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Aus der Stadt Kein Ort zum Trauern: Anonyme Bestattungen
Hannover Aus der Stadt Kein Ort zum Trauern: Anonyme Bestattungen
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07:33 19.11.2012
Immer mehr Menschen lassen sich anonym bestatten. Man weiß nicht, wo genau sie begraben liegen. Für die Angehörigen ist das oft eine Bürde. Quelle: dpa
Hannover

Am Anfang wusste Bärbel Ullwer nicht, wo sie die Blumen ablegen sollte. Sie wollte sie an das Grab ihres Vaters legen. Doch das gab es nicht.

Zwölf Jahre ist es her, dass Günter Wesner anonym bestattet wurde. Er liegt irgendwo innerhalb des Rondells auf dem Friedhof Grenzheide in Langenhagen. Wo genau, weiß niemand – und für manchen wird dieses Nichtwissen zur Bürde. So wie Bärbel Ullwer geht es vielen Menschen, die Angehörige anonym bestattet haben. Um ihnen zu helfen, bietet die Stiftung Trauerbegleitung in Zusammenarbeit mit der katholischen und evangelischen Kirche Andachten für Angehörige von anonym Bestatteten an. „Wir wollen damit einen Ort zum Trauern anbieten“, sagt Stiftungssprecherin Katharina Schiller. In den Kapellen der Friedhöfe gedenken die Angehörigen gemeinsam der Verstorbenen, bevor sie dann zu den Grabfeldern gehen.

Wenn Bärbel Ullwer vorbeikommt, um Blumen zu bringen, steht sie auf einer großen, grünen Wiese. Am oberen Ende steht eine Statue, die die Form eines Menschen hat. Doch nach Spuren der Menschen, die hier unter der Erde liegen, sucht man vergeblich. Das ist nicht verwunderlich – schließlich wollten die hier Bestatteten ja ausdrücklich Anonymität. Doch für Angehörige kann das Trauern dadurch umso schwieriger werden. Normalerweise bietet das Grab einen festen Platz für Trauer. Man kann Blumen oder Kerzen ablegen und verweilen. Doch bei der anonymen Bestattung gibt es nicht einmal eine Tafel mit eingraviertem Namen. Es gibt keinen Stein, der vielleicht noch einen schönen Spruch und die Lebensdaten trägt. „Meine Mutter und ich haben die Blumen immer vorne am Rondell abgelegt“, erinnert sich Bärbel Ullwer. Doch wenn sie das nächste Mal wiederkamen, lagen die Blumen an der großen Statue, die am oberen Ende des Rondells steht. Friedhofsgärtner müssen sie dorthin gelegt haben. Denn oft verbietet die Friedhofsordnung, dass Blumen auf die Wiesen für anonym Bestattete abgelegt werden dürfen.

727 Menschen sind im vergangenen Jahr in Hannover anonym auf städtischen Friedhöfen beigesetzt worden. 1990 waren es noch 477. Von den knapp 730 anonymen Bestattungen im Jahr 2011 waren nur 230 behördlich angeordnet – weil den Angehörigen das Geld für eine Beerdigung fehlte oder die Frist für eine Bestattung sonst nicht eingehalten werden konnte. Bei den restlichen haben sich die Betroffenen entweder zu Lebzeiten für diese Form der Beerdigung entschieden oder die Angehörigen nach dem Tod. „Viele Ältere wollen ihren Kindern nicht zur Last fallen“, sagt Ehrengarde von Hohenthal, Vorsitzende der Stiftung für Trauerbegleitung und Bestattungskultur. Oft hätten Eltern die Sorge, dass ihre Kinder keine Zeit für die Grabpflege haben. Und tatsächlich sei es „für die Kinder oft auch die praktischste Lösung“, sagt Katharina Schiller. Der Trend sei eben dem Zeitgeist geschuldet. Viele wohnten gar nicht mehr in der Nähe ihrer Eltern; für die Grabpflege seien dann weite Wege nötig, ohnehin bleibe im hektischen Alltag heute kaum noch Zeit.

