Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Kita-Streik: Was machen die Eltern?
Hannover Aus der Stadt Kita-Streik: Was machen die Eltern?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:29 09.05.2015
Quelle: Carsten Rehder/dpa (Symbolfoto)
Anzeige
Hannover

Vermutlich mindestens bis Pfingsten müssen die meisten Eltern, die einen der knapp 3700 städtischen Kita-Plätze haben, die Betreuung ihrer Kinder selbst organisieren. Auch in Sozial- und Jugendämtern oder in der Behindertenhilfe wird es ab morgen zu Einschränkungen im Service kommen. Bundesweit hat sich die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten im kommunalen Erziehungs- und Sozialdienst dafür ausgesprochen, in einen unbefristeten Streik zu treten. Erzieher und Sozialarbeiter wollen damit ihre Forderung nach einer höheren Eingruppierung durchsetzen, was im Schnitt jeweils 10 Prozent mehr Gehalt bedeutet.

„So verständlich die Forderungen der Erzieher sind, am Ende sind die Eltern und Kinder die Leidtragenden“, sagt Katrin Göllinger (CDU), die auch im Vorstand des Kita-Stadtelternrates ist. Sie appellierte am Mittwoch an die Verhandlungsführer, sich schnell zu einigen. Den Beschäftigten bleibe leider keine andere Möglichkeit, für ihre Interessen zu kämpfen, als der unbefristete Streik, sagte Martin Peter von Verdi. Man sehe aber die Nöte der Eltern.     

Anzeige
Der unbefristete Kita-Streik steht vor der Tür. Doch wie organisieren Eltern, die berufstätig sind, ihren Alltag? Wer kommt für die Betreuung auf? Eine Umfrage bei hannoverschen Eltern. Von Sarah Franke. 

Das müssen Eltern wissen

Wer ist von dem Streik betroffen?
Ausschließlich die städtischen Kitas – aber das sind immerhin rund 240 Einrichtungen in Hannover und im Umland. In neun Einrichtungen der Stadt gibt es Notfallgruppen mit insgesamt 370 Plätzen. So kann ein Zehntel der Kinder, die sonst in den kommunalen Kitas betreut werden, betreut werden. Gestreikt wird aber auch im kommunalen Sozialdienst, also im Sozial- und Jugendamt, in Jugendzentren, Freizeitheimen und Behinderteneinrichtungen. Die Stadt hat versichert, dass es hier zwar Einschränkungen geben könnte, der Ablauf aber grundsätzlich gesichert sei.

Wer bekommt einen Kita-Notfallplatz?
Die Stadt will bei der Vergabe Alleinerziehende bevorzugen, die berufstätig oder in einer Ausbildung sind. Ebenso auch Langzeitarbeitslose, wenn sie in einer Umschulung oder Fortbildung stecken, damit deren Teilnahme nicht an mangelnder Kinderbetreuung scheitert. Eltern, die sich um einen Notfallplatz bewerben, bekommen bis heute Mittag Bescheid, ob sie diesen auch erhalten oder nicht. In den Notfallgruppen arbeiten durchaus auch Erzieher, die Gewerkschaftsmitglied sind. Zieht sich der Streik in die Länge, werden möglicherweise andere Kitas in den Notfalldienst einbezogen, während Einrichtungen, die jetzt einen Notdienst anbieten, dann bestreikt werden. So soll laut Verdi-Mann Martin Peter allen Erziehern die Möglichkeit gegeben werden, an dem Streik teilzunehmen, wenn sie dies wollen. Wer streikt, erhält Geld aus der Streikkasse der Gewerkschaften. Wer in einer Notfallgruppe eingesetzt wird, wird regulär von der Kommune bezahlt.

Reicht die Anzahl der Notfallplätze überhaupt aus? Und wieso kann eine kleine Gemeinde wie die Wedemark 150 Plätze anbieten und das große Hannover nur 370?
Beim letzten Streik im Jahr 2009 hatte es in Hannover nur 220 Plätze gegeben. Stadt und Verdi betonen, die Anzahl der Plätze sei das Ergebnis von Verhandlungen. Man könne aber nach einigen Wochen nachverhandeln, wenn der Streik immer länger dauere und die Nachfrage bei den Eltern steige. Vor Freitag könne die Stadt nicht sagen, wie viele Eltern sich um einen Notfallplatz bemüht haben.

