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Aus der Stadt Kita-Kinder lernen fremde Sprachen
Hannover Aus der Stadt Kita-Kinder lernen fremde Sprachen
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06:15 27.06.2012
Von Bärbel Hilbig
Immer mehr Kinder lernen schon im Kindergarten Fremdsprachen. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Hannover

Wenn Familie Wiedemann im Sommer in Frankreich Urlaub macht, wird die zehnjährige Ida sicher ab und zu für ihre Eltern als Dolmetscherin einspringen. „Meine Eltern haben auch Französisch in der Schule gelernt, sie können es aber nur noch ein bisschen“, erzählt die Viertklässlerin. Ida dagegen hat jetzt mit zwölf Mitschülern in der Grundschule Suthwiesenstraße eine Urkunde bekommen, weil sie ihren ersten offiziellen Französischtest bestanden hat. Das europaweit anerkannte „Diplôme d’études en langue française“, kurz DELF, haben Schüler bisher frühestens in der Mittelstufe bekommen. Doch Frankreich bietet den Test jetzt auch als „DELF prim“ für Grundschüler an.

Es ist natürlich kein Zufall, dass die Viertklässler aus Döhren als erste in Niedersachsen mitgemacht haben. Die Kinder gehen seit ihrer Einschulung in eine bilinguale Klasse, in der französisch und deutsch gesprochen wird. Mancher wie Idas Mitschüler Til Kobelt hat vorher schon den deutsch-französischen Kindergarten „Die Kleinen Gallier“ besucht. Bei etlichen anderen wie Anouk Meyer, die besonders gut abschnitt, kommen Mutter oder Vater aus einem französischsprachigen Land - oder auch aus Eritrea, Polen oder Russland. Ida hat mit Französisch erst in der Grundschule angefangen. „Ich freue mich, dass ich das gemacht habe, denn es macht mir sehr viel Spaß.“

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Brigitte Bergmann vom Kultusministerium lobte die Kinder: „Ihr könnt jetzt schon zwei Sprachen und damit mehr, als die Hälfte der Menschen in der Bundesrepublik.“ Das dürfte sich in den kommenden Jahren ändern, schließlich lernt fast jedes Kind heute mindestens eine Fremdsprache in der Schule. Und viele Kinder beginnen immer früher: In Hannover gibt es zwei zweisprachige, spanisch-deutsche Kitas, die schon in der Krippe beginnen. Die russisch-deutsche Krabbelgruppe „Singende Pinguine“ will neben der Sprache auch noch die musikalische Entwicklung der Kleinkinder fördern. An englisch-deutsche Zweisprachigkeit mit durchgängig anwesenden Muttersprachlern werden Kinder gleich in einem halben Dutzend Einrichtungen herangeführt. Daneben bieten nach Schätzungen der Stadtverwaltung zwei bis drei Dutzend weitere Kitas Englischunterricht. Ob ein oder zwei Stunden Englisch pro Woche allerdings Wirkung zeigen, wird von Fachleuten eher bezweifelt (siehe Interview).

In den drei Kitas der Medizinischen Hochschule wachsen alle 215 Kinder im Kindergartenalter mit deutsch- und englischsprachigen Erziehern auf. „Neue Kinder verstehen nach ein paar Wochen alles. Bis sie selbst sprechen, dauert es rund ein halbes Jahr“, sagt Kita-Leiterin Ilka Maserkopf. Sie schätzt besonders, dass die Sprachassistenten aus Australien, USA, Irland und England ihre eigene Kultur mitbringen. „Die Kinder lernen Offenheit.“ Für Kinder aus Einwandererfamilien sei die Erfahrung besonders wichtig, sagt Maserkopf. „Sie erleben, dass es toll ist, eine andere Sprache zu sprechen. Dadurch fühlen sie auch ihre eigene Kultur aufgewertet und sprechen zu Hause ihre Muttersprache, auch wenn sie es vorher verweigert haben.“

Interview mit Prof. Claudia Mähler vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim

Ist es sinnvoll, wenn Kinder schon im Kindergarten eine Fremdsprache lernen?

Die Kinder entwickeln sich in dieser Zeit sehr schnell, sie sind ausgesprochen neugierig und interessiert an der Welt. Das kann man nutzen. Im letzten Jahr vor der Einschulung entwickeln sie eine phonologische Bewusstheit. Sie wissen plötzlich, was Sätze und Wörter sind. Auch das könnte fürs Fremdsprachenlernen sprechen, wenn es spielerisch beim Hören und Mitmachen geschieht. Eltern wollen ihre Kinder oft möglichst perfekt aufs Leben vorbereiten.

Wird die Zeit im Kindergarten mit zu vielen Lernanforderungen überfrachtet?

Kinder sollten natürlich spielen und Freiräume ausnutzen. Aber man kann sie gut gezielt in ihren Fertigkeiten fördern, wenn das in den Alltag eingebunden ist. Die Erzieher sind dabei sehr hohen Anforderungen ausgesetzt, wenn sie die Kinder fit für die Schule machen sollen. Sie sollen die Kinder aufs Schreiben vorbereiten, den Umgang mit Mengen und Zahlen üben. Die Kinder sollen Selbstkontrolle lernen, soziales Verhalten und motorische Fähigkeiten. Es gibt also unglaublich viel zu tun. Und da ist es die Frage, ob Englisch auch noch dazugehören sollte.

Wie kann das Sprachenlernen im Kindergarten gelingen?

Die Kinder sollten ihre Muttersprache sicher beherrschen. Wenn dann eine zum Beispiel englischsprachige Erzieherin permanent Englisch mit ihnen spricht, klappt es. Wir sehen das bei Kindern, die im Elternhaus zweisprachig aufwachsen. Wenn beide Eltern komplett in ihrer jeweiligen Muttersprache sprechen, wird das Kind beide Sprachen gut lernen. Wenn Vater oder Mutter das aber nur ab und zu machen, reicht die Erfahrung nicht. Der Besuch einer Sprachlehrerin im Kindergarten, die nur ein- oder zweimal in der Woche kommt, macht den Kindern sicher Spaß. Es ist aber unwahrscheinlich, dass das nachhaltig zum Erwerb der Fremdsprache führt.

Inzwischen bieten ja sogar Krippen Englisch für Kleinkinder an. Fördert das die Sprachbegabung?

Das Gedächtnis der Kinder ist noch nicht so ausgeprägt, dass sie längerfristig profitieren könnten. Anders verhält es sich, wenn die Erzieherin sich permanent in der Fremdsprache mit ihnen beschäftigt und das im Kindergarten fortsetzt. Allerdings vergessen selbst kleine Kinder, die im Ausland gelebt haben, die dortige Sprache wieder, wenn die Familie nach Deutschland zurückkehrt.

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