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Aus der Stadt Zwei Wahlkämpfer sehen sich als Sieger
Hannover Aus der Stadt Zwei Wahlkämpfer sehen sich als Sieger
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09:53 15.06.2014
Foto: Hauke Jagau (SPD, r.) fehlten nur wenige Prozente zum Sieg im ersten Wahlgang. Ex-Polizeipräsident Axel Brockmann (l.) hat den Amtsinhaber in die Stichwahl gezwungen.
Hauke Jagau (SPD, r.) fehlten nur wenige Prozente zum Sieg im ersten Wahlgang. Ex-Polizeipräsident Axel Brockmann (l.) hat den Amtsinhaber in die Stichwahl gezwungen. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Die Optimisten unter den Genossen hatten ungefähr diese Rechnung aufgemacht in ihren Runden: Hauke Jagau, der amtierende Regionspräsident, räumt auch etliches Stimmenpotenzial der Grünen ab, weil die auf einen eigenen Kandidaten verzichtet hatten. Der Herausforderer Axel Brockmann, weitgehend unbekannt im politischen Geschäft, verliert dagegen an FDP und die neuen Rechtspopulisten von der AfD, es reicht also nicht für den Bewerber der CDU. Das macht: Titelverteidigung im ersten Wahlgang. Die skeptischeren Genossen meinten: Abwarten, im Umland von Hannover ist nicht alles unter rot-grüner Kontrolle, insgesamt sechs Bewerber teilen Stimmen unter sich auf.

Vor der Auszählung der Daten aus der Region Hannover indes kommt Europa. In der Nordkurve treffen sich Sozialdemokraten, um diesen Wahlsonntag zu feiern, Jubelpläne hängen ja stets vom Ergebnis ab. Keiner weiß das besser als 96-Präsident Martin Kind, der in der Kneipe gemeinsam mit Jagau Werbung für dessen Wiederwahl macht, jedenfalls leuchtet das Duo von Groß- und Kleinbildschirmen herunter. Nach den ersten Zahlen könnte das gelingen: Die Hochrechnung im Fernsehen sieht die SPD bei 27,6 Prozent, was deutschlandweit aber trotzdem nur Platz zwei wäre. Aber manchmal ist es eben so, dass Niederlagen Siege sein können, wenn man nicht ganz so hoch verliert wie letztes Mal. Für den Europaabgeordneten Bernd Lange ist das Ergebnis ein Erfolg, deutlich mehr als bei der vergangenen Wahl. Er klatscht und johlt ein wenig vor der Leinwand, wie auch die zahlreichen Genossen um ihn herum. „Die Wahlbeteiligung ist gestiegen, das ist uns zugute gekommen.“ Als der AfD-Spitzenmann Bernd Lucke im TV die 6,5 Prozent seiner Emporkömmlinge erklären will, ist in der Nordkurve zu beobachten, dass man manchmal eben deshalb genau hinhört, wenn man Leute richtig blöd findet. Lange sagt, „viele überzeugte Europäer haben die nicht richtig ernstgenommen“.

In Hannover und der Region wird am Sonntag gewählt - hier sehen Sie die aktuellen Bilder.

Im Regionhaus kommen derweil die ersten Ergebnisse zur Präsidentenwahl herein. Als knapp drei Viertel der Wahllokale ausgezählt sind, betritt ein strahlender Hauke Jagau den Versammlungsraum, in dem Parteifreunde und Medienleute auf die allmählich eintrudelnden neuen Zahlen warten. Die Genossen klatschen, Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok ist auch da, eine Umarmung der beiden Verwaltungschefs liegt also in der Luft, und sie kommt auch. Jagau liegt vorn, knapp acht Punkte. Trotzdem: Die skeptischeren Genossen hatten recht behalten, eine absolute Mehrheit ist das nicht – und dürfte es auch nicht mehr werden, so wie die Daten bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe aussahen. Der Präsident, der den Tag über noch die Konfirmation seines Sohnes gefeiert hatte, zeigte sich zufrieden. „Das ist ein sehr gutes Ergebnis, an der absoluten Mehrheit haben knapp 2,5 Prozent gefehlt.“

Die Christdemokraten feiern ihr Wahlergebnis am Abend auf der Wahlparty in Hannover.

