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Aus der Stadt Kanzlerin der Ruhe
Hannover Aus der Stadt Kanzlerin der Ruhe
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08:47 11.09.2009
Von Klaus Wallbaum
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach am Steintor bei einer Wahlkampfveranstaltung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach am Steintor bei einer Wahlkampfveranstaltung. Quelle: Martin Steiner
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Die Kanzlerin ist gerade in der Mitte ihrer Rede, da geschieht etwas Merkwürdiges: Am Himmel über Hannover erscheint ein Regenbogen – in den schönsten Farben. Ob sie es als Zeichen ansieht? Eine Art Silberstreif am Horizont?

Immerhin wirken die Störer, die von Anfang an den Auftritt Angela Merkels mit einem Pfeifkonzert begleitet haben, zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich ermattet. Sie sind leiser geworden. Dafür ist die Zahl der Anhänger, die mit bravem Applaus die Veranstaltung untermalen, ein wenig größer als zu Beginn. Und noch ein aus Sicht der Union gutes Zeichen: Anders als Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, der es vor sieben Jahren, ebenfalls kurz vor der Bundestagswahl auf seiner Kundgebung in Hannover mit vielen Buh-Rufern zu tun hatte, ist die Kanzlerin an diesem Donnerstag nicht aus dem Konzept geraten. Sie bleibt ganz offensichtlich ihrem Manuskript treu und redet über die Wirtschaftskrise, den Mut der Deutschen, das Geschenk der Wiedervereinigung und die fortschrittliche Familienpolitik von Ursula von der Leyen. Aber sie vermeidet alles, was den Störern Ansporn für noch lautere Zwischenrufe bieten könnte.

Bei einer Kundgebung am Steintor in Hannover bleibt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unbeirrt ihrer Wahlkampflinie treu – und vermeidet riskante Themen.

Der Krieg in Afghanistan? Die von Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) instinktsicher entflammte neue Debatte um das Atomendlager Gorleben? Merkel ist das keine Erwähnung wert. Was die Atompolitik angeht, will sie ihren Gegnern nicht den Gefallen tun und das Thema zum Thema ihres Wahlkampfes machen. Sie schweigt dazu.

Und zu Afghanistan hat CDU-Landeschef David McAllister gleich zu Anfang den Part dessen übernommen, der Klartext redet. Während seiner Begrüßungsrede erblickte er in der Masse auf dem Steintorplatz ein Spruchband mit der Aufschrift „Soldaten sind Mörder“. „So etwas verbitten wir uns. Unsere Soldaten sind keine Mörder! Sie leisten Dienst für den Frieden“, ruft er erregt ins Mikrofon. Das Ergebnis ist, dass der Beifall der Anhänger ein wenig stärker wird und die Lautstärke der Pfiffe sich verdoppelt. Das Publikum an diesem Spätsommerabend unterscheidet sich deutlich von der üblichen treuen CDU-Anhängerschar.

Wie schwer es die CDU am Steintorplatz haben würde, zeigt sich gleich zu Beginn. Die Jusos sind gekommen, sie schleppen ein schwarz-gelbes Atomfass mit sich, unweit von ihnen ist der hannoversche SPD-Politiker Walter Meinhold zu sehen. Eine Abordnung der Globalisierungskritiker von attac ist erschienen. Greenpeace demonstriert gegen das Atomkraftwerk Grohnde, und eine Truppe hat sich mit FDP-Fähnchen bewaffnet und entrollt ziemlich nah am Podium ein großes Transparent mit der Aufschrift „Bildung nur für Reiche – Danke, CDU.“ Die Ironie aber fällt kaum auf an diesem Tag. Dafür überragen die vier mächtigen Fahnen der Piratenpartei alles andere. Man hätte sie fast für CDU-Transparente halten können, beide buhlen in Orange um Aufmerksamkeit.

Doch die Christdemokraten fallen mit ihren eigenen Transparenten und Werbetafeln kaum ins Gewicht, sie wirken streckenweise sogar wie eingeschüchtert. Ganz anders als die Hauptperson, die an diesem Tag gar nichts schrecken kann. Im Schutz der Scharfschützen, die auf den Dächern rund um den Platz ihre Posten bezogen haben, lächelt Merkel und scherzt, auch über die Zwischenrufer. Als die zu Sprechchören ansetzen, wird die Kanzlerin zunächst ganz leise und sagt dann: „Wäre schön, wenn sie zuhörten. Demokratie lebt davon, dass man ab und zu mal etwas Neues in den Kopf bekommt.“ Dann lächelt sie und spricht weiter. Das klingt nicht verärgert wie bei Helmut Kohl oder wütend wie bei Franz Josef Strauß, sondern ganz einfach beherrscht.

Die Kanzlerin kritisiert die SPD, die Horst Köhler nicht für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident mitwählte, sie spricht über die Finanzkrise und den bevorstehenden G-20-Gipfel, über Steuerpolitik und Klagen angesichts des hohen Bonus für den Arcandor-Chef. Als sie behauptet, die Bildungspolitik der Landesregierung von Christian Wulff – der an diesem Abend wegen einer VW-internen Sitzung entschuldigt war – habe Niedersachsen vorangebracht, werden die Zwischenrufer für einen Moment lauter. Kurz darauf ist Merkel wieder bei der Politik von Ursula von der Leyen und lobt den Vater, der sich für die Erziehung seiner Kinder für drei statt zwei Monate von der Arbeit befreien lassen will. „Guter Mann, wird man in zehn Jahren sagen. Der hat gelernt, wie man Chaos ertragen kann. Das lernt man eben nicht hinterm Schreibtisch, sondern nur in der Familie.“ Applaus ertönt, Merkel lächelt. Sie freut sich, dass die Protestrufer nach diesem Satz sprachlos sind.

Auch die kleine Geschichte vom ungarischen Grenzpolizisten, der vor 20 Jahren einen Befehl verweigerte und die DDR-Flüchtlinge passieren ließ, bringt Merkel fast nur Beifall ein. Sie sagt es ziemlich zum Ende ihrer Rede, als viele Störer endgültig resigniert haben.

Während der Wahlveranstaltung läuft ein Fußball-Nationalspiel der Damen, Deutschland gegen England. Als Merkel zu reden beginnt, sieht es knapp aus, 2:1. Zum Ende hin haben die Deutschen souverän mit 6:2 gewonnen. Merkel verkündet das Resultat mit breitem Lächeln. Lauter siegreiche Frauen. Noch ein gutes Omen?

Gunnar Menkens 10.09.2009
Conrad von Meding 10.09.2009