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Aus der Stadt „Kasperle-Theater für Erwachsene“
Hannover Aus der Stadt „Kasperle-Theater für Erwachsene“
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00:15 03.11.2013
Zwei Norweger reiten Wellen am Polarkreis und sammeln Müll – der Umwelt zuliebe.
Zwei Norweger reiten Wellen am Polarkreis und sammeln Müll – der Umwelt zuliebe. Quelle: Jørn Nyseth Ranum
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Hannover

Herr Hellinger, sie zeigen seit zwölf Jahren Extremsportler bei der European Outdoor Film Tour (E.O.F.T.). In schwindelerregenden Höhen riskieren die ihr Leben und werden in beeindruckenden Aufnahmen dabei gefilmt. Wie lange liegt ihr letztes Abenteuer zurück?
Auf diese Frage gebe ich schon seit Langem die selbe Antwort: Ich habe fünf Kinder. Meine Familie ist mein ganz privates Abenteuer geworden. Und mit der war ich erst kürzlich surfen.

Ihr Abenteuer ist die Verantwortung für andere zu übernehmen?
Das kann man so sagen. Auch das Filmfestival ist eine große Verantwortung. Wir wollen den Zuschauern tolle Aufnahmen und spannende Geschichten zeigen. Bei der E.O.F.T. im vergangenen Jahr war ich mit der französischen Sängerin Zaz auf dem Mont Blanc. Keiner der Musiker hatte Klettererfahrungen. Die Band sicher auf 4800 Meter Höhe zu bringen, das war eine Herausforderung für mich.

Zieht es sie denn nach draußen, wenn sie nicht gerade auf der Suche nach neuen E.O.F.T.-Protagonisten sind?
Die Lust rauszugehen, schlummert noch immer in mir. Und irgendwann bin auch wieder unterwegs. Wie, wird sich zeigen.

Joachim Hellinger erlebte seine ersten Abenteuer im Alter von 14 Jahren, als er mit einem Kumpel mit dem Rad die Alpen überquerte. Mit Thomas Witt ist er Geschäftsführer von Moving Adventures, einer Firma die Outdoorevents veranstaltet und begleitet. Auch als Produzent von Werbung und Outdoorfilmen hat er sich einen Namen gemacht.

Aber doch sicher nicht hunderte Meter über dem Boden, ohne Sicherung eine steile Felswand besteigend. So wie Tom Randall das beim aktuelle Festival zeigt. Ist er ein wahrer Abenteurer?
Randall ist das Gesicht der diesjährigen E.O.F.T.. Mit seinem Partner klettert er eine Felsspalte in Utah. Eine unglaublich physische und psychische Leistung, bei der er an der Rand des Machbaren geht. Solche Menschen suchen wir bei der E.O.F.T.

Menschen, die ihr Leben riskieren?
Höher, schneller und gefährlicher soll nicht unsere Botschaft sein. Wir suchen nach dem Abenteurer des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Und Randall ist ein solcher Abenteurer? Zumindest sieht er auf dem Plakat so aus. Vom Abenteuer und den körperlichen Strapazen gezeichnet. Und auch ein wenig verwegen.
Das Bild eines Abenteurers, das die meisten vor Augen haben, ist veraltet. Randall oder die anderen E.O.F.T.-Teilnehmer sind moderner, freier in ihrem Denken und spielerischer. Sie greifen auf Erfahrungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten gemacht wurden. Sie entwickeln auch viele Ideen weiter, sind technisch gut ausgerüstet. Doch im Grunde kann jeder ein Abenteurer sein. Auch eine Radtour kann ein Erlebnis sein und durch Unvorhersehbares noch an Reiz gewinnen. Jeder erlebt es anders. Wichtig ist, dass man es beginnt.