Der ebenfalls im Regionshaus anwesenden hannoverschen CDU-Stadtchef Dirk Toepffer rechnet genau andersherum: „Wenn Rot-Grün zusammenhält, hat das bisher immer für 50 Prozent und mehr gereicht. Diesmal nicht“, frohlockt er: „Die üblichen Gesetzmäßigkeiten sind außer Kraft.“

Die CDU feiert eher im kleinen Kreis. Der lauschige Hof ihrer Geschäftsstelle in der Hindenburgstraße ist nicht groß, und doch verlieren sich die gut 100 Besucher auf dem Areal. Es gibt Gegrilltes, man spricht über die D-Linie, die Probleme mit dem Klinikum, den Zoo. Viele hoffen darauf, dass Jagaus Schwierigkeiten der Union bei der Stichwahl in die Hände spielen werden. „Besonders das Müllchaos müsste uns doch Rückenwind geben“, sagt Philipp Felsen. Der 21-Jährige ist seit einem Jahr CDU-Mitglied, er hofft auf den Wechsel an der Spitze der Region.

Die Sozialdemokraten feiern am Abend der Europa- und Regionspräsidentenwahl in der Nordkurve ihre Wahlergebnisse.

Auch CDU-Stadtverbandsvize unkt, Jagaus Ziel sei es gewesen, nicht in die Stichwahl zu müssen: „Jetzt kommt es nicht so sehr darauf an, Unentschlossene zu überzeugen – jetzt geht es darum, wer seine eigenen Wähler besser mobilisieren kann.“ Die CDU werde jetzt den Wahlkampf auf ihre eigenen Themen zu spitzen, insbesondere die Querelen um den Müll.

Noch als um 18 Uhr erste Zahlen zur Europawahl über den Bildschirm flimmerten, herrschte Stille. „Bitter“, murmelt jemand, als leichte Verluste für die CDU vermeldet werden. Ein Raunen geht durch die Menge, als sich 6,5 Prozent für die AfD abzeichnen.

Doch dann tritt um 18.05 Uhr CDU-Spitzenkandidat Axel Brockmann auf den Hof. Locker und entspannt sieht er aus, seine Frau und die drei Söhne hat er dabei: „Die Kinder wollten gerne mit“, sagt er. Am Morgen habe er noch beim Volkslauf Isernhagen mitgemacht, erzählt er im Plauderton. Was für eine Zeit er auf der Zehn-Kilometer-Strecke hingelegt habe, fragt ihn jemand. „Ich weiß es nicht, um die 53 Minuten“, sagt er. „Mir ging es mehr darum, im Team dabei zu sein.“

Die Alternative für Deutschland und die Grünen feierten am Abend der Europawahl ihre Wahlergebnisse auf ihren Wahlpartys in Hannover.

Als Brockmann genau eineinhalb Stunden später im Regionshaus eintrifft, zeichnet sich bereits die Stichwahl ab. Seine Anhänger feiern ihn mit Applaus, er schüttelt Hände, strahlt wie ein Sieger. „Ein tolles Ergebnis“, sagt er – und ja, er sei jetzt optimistisch für die Stichwahl. „Da werden wir die Nase vorn haben“, sagt der 49-Jährige, während ihm Parteifreunde anerkennend auf die Schulter klopfen. Wochenlang hat der 49-jährige Seiteneinsteiger vor Supermärkten Hände geschüttelt, Pralinen verteilt, Flugblätter unters Volk gebracht. Man sieht ihm an, dass er dieses Ergebnis als gerechten Lohn für all die Mühen empfindet.

