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Aus der Stadt Keine Höchststrafe für Steintor-Mörder
Hannover Aus der Stadt Keine Höchststrafe für Steintor-Mörder
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07:38 16.09.2011
Von Sonja Fröhlich
Nach einem Streit in der "Columbus"-Bar erschoss Holger B. zwei Italiener. Quelle: Elsner
Hannover

Im sogenannten Saalbau des Bundesgerichtshofs (BGH), einem fensterlosen, abhörsicheren Raum im Schatten des prunkvollen Gartenpalais, wird das letzte Wort über das Schicksal von Holger B. gesprochen. Und das ist kurz: „Das Landgericht Hannover ist der ständigen Rechtsprechung des BGH gefolgt“, verkündet der Vorsitzende des Dritten Strafsenats, Jörg-Peter Becker. „An dem Urteil ist nichts zu ändern, sodass die Sache hiermit rechtskräftig ist.“

Die fünf Richter in ihren dunkelroten Roben ziehen aus dem Saal, mit ihnen erheben sich Bundesanwalt und Verteidiger sowie eine Handvoll Zuschauer, Journalisten und Bedienstete der Behörde. Weder der Angeklagte noch die Angehörigen der Opfer sind in Karlsruhe dabei. So emotional der erstinstanzliche Prozess gegen Holger B. in Hannover war, so nüchtern ist der Fall am Donnerstag vor dem BGH zu Ende gegangen. Nach nur halbstündiger Verhandlung hat das höchste deutsche Gericht die Akte über eines der grausamsten Verbrechen in Hannover endgültig geschlossen. Holger B., der am Morgen des 5. Juli 2010 in der Steintor-Bar „Columbus“ zwei Italiener kaltblütig erschossen hatte, muss für 14 Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Theoretisch. Praktisch könnte er schon nach sieben Jahren und drei Monaten freikommen. Dann wird erstmals geprüft, ob die Therapie im Maßregelvollzug bei dem 44-Jährigen erfolgreich war und der Rest der Strafe zu Bewährung ausgesetzt wird.

Womöglich also nur sieben Jahre Haft für einen Doppelmord? Ist das gerecht? Im Fall des Steintor-Schützen wird deutlich, wie weit gefühlte Gerechtigkeit und formales Recht auseinanderklaffen.

Die Tat hatte Hannover schockiert. Der damals 43-jährige Frührentner Holger B. hatte sich während der Fußballweltmeisterschaft 2010 mit den beiden Italienern Giuseppe L. und Francesco S. über die Anzahl von WM-Titeln der deutschen und italienischen Mannschaft gestritten. Der Streit war längst beigelegt, als B. später mit einer Pistole noch einmal in der Bar auftauchte. Mit den Worten „Hier hast du deine vier Sterne“ (ein Stern steht für einen WM-Titel, Anm. der Red.) hielt er Giuseppe L., dem Koch des Lindener Restaurants „Mamma Raffaele“, die Waffe an die Stirn und drückte ab. Francesco S., der noch um Gnade flehte, wurde mit Schüssen in den Kopf, in den Rücken und in ein Bein getötet. Gut ein halbes Jahr später verurteilte das Landgericht Hannover Holger B. zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft – nach fünf Jahren sollte er in eine forensische Psychiatrie verlegt und therapiert werden. Die Angehörigen waren entrüstet. Die Staatsanwaltschaft Hannover legte Revision ein. Sie hatte im Prozess gefordert, B. zu einer lebenslangen Haftstrafe zu verurteilen; auch die Schwere der Tat wollte sie festgestellt wissen – dies würde eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ausschließen. Auch wenn der Täter, von Tabletten und Alkohol berauscht, als vermindert schuldfähig galt, ließen die Umstände keine mildere Strafe zu, begründeten die Ankläger. Im Kern ging es ihnen um das Mordmerkmal der Heimtücke. Heimtücke hatte das Schwurgericht von Wolfgang Rosenbusch – neben den niedrigen Beweggründen bei beiden Taten – „nur“ im Fall von Giuseppe L. festgestellt. Dies sahen die Ankläger anders; beide Taten seien heimtückisch ausgeführt worden, weil zwischen den Schüssen auf die Männer nur wenige Augenblicke lagen. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle stützte die Argumentation ihrer Kollegen.

Eine Überraschung gab es dagegen am Donnerstag vonseiten des Bundesanwalts Ralf Wehowsky. Zumeist vertreten die Bundesanwälte die Revisionen der Staatsanwaltschaften. Diesmal nicht. „Heimtückisch handelt, wer die Arg- und Wehrlosigkeit seiner Opfer bewusst ausnutzt“, sagte Wehowsky zur Begründung. Francesco S. sei aber von dem Angriff nicht überrascht worden. Er habe den ersten Angriff auf seinen Freund mitbekommen und noch darum gebeten, dass er selbst verschont bleibe. „S. war zwar wehrlos, aber er war nicht arglos. Wehrlosigkeit genügt aber nicht.“ Die Staatsanwaltschaft hatte auch die besonders kaltblütige Art und Weise der Tat angeführt, die einer Hinrichtung ähnlich gewesen sei; dies rechtfertige keine Strafe, die unter lebenslang liegt. Auch das sah der Bundesanwalt anders: Einer Hinrichtung liege zugrunde, dass die Opfer auf ihrem letzten Weg noch besonderes Leid erfahren sollen – dies sei aber in der „Columbus“-Bar nicht der Fall gewesen. B.s Verteidiger Holger Nitz blieb nur noch, darauf hinzuweisen, dass der Angeklagte zuvor „in keiner Weise gewalttätig aufgefallen“ sei. Ansonsten schloss er sich den Worten des Bundesanwalts an. „Es kommt ja nicht so oft vor, dass wir Seite an Seite kämpfen“, sagte er, „das muss ich auskosten.“ Nitz wollte seinem Mandanten das Urteil noch am Donnerstag telefonisch mitteilen. Nach mehreren Drohungen sei dieser von Hannover und Sehnde in die JVA Rosdorf verlegt worden, sagte Nitz.

Am Bundesgerichtshof werden nur etwa fünf Prozent der dort jährlich mehr als 3000 anhängigen Revisionen verhandelt. Alle anderen entscheiden die Karlsruher Richter nach Aktenlage per Beschluss. Der für Hannover zuständige Dritte Strafsenat hat bekanntlich schon viele Urteile aus der Landeshauptstadt aufgehoben oder abgeändert. Vor einigen Jahren bescheinigte er den hannoverschen Richtern, „oberflächlich“ zu arbeiten. Dies habe sich aber geändert, sagte Senatsvorsitzender Becker am Donnerstag nach der Verhandlung gegenüber der HAZ. „Nach meinem Eindruck kommen deutlich weniger Revisionen aus Hannover als früher, und es gibt auch weniger Aufhebungen.

So hat auch das Schwurgericht von Wolfgang Rosenbusch im Fall von Holger B. keinen Fehler gemacht. Zumindest nicht nach Auffassung der Karlsruher Richter.

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