Günter Wesner, der anonym Bestattete aus Langenhagen, litt in seinen letzten Lebensjahren an Alzheimer, bevor er mit 64 starb. Schon immer habe er gesagt, dass er anonym bestattet werden wolle, berichtet seine Tochter. Diesem Wunsch entsprach seine Familie nach dem Tod. Es gab eine Trauerfeier mit Sarg im örtlichen Bestattungsinstitut. Keine Kirche, kein Pastor. „Mein Vater war nicht kirchlich“, sagt die 53-Jährige Ullwer. Die Trauerfeier habe ihr damals gefallen. Ein Freidenker hat gesprochen und persönliche Worte für die trauernden Verwandten gefunden. „Da war alles noch in Ordnung“, erinnert sich Ullwer. Doch nachdem der Sarg eingeäschert war, gab es keine Urnenbeisetzung mit den Verwandten. „Wir haben ein paar Wochen später Post von der Stadt bekommen“, erzählt Bärbel Ullwer. In dem Brief stand, dass Günter Wesner nun bestattet sei. Bärbel Ullwer ist mit ihrer Mutter zum Friedhof gegangen, um Blumen abzulegen. Was sie an diesem Rondell gefühlt hat, kann sie nicht in Worte fassen. „Es war ein eigenartiges Gefühl“, sagt die Buchhalterin: „Irgendwie komisch.“ Etwas ratlos stand sie da mit ihrer Mutter. Wo könnte er liegen? Sie wussten es beide nicht. „Da fehlte irgendwie etwas“, meint Ullwer. Warum ihr Vater unbedingt anonym bestattet werden wollte, weiß sie auch nicht genau. Vermutlich hatte auch er die Sorge, dass ein Grab zu viel Arbeit bedeuten könne. „Dabei hätten wir uns doch gekümmert“, sagt Ullwer.

„Vor 100 Jahren gab es noch eine ganz andere Trauerkultur“, sagt Ehrengarde von Hohenthal. Sobald ein Mensch verstarb, habe man ihn gewaschen, mit den Angehörigen gebetet und sogar noch im gleichen Raum gegessen. Das gebe es inzwischen kaum noch. „Die Beziehung ist plötzlich abgeschnitten.“ Dabei sei Trauer wichtig, um ins Leben zurückzukommen, sagt Katharina Schiller. Bei einem anonymen Begräbnis fehle zusätzlich noch der Akt der Bestattung. Man könne keine Erde in das Grab werfen oder Blumen am Grabstein ablegen. „Dabei leben wir von Bildern“, erklärt Schiller: „Wir brauchen das - die Erde in unserer Hand zu fühlen und sie hinunterzuwerfen.“ Was wir nicht sehen könnten, gehe auch nicht in den Verstand.

Für Bärbel Ullwer war die Form der Bestattung damals auch deshalb schwer, weil ihr Vater der erste in der Familie war, der eine anonyme Beisetzung gewählt hatte. Das erste Jahr nach dem Tod ihres Vaters sei besonders schlimm gewesen. Irgendwann ist sie zum Grab einer guten Freundin gegangen, die nicht anonym bestattet war. „Ich bin länger dort stehen geblieben und habe an diesem Ort an meinen Vater gedacht.“ Auch heute noch steht sie lieber am Grab der Freundin als an dem Rondell. Mittlerweile sind auch ihre Mutter und ihre Schwiegereltern gestorben - und anonym bestattet. „Die wollten das alle so“, erzählt Ullwer. Sie selbst möchte nicht anonym bestattet werden. „Man war doch nun mal auf dieser Welt“, sagt sie: „Wenn der Name fehlt, ist da doch gar nichts mehr.“ Auch für ihre Tochter und vielleicht einmal für die Enkel möchte sie einen Ort haben, an dem man ihren Namen noch lesen kann - auch, wenn der Stein mit ihrem Namen noch so klein sei.

Gemeinsames Gedenken

Mehrmals im Jahr laden die Stiftung für Trauerbegleitung und Bestattungskultur sowie die katholische und evangelische Kirche zu Trauerfeiern für Angehörige und Freunde von anonym Bestatteten. Dort gibt es die Möglichkeit der Verstorbenen gemeinsam zu gedenken und -auf Wunsch – ihre Namen zu den Fürbitten vorlesen zu lassen. Nach der Andacht können die Angehörigen und Freunde zu den jeweiligen Urnengrabstätten gehen. Die nächste ökumenische Trauerfeier ist am Sonntag, 25. November, um 15 Uhr in der Großen Kapelle des Stadtfriedhofs Lahe. Gestaltet wird sie von Ingo Langner, Diakon der katholischen Gemeinde St. Godehard und Pastor Michael Wohlers, Leiter der Wiedereintrittsstelle der evangelischen Kirche. som

Stiftung Trauerbegleitung

1999 gründete die Feuerbestattungsgesellschaft Hannover und Niedersachsen die Stiftung Trauerbegleitung und Bestattungskultur. Die gemeinnützige Stiftung sammelt Trauerangebote aus Niedersachsen, Bremen und der Region Hannover in einer Broschüre. Hier können sich Trauernde über passende Angebote informieren. Zusätzlich bietet die Stiftung regelmäßig eine sogenannte Erfahrungskonferenz an. Sie richtet sich an Menschen, die haupt- oder ehrenamtlich mit den Themen Tod, Trauer und Bestattung zu tun haben und sich austauschen möchten. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www. stiftungtrauerbegleitung.de, per E-Mail an mail@stiftung-trauerbegleitung.de oder unter der Telefonnummer (0511)1234494.

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