Dürfen Eltern ohne Weiteres wegen des Streiks der Arbeitsstelle fernbleiben, um ihr Kind zu Hause zu betreuen?
Schön, wenn das Verhältnis zum Chef so gut und die Arbeitsorganisation im Betrieb so flexibel ist, dass Eltern nötigenfalls kurzfristig zu Hause bleiben können, um die Kleinen zu versorgen. Einen Anspruch darauf haben Eltern im Falle eines Kita-Streiks aber nicht. Das Gesetz stuft den Streik da im Prinzip nicht wie die Krankheit eines Kindes ein, bei der Mutter oder Vater zur Pflege zu Hause bleiben können. Vor dem Gesetz ist ein Streiktag – egal, ob lange angekündigt oder als spontaner Warnstreik – genauso wie Glatteis kein Grund, dem Job fernzubleiben, wie die hannoversche Arbeitsrechtlerin Ute Winderlich erklärt. Geschieht dies doch, könne das sogar als Arbeitsverweigerung gewertet werden und zur fristlosen Kündigung führen.

Können Eltern ihre Kinder notfalls bei einer Tagesmutter unterbringen, wenn die Kita wegen Streik geschlossen hat?
Bei den Tagesmüttern, die über die Tagespflegestellen der Landeshauptstadt vermittelt werden, gibt es keine Plätze mehr, sagt Birgit Merkel von der Fachberatungsstelle Kindertagespflege (Kitab), die rund 150 Tagesmütter in Hannover vertritt. „Wir haben bislang keine zusätzlichen Anfragen für eine Notbetreuung bekommen, das kann sich nächste Woche aber ändern“, sagt Merkel. In dem Fall werde der Verein abfragen, ob bei seinen Mitgliedern doch noch Plätze frei sind. Merkel weist aber darauf hin, dass ein Platz für ein Kind ohnehin einen längeren Vorlauf brauche: „In der Regel müssen sich Eltern ein halbes Jahr vorher um einen Platz kümmern, der frühestmögliche Betreuungstermin wäre der 1. August.“ Außerdem hat Merkel Bedenken, die Kinder aufgrund des Kita-Streiks kurzfristig von anderen Personen betreuen zu lassen. „Für die Kinder ist das eine Zumutung, sie brauchen genügend Zeit, um eine Beziehung zur Betreuungsperson aufzubauen.“

Aber auch in den Notgruppen werden die Kinder von nicht vertrauten Personen betreut ...
Deshalb müssen sich in diesen Gruppen auch nicht zwei Erzieher um 25 Kinder kümmern wie sonst üblich, sondern vermutlich vier, heißt es bei der Stadt. Wichtig sei, dass auch in Streikzeiten die pädagogische Qualität nicht leide, sagt Martin Peter von Verdi. Deshalb sind auch in den Notfallgruppen ausgebildete Erzieher und Sozialassistenten tätig und nicht Beschäftigte anderer Professionen, die im Notfall einspringen.

Welche Möglichkeiten haben Familien noch, wenn sie nicht auf Großeltern, Verwandte, Freunde oder Nachbarn zurückgreifen können?
Es gibt Internetportale wie betreut.de oder hallobabysitter.de, die Babysitter vermitteln. Oft handelt es sich um junge Frauen, Studentinnen oder Schülerinnen, die auf Kinder aufpassen, wenn Eltern mal einen Abend ins Kino wollen. Interessierte können sich als Mitglied registrieren lassen und gegen eine Gebühr von rund 30 Euro monatlich Kontakt zu Babysittern aufnehmen. Ob diese auch tatsächlich kurzfristig einen Kita-Ersatz bieten können, ist aber ungewiss. Wer zu den Kita-Gebühren auch noch einen extra Babysitter bezahlen muss, zahlt doppelt.

