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Aus der Stadt Kirchliches Haus macht die meisten Spätabbrüche
Hannover Aus der Stadt Kirchliches Haus macht die meisten Spätabbrüche
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10:27 31.10.2011
Von Jutta Rinas
Die Frauenklinik der Henriettenstiftung in Kirchrode Quelle: Steiner
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Hannover

45 solcher Eingriffe verzeichneten die Diakonischen Dienste Hannover (DDH), unter deren Dach Friederikenstift, Henriettenstiftung und Annastift geführt werden, nach eigenen Angaben im Jahr 2010. In der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde im selben Jahr lediglich ein solcher Spätabbruch durchgeführt. Die vier Geburtskliniken des Klinikums Region Hannover (KRH) – ebenfalls alles weltlich geführte Häuser – kamen im Jahr 2010 nach HAZ-Informationen insgesamt auf 15 Spätabtreibungen. Die Krankenhäuser des KRH hätten gar keine mit der Pränataldiagnostik an der DDH vergleichbaren Voraussetzungen, um solche Abtreibungen vorzunehmen, sagte Sprecher Bernhard Koch.

In der Ärzteschaft wird das Thema derzeit heftig diskutiert. Dabei vermuten Fachleute, dass die Frauenklinik der DDH deshalb eine weitaus höhere Zahl an Spätabbrüchen verzeichnet, weil ihr Chefarzt, Prof. Ralf Schild, einen herausragenden Ruf als Pränataldiagnostiker genießt. Er ist Spezialist in der vorgeburtlichen Früherkennung von Krankheiten. Viele Kollegen schickten ihre Patientinnen daher zu Schild. Der Gynäkologe wechselte 2008 von Erlangen nach Hannover. Von 2009 auf 2010 haben sich in der Frauenklinik der DDH die Spätabbrüche von 21 auf 45 mehr als verdoppelt.

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Als Spätabbrüche werden Abtreibungen bezeichnet, die nach der gesetzlichen Frist von drei Monaten bis unmittelbar vor der Geburt vorgenommen werden. Sie sind vom Gesetzgeber nur dann erlaubt, wenn eine schwere seelische oder körperliche Gefährdung der Gesundheit der Mutter infolge einer Erkrankung oder Behinderung des Kindes besteht.

In den Diakonischen Diensten wird – wie berichtet – zurzeit eine Debatte darüber geführt, ob die Unternehmensgruppe, die sich auch stark in der Behindertenhilfe engagiert, überhaupt Spätabbrüche vornehmen sollte. Gegner argumentieren damit, dass es sich nicht mit dem christlichen Leitbild vertrage, wenn wegen Erbkrankheiten oder zu erwartender Behinderungen Spätabtreibungen stattfänden. Befürworter sagen, dass es dem diakonischen Auftrag widerspreche, betroffene Eltern abzuweisen.

In der MHH sei es „generelle Strategie, Spätabtreibungen zu vermeiden“, sagt Prof. Constantin von Kaisenberg, Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin. Mit der modernen Pränataldiagnostik könne man genetische Erbkrankheiten oder Behinderungen oft schon im Rahmen der gesetzlichen Fristenregelung von drei Monaten erkennen, sodass Abbrüche noch in dieser Zeit möglich seien. Danach nehme die MHH Abbrüche nur noch bei schwersten Fehlbildungen eines Kind und einer entsprechenden seelischen Beeinträchtigung der Mutter vor. Ein Kind mit Downsyndrom würde die MHH nach Ablauf der Dreimonatsfrist nicht mehr abtreiben, sagte von Kaisenberg. Prof. Ralf Schild, Chefarzt der Frauenklinik der DDH, hatte gegenüber der HAZ gesagt, dass er an einem Fötus mit Downsyndrom eine späte Abtreibung vornehmen würde.

Bernd Haase 30.10.2011
30.10.2011
Stefanie Kaune 30.10.2011