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Aus der Stadt Tier gewinnt: Käfer stoppen Baumfällungen
Hannover Aus der Stadt Tier gewinnt: Käfer stoppen Baumfällungen
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00:15 18.11.2013
Von Andreas Schinkel
Wegen einer geschützten Käferart kann die fast 300 Jahre alte Lindenallee in Herrenhausen vorerst nicht wie geplant erneuert werden. Quelle: Kurt Mankus
Hannover

Was der Opposition im Rat Hannovers nicht gelungen ist, schafft jetzt ein kleiner Käfer: Er verhindert das Abholzen der historischen Lindenallee im Berggarten. Eigentlich wollte die Stadt die Säge ansetzen und die Allee roden, weil etliche der alten Linden morsch sind. Kürzlich aber untersuchte ein Biologe für die Stadt eine Auswahl von Bäumen, um sicher zu gehen, dass keine tierischen Bewohner in Hohlräumen leben. Tatsächlich entdeckte er Hinweise auf den streng geschützten Juchtenkäfer, der bereits das Großprojekt „Stuttgart 21“ verzögert hatte. „Die Fällung der Linden wird verschoben. Jetzt müssen wir alle Bäume genauer untersuchen und über eine Umsiedlung des Käfers nachdenken“, sagte Gartendirektor Ronald Clark am Freitag.

Die Lindenallee gehört zu den bedeutenden Sehenswürdigkeiten des Berggartens. Die Baumreihen wurden 1727 angelegt, von den 215 ursprünglichen Pflanzen sind 145 Altbäume erhalten. Sie sind jedoch von Pilzen befallen und drohen umzustürzen. Daher entschied sich die Stadt im vergangenen Jahr, die Bäume zu fällen und eine neue Allee mit frisch gezogenen Setzlingen anzulegen. Dazu waren internationale Experten befragt worden. Zumindest zehn der Altbäume sollten erhalten bleiben, bis ein genetisch identischer Nachwuchs herangezüchtet ist. Gegen das Abholzen hatte es unter anderem vonseiten der CDU massive Kritik gegeben. Ein bedeutendes Gartendenkmal wie die Lindenallee müsse man „bis zu ihrem Tode pflegen“, hieß es. Auch einige Fachleute waren strikt dagegen.

Der Juchtenkäfer

Der zwei bis drei Zentimeter große Käfer lebt in Baumhöhlen mit sogenanntem Mulm, das sind zerfallene Holzfasern. Der Mulm ernährt den Käfer und schützt ihn vor Kälte im Winter. Der Käfer lebt nur wenige Monate, seine Larven liegen drei bis vier Jahre im Inneren eines Baumes.

Doch jetzt schiebt der Juchtenkäfer den Plänen der Stadt einen Riegel vor. Das Insekt lebt in Höhlen alte Bäume und verlässt seinen Lebensraum kaum. „Der Käfer ist so selten, dass er unter die strenge Habitat-Richtlinie der EU fällt“, sagt Günter Wendland von der Naturschutzbehörde der Region. Daneben seien noch zwei weitere Käferarten in den Linden nachgewiesen, die zu den bedrohten Arten zählen. „Jetzt müssen wir uns die Bäume genauer anschauen“, sagt er.

Die Stadt steckt in einem Dilemma.Sie muss der Verkehrssicherungspflicht genügen, also dafür sorgen, dass Spaziergängern keine morschen Äste auf den Kopf fallen. Andererseits darf sie nicht gegen den Naturschutz verstoßen. „Bis zum Frühjahr wird kein Baum umkippen“, versichert Gartendirektor Clark. Er denkt aber darüber nach, besonders marode Exemplare abzusperren. Nach der Untersuchung aller Bäume will sich die Stadt überlegen, wohin die Käfer umgesiedelt werden könnten. „Dabei müssen wir darauf achten, dass der neue Lebensraum nicht schon von anderen Juchtenkäfern bewohnt ist“, sagt Wendland. Möglich wäre auch, die Linden zu fällen und die Stämme mit den Käfern an einem geschützten Ort zu lagern. Dann könnte die Tiere neuen Lebensraum finden.

Nicht zum ersten Mal bringt eine geschützte Art ein öffentliches Projekt ins Wanken. Erinnert sei an die Kleine Hufeisennase, eine Fledermausart, die lange Zeit gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden in Stellung gebracht wurde. Gänzlich verhindern konnte sie den Bau allerdings nicht. An Hannovers Klagesmarkt machte Ritzenkraut von sich reden, es ist jetzt zum Schützenplatz umgesiedelt.

Pro und Kontra

Pro: Ernst nehmen

Jetzt sollen wieder die Tiere Schuld sein, wenn die Menschen nicht vorankommen. Mit dem Juchtenkäfer ist das ewige Dilemma – Modernisierung kontra Bewahren – mal wieder ganz konkret vor unserer Tür angekommen. Und genau hier muss sich nun eben auch zeigen, ob unser ständiges Gerede vom Erhalt der Schöpfung und vom Respekt vor der Natur auch dann Bestand hat, wenn mal nicht alles so reibungslos funktioniert wie geplant.

Es geht dabei um mehr als nur Mitgefühl mit den Krabblern. Alljährlich klagen wir über das Artensterben, wenn der WWF und andere Naturschutzorganisationen mit ihren Roten Listen dokumentieren, wie schnell die Artenvielfalt auf unserem Planeten abnimmt. Die Linden stehen seit 1727. Ihnen macht es nichts, wenn sie noch ein bisschen länger bleiben. Und die Käfer leben können, wo sie sind.

Conrad von Meding
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Kontra: Lachnummer

Langsam reicht’s: Autobahnen dürfen nicht gebaut werden, weil in einem Tümpel irgendein Molch herumschwimmt, Vögeln verhindern Bahnstrecken – und bei uns wird jetzt sogar das Abholzen morscher Bäume verboten, weil in ihren Höhlen Käfer schlummern. Naturschutz als Lachnummer. Das rechte Maß ist völlig abhanden gekommen. Besonders erschütternd ist, dass der untersuchende Biologe lediglich Käferkot im Gehölz der Lindenallee entdeckt und dann auf eine ganze Population schlummernder Maden geschlossen hat.

Zum Schutz der Phantomkäfer nimmt die Stadt allen Ernstes in Kauf, dass Teile der historischen Lindenallee abgesperrt werden, damit Besuchern nicht morsche Äste auf den Kopf fallen. Fehlt nur noch, dass die auch noch unter Schutz gestellt werden und liegenblieben müssen.

Andreas Schinkel

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