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Aus der Stadt Jugendliche nehmen den Kröpcke ein
Hannover Aus der Stadt Jugendliche nehmen den Kröpcke ein
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00:17 29.08.2016
Durften für eine Ansage in die Kröpcke-Uhr steigen: Stadtjugendpfleger Volker Rohde und Moderatorin Benita Kawalla. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Kunstvoll schwingt ein junger Mann am Kröpcke zwischen stählernen Rohren hindurch, die denen eines Baugerüsts gleichen. Wie an einem Reck holt er kräftig Schwung, bevor er loslässt, einen kurzen Moment durch die Luft fliegt und schließlich auf einer Holzkiste landet. Aus ein paar Metern Entfernung beobachtet Volker Hoffmann die akrobatische Einlage. Ob es ihn stört, dass die jungen Männer auf einer belebten Einkaufsstraße herumturnen? "Nein", sagt der 67-Jährige aus Hannover. "Mich interessiert, wie die sich bewegen."

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Viele, vorwiegend ältere Menschen, sind da offenbar anderer Meinung. Immer seltener würden Jugendliche, die ihren altersbedingten Interessen nachgingen, auf öffentlichen Plätzen akzeptiert, sagt die 17-jährige Benita Kawalla. Sie engagiert sich ehrenamtlich für das bundesweite Projekt "Jugendgerechte Kommunen", das am Freitag unter dem Motto "Platz nehmen!" für zwei Stunden Hannovers höchstfrequentierten Platz eingenommen hat. Dabei wolle man mit den Vorurteilen aufräumen, Jugendliche würden sich unsittlich benehmen, Lärm machen und ihren Müll hinterlassen. "Man kann das in keinster Weise pauschalisieren", sagt Kawalla. Natürlich gebe es auch Störenfriede, die sich daneben benehmen. "Aber dann muss man diskutieren", sagt die 17-Jährige. Da stimmt ihr Volker Rohde, städtischer Bereichsleiter für offene Kinder- und Jugendarbeit, zu. "Natürlich gibt es bei Jugendlichen Exzesse", sagt er. Man müsse das jedoch in einem Gesamtverhältnis betrachten. "So weit ist die Welt der Erwachsenen auch nicht davon weg", merkt er an. "Beim Maschseefest findet auch nicht nur kulturelles Singen mit O-Saft statt."

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Um zwischen den Generationen zu vermitteln, gibt es bei der Aktion auch kurze Diskussionsrunden - und zwar direkt in der Kröpcke-Uhr. Dort spricht sich Martin Prenzler als Chef der City-Gemeinschaft für einen respektvollen Umgang zwischen den Generationen aus. "Es hat noch nie geschadet, miteinander zu reden und die Meinung des anderen wertzuschätzen", sagt er. Ratsherr Wilfried Engelke (FDP) wird später auf seine Haltung zu BMX-Bikern angesprochen. "Die haben meine vollste Bewunderung", sagt er. Ob er den Sport dann auch fördern wolle, will der junge Moderator wissen. "Trendsportarten sollte man auf jeden Fall unterstützen", lautet Engelkes Antwort - schon alleine, da der Sport die Jugendlichen von "dummen Gedanken" fernhalte. Doch auch hier die Einschränkung: "Problematik ist natürlich immer auch, dass es Anwohner gibt, die das doof finden, wenn es da laut ist." Aber dafür gebe es ja Regeln, an die es sich zu halten gelte.

In der Einmündung zur Georgstraße vermittelt Antoinette Rappo vom Verein Politik zum Anfassen spielerisch Wissen zur Kommunalwahl. "Oft kommen erst Kinder und bringen dann ihre Eltern mit", sagt sie. "Die haben dann ein schönes Familienerlebnis." Gleichzeitig erfahren sie, wie lange ein Bürger in Hannover leben muss, bevor man für das Amt des Ratsherren kandidieren kann - und wie lange, um bei der Kommunalwahl am 11. September seine Stimmen abgeben zu dürfen. Währenddessen ziehen vor allem die BMX-Fahrer mit ihren wagemutigen Sprüngen über die Rampen die Blicke des Publikums auf sich. Aber auch nebenan wird gezeigt, wie junge Menschen öffentliche Plätze offenbar gerne nutzen möchten: Auf  umzäunten Spielfeldern werden Fußball und Basketball gespielt, mit Gitarre und Gesang spielt ein weibliches Duo Musik und an der Treppe zur Passerelle sprayen andere mit Sprühkreide Bilder und Botschaften auf das Pflaster.

"Mich stört das nicht", sagt Oliver Horn und schaut den BMXern bei ihren Kunststücken zu. "Das ist ja ein abgesperrter Bereich, da kann nichts passieren." Auch eine 58-jährige Passantin findet es gut, wie die Jugendlichen den Platz nutzen. "Ich habe selber vier Enkelkinder. Die sollen auch überall spielen können", sagt sie. Aber natürlich gebe es auch für sie Grenzen beim Herumtoben. "Ob an solchen Plätzen Ballspielen geeginet ist, bezweifle ich", hakt ihre 61-jährige Begleiterin ein. "Die sollen sich lieber eine Grünfläche suchen, wo nicht so viele Radfahrer und Fußgänger unterwegs sind."

Von Nils Oehlschläger