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Aus der Stadt Jede zweite S-Bahn bleibt am Hauptbahnhof Hannover stehen
Hannover Aus der Stadt Jede zweite S-Bahn bleibt am Hauptbahnhof Hannover stehen
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20:38 10.03.2011
Zugausfälle und Verspätungen am Hauptbahnhof Hannover.
Zugausfälle und Verspätungen am Hauptbahnhof Hannover. Quelle: Uwe Dillenberg
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Es ist so gegen halb acht am Morgen auf dem Hauptbahnhof Hannover, als Streikleiter Jan Manfras ein „Problem auf Gleis 1“ gemeldet wird. Das Problem besteht darin, dass da ein Kollege im Lokführerstand sitzt, der zwar Beamter, aber mit den streikenden Kollegen von der Gewerkschaft GDL solidarisch ist. Weil seine Ablösung streikt, soll der Mann seine S-Bahn weiter nach Bad Pyrmont fahren, obwohl er nach Dienstplan jetzt Pause hätte. Manfras, GDL-Vorsitzender in Hannover, geht zu ihm ins Cockpit, man redet, und am Ende bleibt der Zug vorerst stehen. Der Beamte, der ja nicht streiken darf, macht Pause, der Gewerkschafter ist zufrieden. Dutzende Fahrgäste am Gleis sind es nicht.

Längst nicht jeden Zug in und um Hannover hat die GDL an diesem ersten regulären Streiktag so wie diesen stilllegen können, und doch geben sich die Gewerkschafter zufrieden. „Etwa 60 Prozent“ der S-Bahnen seien ausgefallen, sagt Manfras, „mehr so 40 Prozent“, sagt der Bahnmitarbeiter, der am „Service Point“ Kaffee für die angefressenen Bahnkunden ausschenkt. Offiziell heißt es am Nachmittag vonseiten der Bahn, es seien genau 57 S-Bahnen gewesen, was wohl so in etwa der Hälfte aller Züge entspreche. Dazu kamen in Hannover 41 Fernverkehrszüge. Dabei ist die Nord-Süd-Verbindung stärker betroffen als die zwischen Osten und Westen.

Für die Fahrgäste in Hannover bedeutet das, dass vielen eine Wartezeit von mehreren Stunden aufgebürdet wird, die für manchen ein echtes Problem ist. Für die beiden TUI-Mitarbeiterinnen etwa, die es eigentlich bis um 11 Uhr zum wichtigen Marketingtermin auf der Tourismusmesse ITB in Berlin hatten schaffen wollen und die nun den Chef anrufen, damit er sie mit dem Dienstwagen hinfährt. Für die beiden Zahnarzthelferinnen, die die einzigen Assistentinnen eines Springer Dentisten sind und kaum um 8 Uhr in der Praxis stehen werden. Und für MHH-Mitarbeiter Oliver Hell, auf den in Nürnberg Kollegen warten, bei denen er hospitieren soll. Hell wartet schon seit zweieinhalb Stunden, entsprechend stinksauer ist er.

Verwirrung stiftet die GDL auch am Flughafen, wo die S-Bahnen von und nach Hannover ebenfalls deutlich spärlicher einlaufen als sonst. Ajmal Zemmar ist mit dem Flugzeug gerade aus Zürich eingetroffen, ihn trifft der Streik völlig überraschend, denn in der Schweiz hat er nichts von der Streikankündigung mitbekommen. „Ich bin Arzt in der Gehirnforschung und habe bis um 1 Uhr nachts im Labor gestanden,“ sagt er. Jetzt ist er auf dem Weg zu einem Kongress nach Bremen – aber am Flughafen Hannover ist vorerst Endstation. Gerade hat Zemmar eine Durchsage gehört, dass der nächste Zug ausfallen wird. Weitere Informationen gab es aber nicht. „Ich lasse mich jetzt von meiner Schwester aus Bremen abholen“, sagt der junge Arzt.

Auch im Umland Hannovers sind die Fahrgäste verärgert, vor allem über den schlechten Informationsservice der Bahn. Schüler Felix Kloss wartet um kurz vor 9 Uhr in Bissendorf auf die Ankunft der S-Bahn Richtung Hildesheim. „Ich habe vorab bei der Bahn angerufen, um zu erfahren, ob die S-Bahn fährt.“ Eine Auskunft indes habe er nicht bekommen. Der Zug kommt nicht. Berufspendler Klaus-Uwe Wittenbrock fragt per Knopfdruck an der Infosäule nach und wird vertröstet. „Ich bin diese Warterei mittlerweile gewöhnt“, sagt er.

Während die Züge stillstanden, stiegen Tausende Berufspendler am Donnerstag auf ihr Auto um. „Das Verkehrsaufkommen war auf allen Strecken deutlich höher als an anderen Tagen“, sagte Thomas Läpple von der Verkehrsmanagementzentrale. Auf der A 2 kam es am Morgen zwischen den Anschlussstellen Lahe und Bothfeld zu einem acht Kilometer langen Stau, nachdem ein Transporter ins Schleudern geraten und mit einem Sattelzug kollidiert war. Auch auf der A 37 ging es zeitweise nur langsam voran. Seit Anfang der Woche werden täglich Tausende Fahrzeuge über die Strecke umgeleitet, weil das Kreuz Hannover-Ost teilweise gesperrt ist. Trotz der zusätzlichen Belastung durch noch mehr Autos sei der Verkehr am Tag des Bahnstreiks aber nicht zusammengebrochen, sagte Verkehrsexperte Läpple.

Vivien-Marie Drews, Kira Pieper und Felix Harbart