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Aus der Stadt Jugendliche zeigen Trendsportarten auf der ABF
Hannover Aus der Stadt Jugendliche zeigen Trendsportarten auf der ABF
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23:11 01.02.2013
Sie kennen keine Hindernisse, nur Herausforderungen: In der SportsNow-Halle auf der ABF zeigen Jugendliche, was sich hinter der Sportart Parkour verbirgt. Quelle: Surrey
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Hannover

Er trinkt keinen Kaffee, kein Bier, keine Limo. Stattdessen Wasser. Lukas Stamm will seinen Körper rein und die Sinne scharf halten, wie er sagt. „Ich arbeite an der Vervollkommnung meines Charakters.“ Bescheiden, respektvoll, tolerant will er sein. Suchtmittel kommen nicht infrage.

Die Sportart, die dem 19-Jährigen diese Disziplin abverlangt, nennt sich Parkour. Lukas Stamm ist häufig im Ihme-Zentrum, am Maschpark oder auf dem Raschplatz unterwegs – immer auf der Suche nach neuen Hindernissen und dem schnellstmöglichen, dem effizientesten Weg von A nach B. Er klettert über Mauern, Geländer und Treppen. Lukas Stamm geht in die Natur, erklimmt Bäume, Hänge, Felsen und springt über Bachläufe. „Ich will mit der Umgebung verschmelzen“, erklärt er. Hindernisse sind für ihn da, um sie zu überwinden.

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Dabei geht er immer ein Stück weiter, stellt sich neuen Herausforderungen. Im Winter hat er zum Beispiel mit einem Freund Klimmzüge an einer vereisten Wand gemacht. Die Hände des 19-Jährigen sind noch übersät mit Hornschwielen und Kratzern. „Es geht um Selbstbeherrschung.“
Für Traceure (französisch: „die sich den Weg ebnen“) ist Parkour eine Philosophie, die die zentralen Fragen des menschlichen Miteinanders berührt. Wie überwinde ich Hindernisse in meinem Leben? Wie gehen wir miteinander um? Die Antworten erfahren sie durch ihren Körper. Und der soll auch imstande sein, diese Erfahrungen zu machen. Daher die Askese mit dem Wasser und dem ausgeprägten Gesundheitsbewusstsein. Stamm meidet Fast-Food-Restaurants. Er versucht, wenig Fleisch zu essen. Vielen Traceuren geht das nicht weit genug. Sie leben vegetarisch oder vegan, verzichten also vollkommen auf tierische Produkte – aus Respekt vor den Tieren.

Trendsportart“ ist dann auch ein Wort, das Traceure gar nicht gern hören. Dabei läuft Parkour auf der ABF genau unter diesem Begriff. In der Trendsporthalle „SportsNow“ (Halle 20) präsentieren Traceure sich und ihren Sport. Mehr als 600 Jugendliche haben sich angemeldet, um auf dem Hindernisparcours zu trainieren. Sie kommen aus ganz Deutschland.

Die Ursprünge von Parkour liegen in den achtziger Jahren in den Vororten von Paris. Als Begründer gilt der Franzose David Belle. Mit seinem Vater Georges Hébert, einem Marineoffizier, soll er viel in der Natur unterwegs gewesen sein. Hindernissen wichen die beiden nicht aus, sondern überwanden sie – und bezeichneten das als eine Form des körperlichen und geistigen Trainings. Die heutigen Trimm-dich-Pfade gehen auf Hébert zurück. „Méthode Naturelle“ nennt die Parkour-Szene die Bewegung durch natürliches Terrain. Belle übertrug das vom Vater in der Natur Gelernte später auf die Betonwüsten der Pariser Vororte. Er entwickelte eine Technik, sich über die Mauern der grauen „banlieue“ hinwegzusetzen.

Gunnar Ahlborn von der evangelischen Jugend Laatzen/ Rethen hat die Sportart in Hannover groß gemacht. Ahlborn mag Kaffee. Er bezeichnet sich selbst denn auch nicht als Traceur. Vor rund fünf Jahren machten ihn zwei seiner Konfirmanden, einer davon war Lukas Stamm, auf die Sportart aufmerksam, die Hindernisse so spielerisch überwindet. Der Regionaldiakon ließ sich mitnehmen zum Raschplatz, wo sich die freie Szene seit Jahren trifft. Er ging mit den Traceuren zum Leineufer, ins Ihme-Zentrum. Er sah, wie sich die Jugendlichen dabei unterstützten, Mauern und Geländer zu überwinden – und war begeistert. Schnell erkannte er die Analogie zwischen Parkour und seiner Religion. „Hier wie dort geht es um Nächstenliebe, respektvolles Miteinander und Toleranz“, sagt er.

Kurzerhand gründete er das Laatzener Parkour Camp (LPC). Mehr als 2500 Jugendliche haben seither an den Workshops und Sommerfreizeiten der evangelischen Jugend teilgenommen. Ein Drittel von denen, die sich für die Workshops anmelden, hat einen Migrationshintergrund. Beim jüngsten Camp kamen die Jugendlichen aus 50 Städten in zehn Bundesländern. Das LPC ist Gewinner des bundesweiten Jugendprojektpreis 2009. „Wir erreichen Jugendliche, die sich sonst nie für uns interessieren würden“, sagt Ahlborn.

In der „SportsNow“-Halle auf der ABF wollen die Traceure auch so manchem Vorurteil entgegenwirken. Etwa dem, dass es beim Parkour um waghalsige Stunts geht. „Jeder Traceur fängt klein und bescheiden an und lernt langsam, sich selbst und seine Fähigkeiten einzuschätzen“, sagt Ahlborn. Es ist wohl eine Lebensaufgabe.

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