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Aus der Stadt „Ein Halleluja ist in allen Sprachen gleich“
Hannover Aus der Stadt „Ein Halleluja ist in allen Sprachen gleich“
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09:20 07.06.2014
Von Simon Benne
Viele Sprachen, eine Botschaft: Moses Tan (v. l.), Théophile Divangamene, Yung-Ju Jeong, Dirk Stelter, Noela Joseph und George Andoh.
Viele Sprachen, eine Botschaft: Moses Tan (v. l.), Théophile Divangamene, Yung-Ju Jeong, Dirk Stelter, Noela Joseph und George Andoh. Quelle: Surrey
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Hannover

Wie aus einer fernen Welt klingen die Worte, wenn Moses Tan sie mit seiner kehligen Bassstimme flüstert. Als wären sie von weither in die Marktkirche geweht: „Abun dbasmayo, nethquadas smokh ...“ Es ist das Vaterunser auf Aramäisch, in der Sprache, die vor zwei Jahrtausenden Jesus sprach.

Im Mittelgang der Marktkirche stehen riesige Kabeltrommeln, Dutzende Techniker installieren Scheinwerfer und Mikrofone. Am Sonntag überträgt die ARD den Pfingstgottesdienst bundesweit live aus Hannover. Und mitten in all dem geschäftigen Treiben, zwischen den hochmodernen Techniktürmen, spricht Moses Tan die uralten Worte des Vaterunser so, wie er sie auch im Gottesdienst vortragen wird – in seiner aramäischen Muttersprache.

Als er vier Jahre alt war, floh seine Familie aus der Türkei. In seinem Dorf wurden Christen drangsaliert, die Behörden sahen tatenlos zu. Die Familie verlor ihre Heimat, weil sie ihrer Religion treu blieb. „Unsere eigentliche Heimat ist der Glaube“, sagt Moses Tan mit fester Stimme. Seine kleine syrisch-orthodoxe Gemeinde versammelt sich heute regelmäßig in den Räumen der katholischen Heilig-Geist-Kirche in Bothfeld. Sie wächst, durch Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak.

Zuwanderer haben in den vergangenen Jahren die kirchliche Landschaft in der Stadt vielfältiger gemacht. Auch deshalb steht Moses Tan jetzt mit anderen Gläubigen im Altarraum der Marktkirche, als wären sie ein Abbild der weltweiten Christenheit.

Aus dem Kongo stammt Théophile Divangamene, der als pfingstkirchlicher Missionar nach Deutschland gekommen ist. Noela Joseph, die in ihrem bunten Panjabi-Kleid vorm Altar steht, wurde in Sri Lanka geboren und Pastor George Andoh in Ghana. In sechs Sprachen werden sie am Sonntag die Lesung vortragen. Das Glaubensbekenntnis erklingt im griechischen Original, und neben dem Bachchor singt die Gruppe Jona einen Psalm auf Arabisch. Das Motto des Gottesdienstes: „Pfingsten – weltweit bei uns“.

Pfingsten feiern Christen ja den Geburtstag der Kirche – und diese war von Anfang an multikulturell gestrickt: Parther und Meder, Elamiter und Ägypter waren in der Bibel dabei, „gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel“, als sich das Pfingstwunder ereignete: Da alle durch den Heiligen Geist verbunden waren, konnte jeder die Apostel in seiner eigenen Sprache reden hören, als diese Gott priesen.

„Wir können einander verstehen, auch wenn wir verschiedene Muttersprachen haben“, sagt Yung-Ju Jeong von der koreanischen Han-Min-Gemeinde im Sahlkamp. Da ist für sie das multiethnische Jerusalem von damals nicht anders als das multiethnische Hannover von heute. Als Yung-Ju Jeong mit neun Jahren nach Deutschland zog, war ihr das Land fremd: „Ich hatte regelrecht Angst vor den großen, blonden, blassen Menschen“, sagt sie. Die koreanische Kirchengemeinde bot ihr ein Stück Kontinuität: „Wenn man in seiner Muttersprache betet, empfindet man ja besonders tief“, sagt sie. Zugleich aber erleichterte der Glaube ihr das Einleben in der neuen Umgebung.

„Die Religion kann helfen, Brücken zu einheimischen Christen zu bauen – der Glaube ist ja ein gemeinsamer Bezugspunkt jenseits aller kultureller Unterschiede“, sagt Pastor Dirk Stelter, Ökumenebeauftragter der Landeskirche. In speziellen Projekten unterstützt diese seit gut drei Jahren sogenannte Migrationsgemeinden: Sie pflegt inzwischen Kontakte zu mehr als 50 Gemeinschaften, in denen sich christliche Zuwanderer zusammengeschlossen haben.

Unter den Christen in Deutschland steigt die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund besonders rasant an: Nach einer Studie der Evangelischen Kirche sind rund 33 Prozent der Zuwanderer Katholiken, zwölf Prozent orthodox und elf Prozent protestantisch. Es kommen also weit mehr Christen als Muslime zu uns. Zugleich sinkt durch Austritte und Todesfälle die Zahl traditioneller deutscher Christen. Die Folge: Der Anteil der Alteingesessenen in den Kirchenbänken sinkt; das Christentum verwandelt sich schneller als der Rest der Gesellschaft in eine Truppe, die so bunt ist wie die Melange aus Parthern und Elamitern beim ersten Pfingstfest.

Oft kümmern sich alteingesessene Kirchengemeinden um Migranten und bieten neuen christlichen Zirkeln Unterkunft. Der Missionar Théophile Divangamene hat in der Döhrener Auferstehungskirche die „Multikulturelle christliche Gemeinde Bethanien“ gegründet, die vor allem Jugendliche fürs Christentum begeistern will. „Jeder betet Gott auf seine eigene Art an – die einen in der Stille, die anderen im Tanzen“, sagt er. Trotzdem sei der Glaube ein einigendes Band zwischen allen christlichen Konfessionen und Kulturen: „Das Halleluja ist in allen Sprachen gleich.“

„In Deutschland sind viele Menschen auf der Suche – aber sie zeigen es nicht öffentlich“, sagt Pastor Andoh, der in einem früheren Schlachthof Auf der Bult das „International Gospel Center“ gegründet hat, um das Christentum wieder  stärker unters Volk zu bringen. Tatsächlich könnten alteingesessene Kirchgänger manches von den Migranten lernen, meint auch Dirk Stelter: „In Deutschland ist es Christen oft peinlich, über ihren Glauben öffentlich zu reden – in anderen Ländern ist das selbstverständlich.“ Das Christentum sei selbst als Migrant aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen: „Allmählich wächst jetzt auch in unserer Landeskirche das Bewusstsein dafür, wie vielfältig es eigentlich ist“, sagt der Pastor.

Die Predigt im Pfingstgottesdienst wird ein Deutscher halten, Landesbischof Ralf Meister. Er setzt damit auch ein politisches Signal für die Offenheit gegenüber Zuwanderern – und für die globale Dimension, die der Glaube auch in einer Stadt wie Hannover haben kann: „Die Kirche von morgen wird eine Kirche aller Menschen sein“, sagt Meister. „Und sie wird viel bunter sein, als wir es uns momentan wohl vorstellen können.“

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