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Aus der Stadt Freie Fahrt für den Zugverkehr
Hannover Aus der Stadt Freie Fahrt für den Zugverkehr
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22:22 12.04.2015
Von Simon Benne
Foto: So werden die Züge gesteuert: Jugendliche schauen in der DB-Betriebszentrale hinter die Kulissen.
So werden die Züge gesteuert: Jugendliche schauen in der DB-Betriebszentrale hinter die Kulissen. Quelle: Christian Behrends
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Hannover

Dies ist also das Allerheiligste. Ein Ort, zu dem eigentlich nur ein enger Kreis von Auserwählten Zutritt hat. Dutzende Flachbildschirme formieren sich hier zu Wänden; farbige Linien blinken und britzeln auf den Monitoren. Es ist, als würden die Besatzungsmitglieder von Raumschiff Enterprise sich ständig neue Strickmuster zumailen. „Schaut ganz schön kompliziert aus“, raunt mit gesenkter Stimme einer der Jugendlichen, die an diesem Tag ausnahmsweise hier sein dürfen.

Ein gigantischer Leitstand ist diese Betriebszentrale der Deutschen Bahn. Sieben solcher Zentren gibt es in Deutschland. Diese Zentrale an der Lindemannallee überwacht täglich rund 6700 Zugfahrten zwischen der dänischen Grenze und Göttingen. „Hier wird Sicherheit produziert“, sagt ihr Leiter Harald Rekort.

Wie steuert man eine Weiche? Ein Dutzend Jugendliche schauen in der DB Betriebszentrale hinter die Kulissen. Die Bahn will mit der Aktion für den Beruf des Fahrdienstleisters werben.

Der 54-Jährige beugt sich über einen Monitor. „Diese grüne Linie zeigt, dass die Signale für den Zug 34543 jetzt auf Fahrt gestellt sind“, sagt er. Der echte Zug 34543 steht ein paar Kilometer entfernt im Hauptbahnhof und wartet darauf, Richtung Hameln loszuckeln zu können. Punkt 10.55 Uhr wird die Linie auf dem Monitor dann rot: „Jetzt hat er sich in Bewegung gesetzt“, sagt Rekort. Kontakte in den Gleisen informieren die Zentrale darüber, wo welcher Zug gerade ist. Und die Fahrdienstleiter an der Lindemannallee wachen wie Spinnen im Verkehrsnetz darüber, dass bei den Zugfahrten alles glatt geht: „Hier werden die Signale gestellt und die Weichen bedient“, sagt Rekort.

Früher hatten die klassischen Stellwerker noch Blickkontakt zu den Zügen auf ihren Bahnhöfen. Heute sehen zumindest die Fahrdienstleiter an der Lindemannallee nur noch Nummern und Farblinien auf ihren Bildschirmen. Die Arbeit mutet virtuell an, doch Fehler können höchst reale und dramatische Konsequenzen haben. „Den Regelbetrieb hier haben 15-jährige Azubis binnen zwei Wochen drauf“, sagt Harald Rekort. Das Problem seien die Störungen – etwa, wenn ein Baum auf eine 15 000-Volt-Oberleitung kracht. Wenn spielende Kinder auf den Gleisen auftauchen. Oder wenn eine Lok plötzlich streikt. „Dann müssen wir schnell entscheiden, was zu tun ist“, sagt er. Dann müssen Fahrdienstleiter Gleise sperren, Züge umlenken – und ständig Kontakt zu den Lokführern da draußen halten.

Ein Dutzend Jugendlicher – fast ausschließlich junge Männer – hört gebannt zu, als Rekort spricht. Zum ersten Mal überhaupt hat die Bahn für sie im Rahmen eines „Fahrdienstleiter-Camps“ die Pforten dieser Betriebszentrale geöffnet. Die elektrische Eisenbahn gehört vielerorts noch immer zur Grundausstattung einer glücklichen Kindheit. Zugleich jedoch muss die Bahn sich tummeln, wenn sie für Berufe wie den des Fahrdienstleiters geeignete Azubis rekrutieren will: „Der Arbeitsmarkt hat sich zum Bewerbermarkt gewandelt“, sagt eine Bahn-Sprecherin. Im Klartext: Es fehlt an vernünftigen Kandidaten.

Noch immer hängt der Bahntochter DB Netz das Chaos nach, das im Schienenverkehr im August 2013 ausbrach: Damals war aufgrund der dünnen Personaldecke ein Stellwerk am Mainzer Hauptbahnhof praktisch lahmgelegt worden. Mitarbeiter monierten damals, dass jahrelanger Personalabbau bei den Lotsen des Schienenverkehrs große Lücken gerissen habe; der Job sei immer stressiger geworden, und auch bei der Sicherheit würden unter der Hand Abstriche gemacht. Die Bahn versprach damals Abhilfe. Und jetzt sucht sie gezielt Nachwuchs für den Job des Fahrdienstleiters.

Die Jugendlichen halten bei diesem Camp Blöcke mit der Aufschrift „Weichensteller“ in den Händen. Ein Werbefilm preist die Vorzüge des Arbeitgebers Deutsche Bahn: „Herrscher über 30 000 PS sein“, „Zügen Regieanweisungen geben“. Bahn-Mitarbeiter betonen, dass es für Mitarbeiter Freifahrten gebe, dass Fahrdienstleiter schon als Azubis rund 700 Euro verdienen könnten und dass Jobs bei der Bahn krisenfest seien.
„Die Chance, nach der Ausbildung übernommen zu werden, ist groß“, sagt Nathalie Baxmann. Die 23-Jährige stammt aus einer Bahnerfamilie: Vater Fahrdienstleiter, Mutter Fahrdienstleiterin, sie selbst steht kurz vorm Abschluss ihrer Ausbildung. Zur Fahrdienstleiterin. „Ein Beruf, der Spaß macht“, sagt sie.

Als die Bahn noch eine Behörde war, war dies ein Beruf im klassischen mittleren Dienst. Heute ist das Unternehmen in diverse Bereiche aufgeteilt. Die DB Netz AG, die für 33 600 Kilometer Streckennetz und für 39 000 Züge am Tag zuständig ist, vermarktet Trassen auch an andere Unternehmen, erstellt Fahrpläne, koordiniert immer komplizierter werdende Verkehrsströme. Auch der Job als Fahrdienstleiter ist komplexer geworden. „Und man muss wissen, dass auch Spät- und Nachtschichten dazugehören, auch an Sonn- und Feiertagen“, sagt Nathalie Baxmann.

Zum Schluss des Camps dürfen die Jugendlichen an den Simulator: „Die gelben Linien sind die Gleise. Die roten sind die Züge. Und die kleinen Dreiecke sind Signale“, sagt Trainer Edwin Prescher. Dann dürfen die potenziellen Auszubildenden selbst zur Maus greifen und Weichen stellen oder Signale setzen. Wie bei einer Modelleisenbahn – nur, dass sie statt der Züge bunte Striche auf dem Monitor sehen. „Ich könnte mir schon vorstellen, bei der Bahn anzufangen“, sagt einer von ihnen. Ein anderer ist zurückhaltender: „Erst mal sehen, was man anderswo so verdient“, sagt er. Dann blickt er auf den Bildschirm und sorgt dafür, dass die Räder rollen. Zug um Zug.     

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