Was erwartet die Zuschauer beim diesjährigen Festival?
Der amerikanische Alpinist Kyle Dempster zieht mit seinem Rad durch Kirgistan und filmt sich dabei. Er gerät an die Militärpolizei und erlebt Land und Leute, von einer Seite, die den meisten verborgen bleibt. Aber auch der Beitrag mit zwei norwegischen Surfern, die unter dem Polarlicht nach der perfekte Welle suchen, ist beeindruckend.

Surfer gab es doch in den vergangenen Jahren auch?
Richtig. Aber bei Inge Wegge und Jørn Nyseth Ranum geht es eben um mehr als Surfen. Sie sammeln in einer kleinen Bucht am Polarkreis drei Tonnen Müll vom Strand, bauen daraus eine Unterkunft und überwintern dort. Wir wollen in unseren Filmen nicht nur Stunts und Action zeigen, wir brauchen eine Geschichte – und vor allem Charaktere. Im Grunde sind die beiden Norweger eher Antihelden. Der Grat zwischen Abenteurer und Normalo schwindet und Scheitern ist Teil des Abenteuers.

Welche Rolle spielt die Natur dabei?
Bei diesen beiden Norwegern eine große Rolle. Für die E.O.F.T. ist die Natur alles. Sicherlich auch was die Filmaufnahmen betrifft. Wenn im Kurzfilm französische Basejumper hunderte Meter über dem Erdboden ungesichert auf einem gespannten Seil balancieren und im Hintergrund schneebedeckte Berggipfel zu sehen sind, ist der Effekt auf die Zuschauer um so größer. Die Natur ist die Bühne der Abenteurer, die sie nicht beherrschen können. Sie können nur Teil von ihr werden.

Es dauert nie lange bis die rund 200 Vorstellungen in 150 Städten in Europa ausverkauft sind. Was fasziniert die Menschen an diesem Filmfestival?
Wir zeigen nicht einfach Filme. Bei jeder Vorstellung sind Moderatoren dabei. Es wird geklatscht und gelacht. Es ist ein wenig wie Kasperle-Theater für Erwachsene. Viele Besucher holen sich Inspirationen für ihren nächsten Urlaub. Nicht nur durch die Filme, auch durch den Austausch mit anderen. Zwar steigt kaum jemand nach der Vorstellung auf sein Rad und fährt durch Kirgistan. Doch vielleicht geht es auf dem Rad die Donau entlang. Wir wollen die Menschen aus der Komfortzone locken. Für viele ist der Weg raus in die Natur, auch eine Chance dem Alltag im Büro zu entfliehen. Sie schaffen sich einen Ausgleich.

Das hat auch die Bekleidungsindustrie entdeckt.
Das ist sicher. Draußen sein ist auch Lifestyle geworden. Nicht ohne Grund wächst der Markt für Outdoorbekleidung noch immer. Schauen sie sich um auf den Straßen. Was früher von Outdoor-Freaks getragen wurde, weil es einfach praktisch war, ist heute in allen Farben erhältlich und wird von manchen auch im Büro getragen. In den achtziger Jahren war es das Cabriolet, das Symbol für Freiheit war, heute schlüpfen die Menschen in ihre Outdoorjacke, setzen ihren Rucksack auf und gehen los.

Doch so richtig erlebt man Wind und Wetter ja nicht, mit einer regen- und windabweisenden Jacke, einem wasserfesten Zelt und einem Satellitentelefon?
Outdoor ist natürlich bequemer geworden – und damit auch massentauglicher. Die Ausrüstung ist leicht und wird ständig verbessert. Mit einem Satellitentelefon kann man von fast jedem Ort der Welt kommunizieren. Die Menschen verlassen die Komfortzone des Alltags und schlüpfen in die nächste. Doch sie sind draußen – und das ist das, was zählt. Viele beginnen schon auf Technik und Hilfsmittel zu verzichten, um sich diesem Trend zu widersetzen. So oder so: Ich habe das Gefühl, es gehen immer mehr  Menschen in die Berge. Und augenscheinlich entwickelt sich daraus auch ein anderes Naturbewusstsein. Und das ist gut.

Interview: Felix Klabe

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