wollten, die ihnen Bach verabreichte. Sie seien aber über Bachs Diagnose und Behandlung nicht aufgeklärt worden. „Sie waren sich nicht im Klaren, dass sie hätten sterben können“, sagte Rosenbusch. „Im Gegenteil: Sie dachten, dass sie in absehbarer Zeit entlassen werden.“ Nur in einem einzigen Fall zieht das Gericht eine andere Todesursache als die Überdosis in Betracht. Der 63-jährige Leonid K. litt an einer chronischen Unterzuckerung, die von Bach angeordnete Absetzung der lebenswichtigen Glukose könnte ebenso als Grund für K.s Ableben infrage kommen, so der Richter. Allerdings sei dies für einen möglichen Schuldspruch unbedeutend: „Beide Handlungen führten zu demselben ,Erfolg‘.“

Im Schwurgerichtssaal herrschte am Dienstag großer Auftrieb. Zahlreiche Medienvertreter waren gekommen und tauchten die Angeklagte und ihre beiden Verteidiger in ein minutenlanges Blitzlichtgewitter. Nur 20 Minuten dauerte Rosenbuschs Erklärung, in der er die Ergebnisse der 50 Verhandlungstage knapp zusammenfasste. Auch Bachs Persönlichkeit sei hinreichend bewertet worden, meinte er: Die Ärztin habe sich „an die Spitze der Hierarchie gesetzt und bedeutsame Entscheidungen allein getroffen.“ Das spreche dafür, dass sie die hohen Opiatgaben und die Behandlungsabbrüche wollte.

Mechthild Bach, die wie gewöhnlich in Kostüm und mit sorgfältig toupierten Haaren erschien, nahm dies ebenso gefasst auf wie den Hinweis des Richters, dass sie auch wegen Mordes verurteilt werden könnte. In den Verhandlungen hatte sie eher selten Emotionen gezeigt. Bisweilen weinte sie, wenn sie sagte, sie habe das Leben ihrer Patienten nicht verkürzen wollen. Am Dienstag wirkte sie noch schmaler und blasser als in den vorangegangenen Prozesstagen.

Erstmals verließ Bach den Gerichtssaal am Dienstag durch die Hintertür. Sichtlich betroffen kommentierte Verteidiger Matthias Waldraff die Worte des Vorsitzenden Richters: „Die Einschätzung wird von uns in wesentlichen Punkten als brutal empfunden.“ Er hatte zuvor damit gerechnet, dass das Gericht einen Deal – also eine verfahrensabkürzende Absprache zwischen den Prozessteilnehmern – vorschlägt. Auf dieser Basis könne es jedoch keine Einigung geben, sagte der Anwalt. Allerdings gibt es bei dem Vorwurf des Mordes, der mit lebenslanger Haft geahndet wird, auch wenig Spielraum für Kompromisse.

Waldraff kündigte an, die Strategie der Verteidigung jetzt überdenken zu wollen. In diesem zweiten Prozess – der erste war wegen Krankheit eines Richters geplatzt – hatte die Angeklagte erstmals selbst Rede und Antwort gestanden. Waldraff kündigte an, auch für die bereits verhandelten Fälle neue Anträge stellen zu wollen.

Bislang sind Verhandlungstermine bis zum Jahr 2012 anberaumt, womöglich reicht das nicht aus. „Frau Dr. Bach hat immer gekämpft. Sie wird versuchen, den Kampf weiterzuführen“, sagte ihr Verteidiger. Und es ist davon auszugehen, dass ihre Fürsprecher im Publikum sie dabei begleiten werden. Der Prozess wird am 7. Februar fortgesetzt.

Chronik des Prozesses

Seit fast acht Jahren geht es im Prozess gegen Mechthild Bach um die schwierige Kernfrage, wo die Grenze zwischen Schmerzmedizin einerseits und Totschlag oder sogar Mord andererseits liegt.
22. Mai 2003: Die AOK erstattet Strafanzeige gegen die Internistin aus Langenhagen. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren in 74 Fällen an.

7. Juli 2003: Die Bezirksregierung ordnet das Ruhen der Approbation Bachs an. Sie kann ihren Beruf nicht mehr ausüben.

4. August 2003: Der Gutachter Michael Zenz soll für die Staatsanwaltschaft elf Sterbefälle durchleuchten. Im Oktober werden 13 hinzukommen.

18. Februar 2004: Mechthild Bach kommt auf der Grundlage von Zenz’ Gutachten in Untersuchungshaft.

27. Februar 2004: 500 Patienten, Freunde und Kollegen demonstrieren in Langenhagen für Bach.

11. März 2004: Der Haftbefehl gegen die Ärztin wird gegen Kaution außer Vollzug gesetzt. Sie kommt wieder frei.

April 2004: In einem Gutachten für die Verteidigung kommt der Frankfurter Professor Rafael Dudziak zu der Auffassung, die Vorwürfe gegen Bach seien haltlos. Die Staatsanwaltschaft fordert ihren Gutachter Zenz zur Stellungnahme auf. Die Grundlagen für einen Expertenstreit, der das Verfahren bis heute prägt, sind gelegt.

28. Juli 2005: Die Staatsanwaltschaft erhebt eine erste Anklage wegen achtfachen Totschlags.

28. Feburar 2008: Vor dem Landgericht beginnt der erste Prozess gegen die Ärztin.

5. Mai 2008: Zenz legt die im Oktober 2003 in Auftrag gegebenen Gutachten vor.

22. Juli 2008: Wegen der Erkrankung eines Richters platzt der erste Prozess.

6. August 2009: Auf Grundlage weiterer Gutachten erhebt die Staatsanwaltschaft eine zweite Anklage wegen Totschlags in fünf Fällen gegen Bach.

20. Oktober 2009: Der zweite Prozess beginnt. Ein Urteil wird nicht vor dem Jahr 2012 erwartet.

Mehr zum Thema

„Ich spürte, wenn ein Patient keine Aura mehr hat, keine Energiefelder – da ist schon ein Vakuum.“ In einer persönlichen Erklärung vor Gericht hat die wegen Tötung von 13 Patienten angeklagte Internistin Mechthild Bach am Montag für sich in Anspruch genommen, sie habe erkannt, wenn ein Patient im Sterben lag.

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