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Aus der Stadt Patient verklagt Klinik auf 100.000 Euro
Hannover Aus der Stadt Patient verklagt Klinik auf 100.000 Euro
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00:15 07.03.2015
Von Michael Zgoll
Das Nordstadtkrankenhaus erkannte die Erkrankung des Seniors zu spät.
Das Nordstadtkrankenhaus erkannte die Erkrankung des Seniors zu spät. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Ein 73-Jähriger, der im Nordstadtkrankenhaus unzureichend behandelt wurde, ist zum Pflegefall geworden. Sein Anwalt Marcus Vogeler hat am Mittwoch Klage beim Landgericht Hannover eingereicht – er fordert 100.000 Euro Schmerzensgeld. Mutter und Sohn versorgen den bettlägerigen Mann in einer Wohnung in Langenhagen rund um die Uhr. Der Pflegestufe-3-Patient kann nicht mehr ohne Hilfe stehen, leidet an Inkontinenz und einem Dekubitus-Geschwür, außerdem muss er gefüttert werden und ist depressiv.

Zugleich ging am Mittwoch in der Anwaltskanzlei Post des Klinikums Region Hannover (KRH) ein: Die Versicherung des KRH hat ein bereits bestehendes Vergleichsangebot von 25.000 Euro auf 40.000 Euro erhöht. Der schlechte Zustand des Seniors, so meint das Klinikum, sei aber nicht nur auf die fehlerhafte Behandlung zurückzuführen.

Erkrankung zu spät erkannt

Der Fall begann am 4. Mai 2012, damals war der Kläger 70 Jahre alt. Gesund war der stark übergewichtige Mann schon vor drei Jahren nicht, litt unter anderem an Bluthochdruck sowie Diabetes und hatte einen Teil seines Dickdarms entfernt bekommen. Doch nun plagten ihn erhebliche Rückenschmerzen, so erheblich, dass er nicht mehr laufen konnte. Mit Verdacht auf Entzündung einer Bandscheibe und Wurzelreizung an der Wirbelsäule wurde er am 5. Mai in der Neurologie des Nordstadtkrankenhauses eingeliefert. Schon am ersten Tag zeigten die Laborwerte eine Nierenschwäche und eine Entzündung im Körper an. Doch die folgenden drei Tage passierte - nichts.

Dem Patienten ging es zunehmend schlechter. Sein CRP-Proteinwert, der Auskunft über den Grad einer Entzündung gibt, schnellte von 19 über 140 bis auf 312 in die Höhe. Doch wurde weder eine Magnetresonanztomografie (MRT) veranlasst, noch forschten die Ärzte des Klinikums nach den Ursachen der massiven Entzündung. Das Blut übersäuerte immer mehr, es bildete sich eine Lungenentzündung heraus und der 70-Jährige bekam kaum noch Luft. Zudem wurden ihm, so ein weiterer Vorwurf seines Anwalts, keine Antibiotika, sondern kontraproduktive Medikamente verabreicht.

Tage der Untätigkeit

Am 9. Mai sollte eine MRT-Aufnahme gefertigt werden. Doch stellte sich heraus, dass dies wegen des Körperumfangs des Patienten nicht möglich war. Besonders verletzend empfanden die Angehörigen den Ausspruch eines Oberarztes, der - angesprochen auf die vielen Tage der Untätigkeit - seinen Kittel aufriss und sie anherrschte: „Was kann ich dafür, wenn der dicke Mops nicht in die Röhre passt?“

Die nächsten Monate auf den Intensivstationen von Nordstadt- und Oststadtkrankenhaus wurden für den Senior zum Alptraum. Sein Kreislauf brach mehrfach zusammen, es kam zu multiplem Organversagen, er lag im Koma und musste acht Wochen beatmet werden. Zu den dadurch verursachten Dauerschäden zählt auch eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die unheilbar ist. Vogeler spricht davon, dass auf den Intensivstationen alles Menschenmögliche getan wurde, die groben Behandlungsfehler aber bereits im Mai 2012 in der Nordstadt-Neurologie passiert seien: „Dort hat man sehenden Auges zugelassen, dass der Patient beatmungs- und intensivpflichtig wurde.“

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