In der CDU-Landesgeschäftsstelle steigt die Stimmung unterdessen: „Wir brauchen in der Region jetzt endlich den Wechsel, der ist längst fällig“, sagt die Christdemokratin Konstanze Giesecke. „Jagau ist einfach schon zu lange im Amt, da ist die Zeit für neue Köpfe und neue Ideen gekommen“, sagt auch Monika Oehlerking. „Jetzt gilt es anzugreifen, auch wenn Hannover eine SPD-Hochburg ist“, sagt der 33-Jährige Giso Bammel. Die Aussicht auf drei weitere Wochen Wahlkampf schreckt ihn nicht: „Die Luft ist nicht raus, da geht noch was.“

Die Stichwahl – das war für viele hier das erste Wahlziel; ein Etappensieg, den es jetzt zu feiern gilt. „Im zweiten Wahlgang werden für Jagau keine Stimmen aus dem Lager der Grünen mehr dazukommen“, rechnet ein CDU-Mann vor: „Die hatten ja ohnehin keinen eigenen Kandidaten aufgestellt.“ Hannovers CDU hofft jetzt darauf, dass Jagau sein Potential bereits vollends ausgeschöpft hat und dass die mutmaßlich geringe Wahlbeteiligung ihr in die Hände spielt.

Herausforderer Axel Brockmann wird an diesem Abend noch ein paar Mal auf seinen Volkslauf vom Morgen des Wahltags angesprochen. Seine Platzierung weiß er noch immer nicht, die genaue Zeit auch nicht. Nur, dass er nach etwa acht Kilometern einen Krampf im Oberschenkel hatte. Und dass er trotzdem weitergemacht hat. Offenbar mit passablem Ergebnis. Brockmann ist ein versierter Langstreckenläufer.

Die kleinen Parteien

Grüne freuen sich über das Europawahlergebnis

„Wir sind stolz über unser Abschneiden bei der Europawahl“, sagt Parteichefin Frauke Patzke: 40 Regions-Grünen trafen sich in ihrer Parteizentrale im Senior-Blumenberg-Gang in der Altstadt, um die Wahlergebnisse zu feiern. 13,6 Prozent lautet das Ergebnis regionsweit, in Hannover sogar 18 Prozent. Die Regionspräsidentenwahl verfolgte man mit weniger Interesse, hatten doch die Grünen keinen eigenen Kandidaten ins Rennen geschickt. Bei den Bürgermeisterwahlen im Umland mischten dagegen einige Grüne mit. Gebannt starrten die Parteifreunde auf die aktuellen Zahlenkolonnen. „Das wird noch richtig spannend“, sagte Patzke angesichts der teils nötigen Stichwahlen im Umland.

Linke will Zugeständnisse 
von Jagau fordern

Michael Fleischmann, Präsidentschaftskandidat der Linken, erlebte den Wahlabend zuhause in Burgdorf. Keine Wahlparty im Cafe Zeitlos, erst gegen 20 Uhr kam er ins Regionshaus. Regionsweit 4,8 Prozent bei der Europawahl, genau 6,1 Prozent holte Fleischmann als Kandidat zur Regionspräsidentenwahl – „ein toller Achtungserfolg“, sagt er. Jetzt will er, dass sich Amtsinhaber Hauke Jagau bei ihm meldet, um über politische Angebote an die Linken zu sprechen. Nur dann will er eine Wahlempfehlung an Linken-Wähler zugunsten von Jagau aussprechen. „Und das meine ich auch so: Er muss sich bei melden.“ Was Fleischmann als weiteren Erfolg verbucht, ist sein dritter Platz – die AfD-Kandidatin blieb hinter ihm. „Ein Zeichen für eine weltoffene Region Hannover.“

Lange Gesichter bei den 
Freidemokraten

Gedrückte Stimmung herrschte im Aresto in der Altstadt: Nur ein paar Dutzend Freidemokraten hatten sich in dem Lokal zur FDP-Wahlparty versammelt – und man sah vor allem lange Gesichter. „Immerhin ist es gelungen, Hauke Jagau in die Stichwahl zu bringen“, sagt Gerhard Kier, der als Regionspräsidentenkandidat der FDP mit 2,3 selbst ein mageres Ergebnis eingefahren hat. Das Resultat der FDP bei der Europawahl, regionsweit 2,6 Prozent und in Hannover 2,9 Prozent, sei alles andere als aufmunternd, räumt Kier ein: „Das alles zeigt, dass die FDP seit der Bundestagswahl noch nicht wieder richtig in Tritt gekommen ist.“

Von Gunnar Menkens 
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