Der Kita-Stadtelternrat rät Eltern dazu, Gebühren für Streiktage später zurückzufordern, um so den Druck auf die Arbeitgeber für eine Einigung zu erhöhen.
Beim Streik 2009 hatte die Stadt den Eltern die Beiträge für Streiktage zurückerstattet. Ob sie das auch dieses Mal tut, ist noch unklar. „Wir haben uns dazu noch keine Meinung gebildet“, sagt Stadtsprecherin Konstanze Kalmus. Grundsätzlich hätten Eltern mit der Kita einen Vertrag geschlossen und seien verpflichtet, die Beiträge zu zahlen.  

Saskia Döhner, Sabrina Mazzola und Volker Wiedersheim 

Interview mit Petra de Buhr über Kita-Streik

Nachgefragt bei Petra de Buhr, die im aktuellen Konflikt um den Kita-Streik beide Seiten gut kennt: Sie ist einerseits selbst ausgebildete Erzieherin, sitzt aber zugleich für die SPD im Rat der Stadt und ist dort mitverantwortlich dafür, dass der Haushalt eingehalten wird. Die Mutter von zwei Kindern ist beim Land Niedersachsen angestellt, sie arbeitet in der Grundschule Am Lindener Markt und kümmert sich um Förderschüler.

Frau de Buhr, ihre Berufskollegen treten jetzt in einen unbefristeten Streik. Die Wut scheint groß zu sein, fühlen Sie sich mit den Erziehern verbunden?
Ich kann die Forderungen meiner Kollegen, die bei der Stadt angestellt sind, gut nachvollziehen. Auch ich bin der Ansicht, dass Erzieher schlecht bezahlt werden. Der Berufsstand verdient eine höhere Anerkennung.

Würde die Lohnforderung der Gewerkschaft umgesetzt, käme auf die Stadt ein Anstieg der Personalkosten um jährlich 
10 Millionen Euro zu. Können Sie das als Kommunalpolitikerin vertreten?
Nein. Die Forderung Verdis, so wie sie jetzt auf dem Tisch liegt, kann die Stadt Hannover nicht umsetzen. Mein Herz schlägt zwar für meine Berufskollegen und ihre Interessen, aber mein Kopf sagt, dass das so nicht geht. Denn am Ende müsste die Stadt an anderer Stelle den Rotstift ansetzen, etwa bei der Jugendarbeit. Leider ist es so, dass wir bei einem finanziellen Mehraufwand auf einer Seite dann auf der anderen Seite weniger Mittel für freiwillige Leistungen zur Verfügung haben.

Also sollten die Tarifpartner wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren. Ist ein unbefristeter Streik das richtige Mittel?
Streiks sind grundsätzlich ein legitimes Mittel in einer tariflichen Auseinandersetzung. Kommt es aber zu einem unbefristeten Streik, ist etwas schiefgelaufen. Ich muss aber die Verwaltung loben, dass sie immerhin 370 Notplätze in den städtischen Kitas ausgehandelt hat.

Haben Sie Tipps für Eltern, die sich jetzt nach einer alternativen Betreuung umsehen müssen?
Es ist sicher sinnvoll, private Betreuungsgruppen zu organisieren. Auch eine Betreuung durch Tagesmütter wäre denkbar. In jedem Fall sollten Eltern das Gespräch mit ihrem Arbeitgeber suchen.

Interview: Andreas Schinkel     

Mehr zum Thema

Der bevorstehende Erzieherstreik trifft vor allem Familien in Laatzen: Alle städtische Kindertagesstätten werden ab Donnerstag bestreikt, kündigen Stadt und Gewerkschaft an. Nur knapp 10 Prozent der Kinder sollen in Notgruppen unterkommen. In Hemmingen sind nur einige Einrichtungen betroffen.

Johannes Dorndorf 06.05.2015

Für den Kita-Streik, der am Freitag, 8. Mai, beginnt, richtet die Stadt drei Not-Kitas ein. Dort betreuen Mitarbeiter die Kinder aus anderen Einrichtungen, die den Not-Kitas zugeordnet werden.

06.05.2015

Schon am Freitag könnten die Mitarbeiter der zwölf städtischen Kindertagesstätten in einen unbefristeten Streik treten. Die Stadt hat vorsorglich einen Notfallplan erarbeitet und will den Betrieb in den Kitas Bordenau und Helstorf gewährleisten.

06.05.2015
09.05.2015
Simon Benne 24.02.2016
Simon Benne 24.02.2016